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Homeoffice: Microsoft beschränkt Überwachungssoftware für Firmen | BR24

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Datenschützer kritisieren Microsoft wegen eines Tools mit dem Firmen ihre Mitarbeiter überwachen können.

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Homeoffice: Microsoft beschränkt Überwachungssoftware für Firmen

In den Zeiten mit intensivem Homeoffice haben manche Chefs Angst, die Kontrolle über ihre Mitarbeiter zu verlieren. Microsofts Büro-Software 365 schien hier helfen zu können. Nach Protesten von Datenschützern rudert der US-Konzern nun zurück.

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Von
  • Christian Sachsinger

Wäre alles so geblieben, wie Microsoft es eigentlich programmiert hatte, wären die Zeiten für Mitarbeiter im Homeoffice womöglich deutlich unangenehmer geworden. Mit Hilfe des Analysetools Productivity Score von Office 365 (mit Programmen wie Word, Excel, PowerPoint, Outlook oder Teams) gibt es für das Management die Möglichkeit, genau zu verfolgen, wie aktiv die eigenen Leute zu Hause arbeiten. Seit Anfang November ließ sich ermitteln, welche Person welche Microsoft-Dienste wie E-Mail, Chat oder Teams nutzt. Das alles wurde in einem Video von Microsoft beworben und erklärt.

Datenschützer übten deutliche Kritik

Diese Art der Effektivitätskontrolle durch Office 365 führte zu heftigen Reaktionen im Netz. So warnte zum Beispiel der österreichische Datenschutzaktivist Wolfie Christl, dass Microsoft für jeden Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin eine persönliche Kennzahl vergibt, die anzeigt, wie gut man sich im Unternehmen vernetzt, indem man E-Mails schreibt, Termine im Kalender einträgt, oder Chats führt.

Etwa eine Woche lang hagelte es Kritik, dann reagierte man in Redmond.

Microsofts Bekenntnis zum Datenschutz

In einer Mitteilung greift Microsoft die Kritik auf und betont, man erkenne die Privatsphäre generell als Menschenrecht an. Das Analysetool sei nie dafür entwickelt worden, einzelne Personen zu bewerten. Deshalb sollen nun alle Namen aus dem Tool verschwinden. Chefs können also nicht mehr so leicht nachverfolgen, wer wieviel gemailt, gechattet oder kontaktiert hat. Das Tool Productivity Score bleibt allerdings bestehen. Es soll den Unternehmen helfen, den Einsatz der Software zu optimieren. Wie weit der Einblick in die Produktivität einzelner Unternehmenseinheiten fortan reicht und wie leicht sich dadurch doch wieder auf Einzelpersonen Rückschlüsse ziehen lassen, das ist schwer zu sagen. Auf konkrete Fragen von BR24 dazu lieferte Microsoft eine wenig präzise, schriftliche Antwort.

"Kennzahlen zu Kommunikation, Online-Besprechungen, der Zusammenarbeit an Inhalten, Teamarbeit und die Mobilität werden im Productivity Score nur noch Daten auf Organisationsebene aggregiert. Der Productivity Score dient nicht dazu, Zugriff auf das individuelle Nutzungsverhalten von einzelnen Benutzer*innen von Microsoft 365-Anwendungen oder -Services zu erlangen." Auszug aus dem schriftlichen Statement von Microsoft

Wann genau das Analysetool übrigens umgestellt wird, so dass einzelne Mitarbeiter nicht mehr automatisch nachverfolgbar sind, konnte bei unserer Anfrage nicht geklärt werden.

"Microsofts Strategie war unglücklich"

Der Präsident des Bayerischen Landesamtes für Datenschutzaufsicht, Michael Will, hat den Fall Office 365 genau verfolgt. Seiner Ansicht nach war es unglücklich von Microsoft, ein Produkt in Europa anzubieten, das nicht konform ist mit dem hiesigen Datenschutz. So sieht die Europäische Datenschutzgrundverordnung das sogenannte "privacy by default" vor (datenschutzfreundliche Voreinstellung), wonach Microsoft das Analysetool wenigstens standardmäßig hätte deaktivieren müssen. Damit die nachgebesserte Version für Will unbedenklich wäre, dürften die Analysedaten auch nirgends gespeichert werden. Zudem dürfte ein solches Programm nach Ansicht des Datenschutzaufsehers nur Statistiken über Technologienutzung erzeugen, ohne jegliche Möglichkeiten der persönlichen Rückverfolgung. Für kleine Unternehmen eignet sich der Productivity Score deshalb grundsätzlich nicht.

„Es ergeben sich von vornherein dort Grenzen, wo wir sehr kleine Betriebe haben oder wo wir keine Anonymität herstellen können, weil es nur eine kleine Anzahl von Leuten gibt, die bestimmte Funktionen nutzen – und sei es auch nur an bestimmten Tageszeiten.“ Michael Will, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Datenschutzaufsicht

Microsoft ist dabei übrigens rein rechtlich gesehen aus der Verantwortung. Probleme mit den Datenschutzbehörden bekommen am Ende immer jene Firmen, die eine nicht datenschutzkonforme Software einsetzen.

Wie ernst ist es Microsoft wirklich mit der Privatsphäre?

Dass es sinnvoll sein könnte, dass Datenschützer bei Microsoft auch in Zukunft genau aufpassen, darauf deuten zudem zwei Patente hin, von denen Netzpolitik.org berichtet: Im ersten Patent hat sich Microsoft demnach eine Methode gesichert, die helfen soll, wenig teamorientierte Mitarbeiter im Unternehmen zu identifizieren, um ihnen "Umerziehungsangebote" zukommen zu lassen. Im zweiten Patent geht es dem angeblich darum, die Qualität von Meetings zu optimieren; mit Hilfsmitteln wie Temperaturmessung, Gesichts- und Stimmungsanalyse via Kamera.

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