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Gesichtserkennung: Clearview ignoriert den eigenen Moral-Codex | BR24

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Kameras und Gesichter

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    Gesichtserkennung: Clearview ignoriert den eigenen Moral-Codex

    Das US-Startup Clearview geriet jüngst in die Schlagzeilen, weil es eine riesige Gesichtsdatenbank aufgebaut hatte. Die Software sollte nur Sicherheitsbehörden zur Verfügung gestellt werden. Doch Clearview hielt sich nicht an seine Versprechen.

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    Der Aufschrei war groß, als die New York Times im Januar über das geheime Unternehmen berichtete, das die Privatsphäre, wie wir sie kennen, massive bedroht. Clearview hatte weltweit rund drei Milliarden digitalisierte Gesichter vor allem aus sozialen Netzwerken kopiert und damit ein sehr leistungsfähiges Programm zur Gesichtserkennung geschaffen. Das US-Startup wollte sich zunächst den Anschein geben, hohe moralische Maßstäbe an sein Geschäftsmodell zu knüpfen. Doch mittlerweile stellt sich immer mehr heraus, dass der selbstauferlegte Codex von Clearview nicht wirklich ernst gemeint war.

    "Als Unternehmen verpflichten wir uns zu höchsten ethischen Maßstäben, zu Integrität und Professionalität. Wir unternehmen alles, um sicherzustellen, dass unsere Werkzeuge korrekt und gesetzeskonform eingesetzt werden." Verhaltenscodex, Clearview AI

    Welche ethischen Maßstäbe Clearview konkret anlegt, wird im Verhaltenscodex offen gelassen. Bei der Auswahl der Kunden war das Unternehmen jedenfalls nicht wählerisch.

    Auch autokratische Staaten bekamen die Software

    Die Firma stellte die Software nicht, wie versprochen, ausschließlich Strafverfolgungs- und Sicherheitsbehörden in den USA und Kanada zur Verfügung. Man trat vielmehr auch mit Staaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Singapur in Kontakt, die politische Opposition unterdrücken oder Menschen wegen ihrer sexuellen Neigungen verfolgen, wie Reporter von Buzzfeed herausgefunden haben. Ein klarer Bruch mit dem Kodex.

    Außerdem standen auf der Kundenliste von Clearview alle möglichen Unternehmen und Organisationen, die rein gar nichts mit Strafverfolgung und Sicherheit zu tun haben, wie die Supermarkt- und Warenhauskonzerne Walmart und Macy's oder Banken wie Wells Fargo und Bank of America, aber auch die Basketball-Liga NBA.

    Milliardär spioniert eigener Tochter mit Clearview-App nach

    Welches Potenzial die Clearview-Software hat, zeigt der jüngst bekannt gewordene Fall des Geschäftsmanns und Eigentümers der Lebensmittelkette Gristedes, John Catsimatidis. Als seine Tochter in ein Restaurant kam, in dem er bereits saß, brachte sie einen Mann mit, den der Vater nicht kannte. Der wollte nun wissen, um wen es sich bei dem Unbekannten handelte. Er beauftragte einen Kellner damit, heimlich ein Foto von dem Pärchen zu schießen. Die Aufnahme speiste Catsimatidis dann in die Clearview-App in und wusste sofort, dass der Begleiter ein Venture-Capital-Investor aus San Francisco war. "Ich wollte sichergehen, dass er kein Scharlatan ist2, sagte Catsimatidis und schickte der Tochter einen Lebenslauf des Mannes.

    Zudem nutzte der Milliardär die Gesichtserkennungssoftware, um in einem seiner Läden Diebe zu identifizieren – die angeblich Eiscreme mitgehen ließen. Mit dem eigenen Codex waren solche Einsätze wohl nicht vereinbar.

    "Der Gebrauch der Clearview-App in einer Weise, die zu Belästigung, Stalking, Bedrohung, Mobbing oder Gewaltausübung in irgendeiner Form führt und gegen Gesetze verstößt, ist nicht gestattet." Verhaltenscodex, Clearview AI

    Über jeder Person schwebt der Name

    Clearview will seine Software offenbar mit anderen Technologien verknüpfen. Angedacht war angeblich eine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Vuzix, das Augmented Reality entwickelt. Damit sollten womöglich Tech-Brillen entstehen, mit denen sich überall im öffentlichen Raum Menschen identifizieren lassen – in Echtzeit. Möglich wäre, dass über jeder Person der volle Name angezeigt wird.

    Außerdem arbeitete Clearview an einer Verschmelzung von App und Überwachungskameras und schwärmte auf einer eigenen Website von der "smarteste(n) Sicherheitskamera der Welt". Der Fall Clearview löste weltweit eine Diskussion über mögliche Verbote von Gesichtserkennung aus. Inzwischen ist die Seite über die smarte Sicherheitskamera nicht mehr online.

    "Clearview AI möchte die Welt verbessern, indem wir ausgewiesenen Experten öffentliche Informationen verfügbar machen, damit Kriminalität und Betrug gestoppt werden können." Verhaltenscodex, Clearview AI

    Mit drei Milliarden Gesichtern hat Clearview schon bald die Hälfte der Erdbevölkerung in seiner Datenbank. Wer wissen will, ob sein Gesicht mit erfasst wurde, kann sich hier direkt an Clearview wenden. Man muss für die Anfrage ein Foto von sich und die Kopie eines Ausweisdokuments hochladen.