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Hildmann, Naidoo & Co.: Warum Verschwörungsfans Telegram nutzen | BR24

© picture alliance/imageBROKER/Wolf

Telegram ist mehr als nur ein Messenger-Dienst unter vielen, gerade für Verschwörungstheoretiker.

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    Hildmann, Naidoo & Co.: Warum Verschwörungsfans Telegram nutzen

    Fast 60 Millionen Deutsche sind bei WhatsApp, mehr als 30 Millionen bei Facebook. Prominente, die Verschwörungstheorien verbreiten, nutzen dennoch den deutlich kleineren Messenger Telegram - gerade in Corona-Zeiten. Das ist kein Zufall. Eine Analyse.

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    Es ist ganz schön schwer, bei den Corona-Verschwörungstheorien auf dem neusten Stand zu bleiben, auch wenn die Kollegen vom BR24-Faktenfuchs genau das tun. Vermutungen, Verdächtigungen, Vorwürfe. Jede Menge vermeintliche Beweise. Etwas überspitzt formuliert lautet der Tenor: Angela Merkel, Bill Gates, die 5G-Netze, ein Labor in Wuhan und viele mehr haben sich verschworen, um Demokratie und Wirtschaft abzuschaffen und die Menschen kollektiv zu impfen. All das natürlich weltweit.

    Wer solche und ähnliche Thesen aktuell hören möchte, der wird auf einschlägigen Facebook-Seiten, in Youtube-Videos oder auch in der Familien-WhatsApp-Gruppe fündig. In geballter Form sind sie jedoch in Telegram-Channels zu finden. Prominente wie der bekannte Koch Attila Hildmann und der noch bekanntere Sänger Xavier Naidoo, aber auch Gruppen wie die "Corona-Rebellen" posten dort ihre Theorien zum Untergang des Abendlandes. Mal mit, mal ohne Corona-Bezug.

    Warum ausgerechnet Telegram?

    Doch warum nutzen sie diesen aus Russland stammenden und in Dubai ansässigen Messenger-Dienst, wenn doch Facebook, WhatsApp und Youtube deutlich mehr Reichweite versprechen? Telegram hat im Deutschland, Österreich und Schweiz rund 8 Millionen aktive Nutzer pro Tag, Facebook knapp 30 Millionen, WhatsApp bringt es allein in Deutschland auf 60 Millionen User.

    Dass Telegram dennoch den Vorzug erhält, dürfte vor allem zwei Gründe haben. Erstens: die Haltung des Anbieters. Und zweitens: eine entscheidende Funktion der App.

    Ein Grund: die Haltung des Anbieters

    Telegram setzt der freien Meinungsäußerung keinerlei Grenzen. Das betont das Unternehmen auf seiner Website. Dort ist zu lesen: "Terroristische (zum Beispiel ISIS-bezogene) Bots und Kanäle werden von uns blockiert, jedoch werden wir keinesfalls Nutzer daran hindern, auf friedliche Weise alternative Meinungen zum Ausdruck zu bringen."

    Auch lokale Gesetze, die der Meinungsfreiheit Grenzen setzen, werden ausdrücklich nicht angewandt. Was für Regierungskritiker in Diktaturen Schutz vor Verfolgung bedeutet, heißt im Umkehrschluss auch, dass etwa die in Deutschland verbotene Holocaustleugnung bei Telegram kein Problem sein dürfte.

    Das deutsche Grundgesetz sieht zudem vor, dass die Meinungsfreiheit da endet, wo die Ehre einer anderen Person verletzt wird. Daher sind etwa Hetze, Beleidigungen oder Verleumdungen nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt. Bei Telegram dürften auch solche Äußerungen problemlos durchgehen.

    Das ist bei anderen Social-Media-Anbietern anders: Zwar haben auch Facebook, Youtube, Twitter und Co. teils recht großzügige Auslegungen von Meinungsfreiheit, alles ist dort allerdings nicht erlaubt. Auch wenn dies - wie bei Hate Speech oder bei Corona-Fake News erkennbar - nicht immer funktioniert, versuchen die Anbieter zumindest, Hetze, Holocaust-Leugnung und gefährliche Falschinformationen zu identifizieren und/oder zu entfernen.

