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Hacker-Angriff auf Hirn und Herz | BR24

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Hirn-Herz-Hack

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Hacker-Angriff auf Hirn und Herz

Löchrig wie ein altes Android-Handy, so sind etliche medizinische Implantate, die Sicherheitslücken gewaltig. Manche Hersteller weigern sich, sie zu stopfen. Aber: Wenn Herz- oder Hirnschrittmacher ausfallen, kann das tödlich enden. Von Achim Killer

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Eine halbe Million Träger von Herzschrittmachern haben im letzten Jahr ins Krankenhaus gemusst, um neue Firmware für ihre Implantate aufspielen zu lassen. Auf Anordnung des US-amerikanischen Gesundheitsamts. Die Schrittmacher waren unsicher. Hacker hätten die Batterie entladen oder die Frequenz verändern können. Ein Jahr zuvor waren’s 100.000 Insulinpumpen. Intelligente Prothesen sind angreifbar. Bereits heute. Die größten Sorgen allerdings bereiten Experten die so genannten Gehirnschrittmacher. Von Deep Brain Stimulation spricht man auch. Auf Deutsch: Tiefe Gehirnstimulation.

Elektrode im Gehirn

"Bei der Tiefen Hirnstimulation wird eine Elektrode ins Gehirn implantiert", erläutert Laurie Pycroft, Neurochirurg an der Universität Oxford. "Weltweit ist das bei ungefähr 100.000 Menschen gemacht worden, vor allem bei Parkinson-Patienten. Mittlerweile wird zunehmend erforscht, wie sich mit der Tiefen Hirnstimulation psychische Erkrankungen behandeln lassen, etwa Depressionen, Zwangsstörungen und Magersucht und auch chronische Schmerzen oder andere neuronale Funktionsstörungen."

Steuerung der Elektroden per Smartphone-App

Der Hirnschrittmacher besteht aus einer Titanelektrode, die tief ins Gehirn eingeführt wird, und einem Impulsgeber, ebenfalls im Körper des Patienten. Eingestellt wird der Impulsgeber über eine Smartphone-App, mit der er sich bei Bedarf per Bluetooth verbindet.

Hack aus nächster Nähe möglich

Ein Einfallstor für Hacker, findet Dmitry Galov vom IT-Sicherheitsunternehmen Kaspersky: "Wenn ein Angreifer sich in der unmittelbaren Nähe eines Patienten befindet, kann er beispielsweise wiederholt das Implantat per Funk kontaktieren. Das entlädt die Batterie sehr schnell, weil der Pairing-Prozess viel Energie verbraucht. Das ist ein großes Problem für Patienten, die etwa im Flugzeug vielleicht 12 Stunden lang nahe bei Fremden sitzen."

Kann man einen Fahrer mit Implantat hacken?

Noch verheerender würde es sich auswirken, wenn es einem Hacker gelänge, die Einstellungen des Impulsgebers per Bluetooth zu verändern. "Wenn ein Patient ein Implantat gegen Parkinson hat und ein Angreifer dessen Einstellungen manipuliert, dann kann er die Person eine Zeit lang bewegungsunfähig machen. Und man kann sich vorstellen, was passiert, wenn diese Person gerade Auto fährt..." , malt Galov den Horror-Hack aus.

High-Tech fürs Gedächtnis

Das Einsatzgebiet der Tiefen Hirnstimulation hat sich im Laufe der Jahre stark ausgeweitet und wird das wohl auch in Zukunft tun. Aktuell wird erforscht, inwieweit sich das Verfahren positiv auf das Gedächtnis auswirken könnte.

Von der Prothese zur Selbst-Optimierung

"Es scheint sich zur Behandlung von Gedächtnisstörungen zu eignen. Gegenwärtig wird es bei Alzheimer erprobt. In den nächsten Jahrzehnten wird es wahrscheinlich gegen Demenz eingesetzt, dann gegen altersbedingtes Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit und dann vielleicht, um das Gedächtnis von ansonsten gesunden Menschen zu verbessern", prognostiziert Neurochirurg Pycroft.

Implantate - Geheimdienst im Kopf

Schon seit Jahren wird über den Einsatz von Gehirnimplantaten zur Leistungssteigerung diskutiert. Dmitry Galov von Kaspersky spricht auf der diesjährigen Analysten-Konferenz seines Unternehmens davon, dass zur Jahrhundert-Mitte Kriminelle und Geheimdienste versuchen könnten, menschliche Gehirne zu hacken und gespeicherte Erinnerungen auszulesen. Das allerdings ist noch Science Fiction. Noch!