BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR24
Bildrechte: BR24

In einer Reihe von Videos erklären Freiwillige von "Hey, Alter", was die neuen alten Rechner können und wie man sie in Betrieb nimmt.

Per Mail sharen

    "Hey Alter" unterstützt Schüler mit renovierten Rechnern

    Nicht jeder ist fürs Homeschooling gerüstet. Die Initiative "Hey Alter" sammelt alte Rechner, möbelt sie wieder auf und verteilt sie an Schüler, die einen Computer für zuhause brauchen. Das sind mehr, als man meinen möchte. Auch im reichen Bayern.

    Per Mail sharen
    Von
    • Bernd Oswald

    Die Corona-Pandemie hat den Unterricht in Deutschlands Schulen gehörig durcheinander gebracht. Präsenzunterricht geht entweder gar nicht oder nur eingeschränkt. Deswegen findet der Unterricht - je nach Schulart und Klasse - ganz oder teilweise digital statt. Fast jede Schülerin und jeder Schüler hat mittlerweile seine eigene Homeschooling-Erfahrung.

    Doch nicht jede Familie ist technisch für den digitalen Unterricht von zuhause aus gerüstet. Gerade, wenn es mehrere Kinder gibt - und auch die Eltern im Homeoffice arbeiten, werden die Computer oft knapp - oder es gibt Streit, wer sie wann nutzen darf.

    Alte Rechner für junge Leute

    Das war der Grund, warum Mitte April 2020 Martin Bretschneider, Inhaber einer großen Werbeagentur in Braunschweig und Moritz Tetzlaff, Projektleiter bei einem Braunschweiger Co-Working-Space, auf die Idee kamen, ausgemusterte Rechner aufzumotzen und an Schüler zu verschenken. "Hey Alter", war geboren, "alte Rechner für junge Leute" lautet die Devise.

    Auf der "Hey Alter"-Website kann sich jeder melden, der einen noch funktionsfähigen, aber nicht mehr ganz taufrischen Rechner hat. Meist sind das Firmen, aber auch Institutionen und Privatpersonen gehören zu den Spendern. Die Rechner sollten nicht älter als acht Jahre sein, noch funktionieren und mindestens einen 2GHz Dual Core Prozessor und 4GB RAM haben.

    Freiwillige setzen die alten Rechner neu auf

    Ein Team aus ehrenamtlichen Helfern - oft sind das Studierende - löscht eventuell noch vorhandene Daten und installiert anschließend das Betriebssystem Ubuntu Linux, einen Browser, das Softwarepaket LibreOffice (eine freie Alternative zu Microsoft Office) sowie eine Reihe weiterer Programme, etwa zum Zeichnen oder für Videoaufnahmen. In diesem Video stellt "Hey Alter" die installierten Programme vor.

    Finanziert wird der "Hey, Alter! Braunschweig e.V." neben den Mitgliedsbeiträgen von Stiftungen wie der Ferry Porsche Stiftung.

    25 Ableger in Deutschland, davon drei in Bayern

    Die in Braunschweig gestartete Initiative hat mittlerweile 25 Ableger in verschiedenen Regionen Deutschlands, davon drei in Bayern: Augsburg, Mindelheim und Schrobenhausen. In Ingolstadt und München sind ebenfalls neue Initiativen geplant.

    In Schrobenhausen hat Luise Krammer, Geschäftsführerin einer örtlichen IT-Servicefirma, im Dezember die lokale “Hey Alter"-Intiative gegründet. "Geld verschenken bringt’s nicht, ich wollte auch das Know-How unserer Firma einbringen", sagt sie zu BR24. Sie schrieb Ihre Kunden an und bat um Computerspenden. Am liebsten seien ihr Laptops mit Kamera, die seien von der Handhabung her am einfachsten, außerdem seien sie speziell für Familien mit wenig Platz besser geeignet als ein Desktop.

    Das Recycling der gebrauchten Rechner übernehmen ihre Azubis, Krammer selbst kümmert sich darum, dass alle Komponenten wie Mäuse, Tastaturen, Webcams, Headsets und Lautsprecher vorhanden sind. Wenn nicht, kauft sie diese - mit Spenden, die beim Rotary Club Aichach-Schrobenhausen eingezahlt werden können.

    Hey, Alter Schrobenhausen hat 130 Geräte verschenkt

    Krammer verschenkt die Rechner aber nicht selbst, sondern wendet sich an die Schulen aus der Region, die dann die Geräte an bedürftige Schüler verteilen.

    Bislang hat sie rund 130 Geräte samt Zubehör an 15 Schulen aus den Landkreisen Aichach-Friedberg, Neuburg-Schrobenhausen und Ingolstadt verschenkt. Es sind so gut wie alle Schularten dabei: Krammer berichtet von Förder-, Sonder, Berufs-, Grund-, Mittel- und Realschulen.

    "Familien streiten, welches Kind am Unterricht teilnehmen darf"

    Es gebe mehr Bedarf als man denke. Zum einen hätte manche Eltern Haftungsbedenken für den Fall, dass ein Leihgerät der Schulen beschädigt werden. Ganz davon abgesehen, dass es gar nicht genügend Leihgeräte gebe. Manche Eltern dächten sich, "anderen geht es noch schlechter als uns" und wollten sich deshalb nicht in den Vordergrund drängen. Und dann gebe es die Familien mit mehreren schulpflichtigen Kindern, bei denen es zuhause nicht genügend Rechner gebe. "Da wird dann in den Familien gestritten, welches Kind am Unterricht teilnehmen darf. Das ist heftig für ein reiches Land wie Bayern", sagt Krammer zu BR 24.

    Hey, Alter-Gründer: In Deutschland fehlen mehr als 500.000 Rechner

    In ganz Deutschland sind über "Hey Alter" mehr als 3600 Computer an Schüler verschenkt worden. Gründer Bretschneider freut sich zwar darüber, sieht darin aber nur einen Tropfen auf dem heißen Stein. Er schätzt, dass in Deutschland mehr als eine halbe Million Rechner für Kinder fehlen: “Eine gigantische Fehlquote – auch der deutschen Politik”, schreibt er auf eine BR24-Anfrage.

    Zwar hat das Bundesbildungsministerium im Sommer 2020 500 Millionen Euro für die Anschaffung von Schülerlaptops zur Verfügung gestellt, Bayern hat sogar nochmal kräftig draufgesattelt, um Endgeräte zu kaufen. Doch Simone Fleischmann, Präsidentin des bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) zufolge habe nicht jedes Kind in Bayern, das ein Endgerät brauche, auch eines. Ein weiteres Problem sind die teilweise fehlenden Kapazitäten für die Wartung der Geräte.

    Insofern werden auch fürs Erste weitere ehrenamtliche Computer-Recycling-Intitiativen wie "Hey, Alter" nötig und wohl auch gefragt sein.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!