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"Give truth a chance": Wie funktioniert Faktenchecken? | BR24

© dpa/Gregor Fischer

Martin Knobbe, Redakteur beim Spiegel, erläutert die Verifikation des Strache-Ibiza-Videos.

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    "Give truth a chance": Wie funktioniert Faktenchecken?

    Nachdem Manipulationen in sozialen Netzwerken die US-Wahl und die Brexit-Abstimmung beeinflusst haben, beschäftigen sich Medien intensiv mit dem Thema Verifikation. Für einen Austausch trafen sich nun Faktenchecker aus Deutschland und Österreich.

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    Fast alle Medien haben inzwischen Teams aufgebaut, die sich mit der Verifikation von Politiker-Aussagen beschäftigen, aber auch überprüfen, ob Fotos oder Videos das darstellen, was dort vermeintlich zu sehen ist. So werden beispielsweise bei Anschlägen oder im Syrien-Krieg oft Videos gepostet, die von ganz anderen Ereignissen stammen. Oder es gilt zu überprüfen, ob die Aussagen eines "Lungenfacharztes" zur Schädlichkeit von CO2 richtig sind.

    Auf Einladung der dpa trafen sich Faktenchecker aus ganz Deutschland und Österreich in Berlin, um sich einen Tag lang über Tricks und Tipps zur Verifikation auszutauschen.

    Wie der Spiegel das Strache-Video verifizierte

    "Wir fanden die Situation auch ungewöhnlich und der erste Gedanke war wirklich, will uns da jemand veräppeln, sollen wir da gezielt in etwas gelockt werden", berichtet Martin Knobbe vom Spiegel über die erste Reaktion, als das Strache-Video aus der Villa in Ibiza auf einem USB-Stick in der Redaktion auftauchte. Dann begann die Recherche.

    "Das Erste ist bei mir für jede Geschichte die Frage nach der Plausibilität. Wir haben angefangen, die Situation auf Ibiza zu checken. Ob das überhaupt denkbar ist, dass sich zwei FPÖ-Politiker da mit jemandem treffen. Ob das auf Ibiza stattfinden könnte, dass es um diese Inhalte geht, um die Kronen-Zeitung und so weiter." Martin Knobbe

    Durch "Umfeld-Recherche" wurde alles "abgecheckt" und zumindest für plausibel erklärt, so Knobbe.

    Medienübergreifende Zusammenarbeit und externe Gutachter

    Doch sind die Videoaufnahmen auch echt? Da ging es ans Eingemachte: Es wurde geprüft, ob mit einer Software gearbeitet wurde, ob womöglich etwas weggeschnitten wurde oder Schauspieler zu sehen waren.

    Knobbe erklärt: "All das haben wir mit externen Gutachtern überprüft und die kamen zu dem Ergebnis, dass das Material mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit authentisch ist, dass es sich um Strache und Gudenus handelt und dass da nirgendwo gefingert wurde."

    Video-Verifikation ist besonders aufwendig

    Dass die Investigativ-Redaktionen von Spiegel und Süddeutscher Zeitung, die normalerweise scharfe Konkurrenten sind, in diesem Fall zusammenarbeiteten, half bei der Einschätzung des brisanten Materials. Ebenso, dass man renommierte Institute wie Fraunhofer zur Prüfung der Aufnahmen engagiert hat, um sich abzusichern.

    Video-Verifikation ist besonders aufwendig. Aber auch die Auswertung von Twitter kann eine Herausforderung sein. So hat Lars Wienand von der Nachrichtenplattform t-online fast ein Jahr lang obskuren Accounts der AfD hinterher recherchiert. Er sei darauf gestoßen, dass es eine Reihe von offiziellen und inoffiziellen Unterstützer-Accounts der AfD gibt, die munter hin- und her umbenannt worden sind, sehr intransparent.

    Trickbetrüger und bezahlte Strukturen bei Twitter

    "Dann wurde aus Accounts, die mal zur Fußball-WM angelegt worden sind, um WM-Euphorie zu versprühen, auf einmal 'AfD wirkt'." Lars Wienand, Nachrichtenplattform t-online

    Zudem hätten Abgeordnete lange bestehende Accounts übertragen bekommen, um nicht bei Null anfangen zu müssen. Laut Wienand gab es quasi bezahlte Strukturen, Leute hätten gegen Geld retweetet.

    Doch wozu das Ganze? Warum wird hier getrickst, verschleiert, Masse vorgetäuscht? Wienand habe bemerkt, dass innerhalb der AfD der Anspruch bestehe, die "Social-Media-Partei" zu sein. Diesen Anspruch hätte die Partei auch an ihre Mandatsträger gegeben, die wiederum jedoch oft Probleme hätten, das zu erfüllen und sich mit zweifelhaften Methoden helfen lassen.

    Kursierten auch bei der Europawahl Manipulationen im Netz?

    Ob es solche Manipulationen auch bei der Europawahl gegeben hat, wollte BR24 von Luca Hammer wissen. Der Social-Media-Experte hat über zweieinhalb Wochen 1,5 Millionen Tweets mit offiziellen EU-Wahl-Hashtags analysiert: Außer ein paar Fake-Accounts hat er nicht viel gefunden.

    Dass Twitter im Gegensatz zu Facebook nicht so stark für Manipulationen genutzt wird, liegt auch daran, dass dieses Netzwerk zumindest in Deutschland keine so große Rolle spielt, sagt Hammer. Aber: "Dort sind alle wichtigen Politiker und Journalisten und grundsätzlich Menschen, die Einfluss auf die Öffentlichkeit haben. Von daher ist es spannend zu beobachten, wie werden sie dort beeinflusst und wie beeinflussen sie sich auch gegenseitig", analysiert Hammer.

    Allerdings sollte man Informationen auf Twitter genauso wenig wie auf Facebook oder anderen Plattformen ungeprüft für bare Münze nehmen.

    Faktenchecken für Jedermann

    Dass Fakenchecken nicht nur für Redaktionen, sondern auch für Laien interessant und wichtig ist, macht Tania Röttger von der gemeinnützigen Recherche-Plattform Correctiv deutlich. Dort hat man ein mehrstufiges Verfahren entwickelt, um eine Community aus interessierten Bürgerinnen und Bürgern aufzubauen. Warum will jemand Faktenchecker werden? Ihre gemeinsame Motivation, so Tania Röttger, ist: etwas gegen Desinformation machen zu wollen.

    "Deshalb kommen die Leute zu uns, weil sie auch das Gefühl haben, wir hören die ganze Zeit von Desinformation, wie kann ich was dagegen tun? Und wir geben ihnen die Möglichkeit, aktiv zu werden und gleichzeitig zu lernen, wie man gute, unabhängige Informationen findet". Tania Röttger, Recherche-Plattform Correctiv

    Themen, die derzeit besonders viele Menschen beschäftigen, sind CO2-Verbrauch, Klimaschutz oder die neuesten Gerüchte um Greta Thunberg. Veröffentlicht werden die Richtigstellungen von Correctiv auch.

    Aber, gibt dpa-Verifikations-Chef Stefan Voß zu bedenken: "Man muss sich bewusst sein, dass man beim Faktencheck die Behauptung ja auch erst erwähnen muss. Manchmal ist dann die Reichweite der größere Schaden als die Auflösung, weil man würde das unheimlich breit tragen."

    Hier geht es zum Podcast des MedienMagazins.