    Dass Telegram hier gar nicht eingreift, wissen die Verbreiter von Verschwörungstheorien, Hass und Hetze natürlich zu schätzen. Das gilt übrigens auch für Terroristen: Lange war Telegram vor allem bei der Terrororganisation IS extrem beliebt, um dort Propaganda zu teilen. Hier hatte Telegram jedoch ein Einsehen: IS-Channels können gemeldet werden und werden dann offenbar gelöscht. Andere gefährliche Gruppen wie etwa Rechtsextreme nutzen die App allerdings weiter ungestört zum Teilen von Hass und Fake News.

    Ein zweiter Grund: die entscheidende Funktion der App

    Würde es aber nur darum gehen, ohne Eingriffe von außen Inhalte teilen zu können, könnten die Verschwörungsfans jedoch auch WhatsApp nutzen. Die Inhalte sind dort ebenso wie (oder sogar besser als) bei Telegram verschlüsselt und können daher nicht gemeldet oder von WhatsApp eingesehen und gelöscht werden.

    Warum also nicht das deutlich beliebtere WhatsApp statt Telegram nutzen?

    Die Antwort: Gruppen und Channels. Bei Telegram können Gruppen bis zu 200.000 Mitglieder haben - und Channels, in denen wenige schreiben und der Rest nur mitliest, gar unbegrenzt viele (und anonym bleibende) Follower. Bei WhatsApp gibt es eine Channelfunktion nicht, das Weiterleiten von Nachrichten und der Versand von Newslettern wurde hier zuletzt sogar deutlich eingeschränkt beziehungsweise ganz unterbunden; Gruppen können bei WhatsApp nicht mehr als 256 Mitglieder haben.

    Nachrichten allgemein, aber eben auch Verschwörungstheorien, Hass und Hetze lassen sich bei Telegram folglich ungehindert und schnell an eine Vielzahl von Menschen verbreiten, bei WhatsApp dagegen jeweils nur an relativ wenige.

    Tödliche Folgen grenzenloser Meinungsfreiheit

    Dass WhatsApp die Gruppengröße und Nachrichten-Weiterleitung eingeschränkt hat, hat übrigens sehr handfeste Gründe. Die Facebook-Tochter bekam die realen Folgen der Verbreitung gefährlicher Fake News über ihren Dienst im vergangenen Jahr zu spüren: In Indien wurden 2019 mehrere Menschen aufgrund von per WhatsApp verbreiteten Fake News von Menschenmengen zusammengeschlagen und teils getötet.

    WhatsApp entschied daraufhin, dass Nachrichten in Indien nur noch an maximal fünf Leute weitergeleitet werden können, um die virale Verbreitung von Falschinformationen zu unterbinden. Die Regel zur Weiterleitung von Nachrichten bei WhatsApp gilt derweil übrigens bereits seit Anfang April auch außerhalb Indiens.

    Aufruf von Medizinern

    Die Folgen einer ungezügelten Meinungsfreiheit können also durchaus real sein und Menschen gefährden. Seien es Hasskommentare, die beispielsweise Attacken auf Asylbewerberheimen vorangehen können. Oder Fake News, die dazu führen, dass Menschen sich nicht impfen lassen oder vollkommen sorglos mit Pandemien umgehen. Auch das kann Menschenleben gefährden. Nicht zuletzt deswegen haben jüngst mehr als 100 Mediziner in einem offenen Brief Facebook, Youtube, Twitter und Co. dazu aufgefordert, stärker gegen Falschinformationen vorzugehen. Dass mit Telegram und Anbietern wie 4chan komplett regelfreie Alternativen zu den zumindest noch zum Teil regulierten Groß-Netzwerken bereitstehen, gilt es bei dieser Forderung übrigens durchaus zu beachten.

    Telegram bleibt nämlich offenbar auch in der Coronakrise bei seiner Offenheit, von denen auch gefährliche Aufrührer und Fake-News-Spreader profitieren. Gegen die IS-Kanäle ging der Messenger-Dienst allerdings nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015 durchaus vor. Die Terroristen hatten Telegram damals sogar genutzt, um sich zu den Taten zu bekennen.

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