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Handy-Daten sollen beim Kampf gegen Corona helfen | BR24

© dpa-Bildfunk/Paul Zinken

Das Robert-Koch-Institut (RKI) will im Kampf gegen das Coronavirus auch auf Handydaten setzen.

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    Handy-Daten sollen beim Kampf gegen Corona helfen

    Das Robert-Koch-Institut will im Kampf gegen das Coronavirus auch auf Handydaten setzen. Datenschützer sehen dabei keine Probleme – wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

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    Das Robert-Koch-Institut (RKI) will im Kampf gegen das Coronavirus auch auf Handydaten setzen. Anonymisierte Massendaten sollen Aufschluss darüber geben, ob die Menschen tatsächlich weniger mobil geworden sind und somit die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Denn wenn die Menschen sich weiterhin so verhalten würden, wie sie es bis vor einer Woche gemacht haben, werde es schwer, das Virus einzudämmen, erläuterte der Präsident des RKI, Lothar Wieler, in einer Pressekonferenz.

    Um Infektionsketten besser nachvollziehen zu können, spielt aber auch das Tracking von Einzelpersonen eine Rolle in den Überlegungen von Forschern. In beiden Fällen werden Handydaten ausgewertet, doch die Ansätze sind grundverschieden. Datenschützer sehen keine Probleme – wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

    Auswertung anonymisierter Daten

    Zahlreiche Telekommunikationsunternehmen in Europa, unter anderem die Deutsche Telekom mit der Tochterfirma Motionlogic, bieten seit längerem Analysen anonymisierter Funkzelldaten an. Sie entstehen im normalen Mobilfunkbetrieb, wenn Handys beim Telefonieren, Surfen oder SMS-Schreiben mit den Sendemasten kommunizieren. Diese Daten werden mit aufwendigen Verfahren anonymisiert und kommen etwa in der Stadt- und Verkehrsplanung zum Einsatz. Dort helfen sie zu verstehen, wie sich Menschen in Großräumen bewegen. Es sind genau diese Datensätze, die die Telekom nun dem RKI zur Verfügung gestellt hat.

    Ulrich Kelber, der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI), sagte dem BR, unter den aktuellen Umständen spreche nichts gegen die Weitergabe dieser Daten zum Zweck des Gesundheitsschutzes: "Aus diesem Grund läuft derzeit ein Konsultationsverfahren meiner Behörde. Vor Abschluss dieses vom Ergebnis offenen Verfahrens wird es aber keine Untersagung der bisherigen Praxis geben, der BfDI sieht den Schutz der Daten bei Einhaltung der vorgegebenen technischen Voraussetzungen gewährleistet.“

    Datenschutz gewährleistet

    Bewegungsprofile einzelner Menschen sind in diesen Daten nicht mehr enthalten. Stattdessen funktionieren sie wie eine Statistik über das Reiseverhalten in Stundenabschnitten – zum Beispiel 127 Menschen sind am Donnerstag zwischen 7:00 und 8:00 Uhr von München nach Augsburg gereist. Die Standortbestimmung über Funkzellen ist jedoch zu ungenau, um zu prüfen, welche Straßen oder Gebäude eine Person konkret besucht hat. In städtischen Gebieten, wo viele Handymasten stehen, liegt die räumliche Genauigkeit bei einem Radius von circa 150 Metern. Auf dem Land kann eine Funkzelle ein Gebiet von mehreren Quadratkilometern abdecken – entsprechend ungenauer sind die Daten.

    Juristin Ninja Marnau arbeitet am Helmholtz Zentrum für Informationssicherheit. Sie sagt im Gespräch mit dem BR, es sei besonders wichtig, darauf zu achten, dass die Gruppengröße bei den anonymisierten Daten ausreichend groß bleibe: "Wenn das erfüllt ist, kann man da sowohl rechtlich als auch technisch durchaus von Anonymisierung sprechen."

    Auswertung personenbezogener Daten

    Deutlich heikler als die Analyse von anonymisierten Massendaten sind die individuellen Bewegungsprofile von Handynutzern. Ein modernes Smartphone ist in der Lage, sämtliche Bewegungen des Besitzers abzuspeichern. Die in den Geräten verbauten Sensoren machen das möglich. Außerdem lassen sich Smartphones über GPS orten, das satellitenbasierte System bestimmt den Standort momentan bis zu fünf Meter genau. Und im sogenannten Bewegungsverlauf lassen sich sämtliche Bewegungen abspeichern. Dadurch wissen Nutzer, wann und wo genau sie in der Vergangenheit unterwegs gewesen sind.

    Auch diese Daten sollen in Zukunft zur Eindämmung der Pandemie genutzt werden. Die Medizinische Hochschule Hannover hat zusammen mit der Hamburger Firma Ubilabs bereits einen ersten App-Prototyp entwickelt. Nach eigenen Angaben können damit zwei Fragen gelöst werden: Man können herausfinden, welche Orte Patienten, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, besucht haben. Und es wäre eine Einschätzung des persönlichen Infektionsrisikos von Menschen möglich, die sich in deren Nähe aufgehalten haben. Dazu wird auf besagten Bewegungsverlauf des Smartphones zugegriffen. Von einer "Datenspende" ist die Rede.

    Nutzer müssten Daten-Weitergabe zustimmen

    Nach Ansicht von Juristin Ninja Marnau sind Daten der positiv getesteten Personen nicht anonymisierbar. "Weil wir ja ganz konkrete Bewegungsmuster dieser Personen brauchen, um dann in einer App abzugleichen, ob sie anderen Personen begegnet ist". Selbst wenn der Ort der Wohnung des Infizierten aus den Daten entfernt werde, sei das Risiko einer Identifizierung hoch. Bewegungsmuster seien vor allem dann auf einzelne Personen zurückführbar, wenn man sie kombiniere. Die Nutzer müssten der Weitergabe der Daten aktiv zustimmen.

    Die Daten selbst werden lokal auf dem Smartphone der App-Verwender gespeichert. "Das ist aus meiner Sicht auch der einzig richtige Ansatz, wie man so etwas umsetzen sollte", sagt die Expertin für den Schutz der Privatsphäre, Ninja Marnau, dem BR. Da die Daten auf den Smartphones der Benutzer bleiben, sei das Risiko, dass der Betreiber die Daten verliere, "nicht so massiv". Schließlich besitze er sie gar nicht. Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Kelber lehnt die Nutzung dieser Daten nicht grundsätzlich ab: "Ich sehe, dass in anderen Staaten während der Corona-Pandemie der Datenschutz teilweise vernachlässigt wird. In Deutschland sehe ich dafür keinen Grund, denn alle Lösungen lassen sich auch grundrechtskonform gestalten." Wann die App zum Download in den Appstores bereitsteht, ist noch nicht bekannt.

    Anmerkung der Redaktion: Die Mit-Autorin dieses Artikels, Cécile Schneider, hat in einer früheren Rolle bei einer Tochterfirma von Telefónica Deutschland mit anonymisierten Funkzelldaten gearbeitet.