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Gaming: Wie sich Menschen mit Behinderung ihr Hobby zurückholen | BR24

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Melanie Eilert

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    Gaming: Wie sich Menschen mit Behinderung ihr Hobby zurückholen

    Lange Zeit nahmen Computerspiele kaum Rücksicht auf Menschen mit Behinderungen. Doch das ändert sich. Die Spiele werden inklusiver und stehen mehr Menschen offen - auch dank neuer Eingabemethoden.

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    Von
    • Christian Schiffer

    Das hochgelobte Fantasyspiel The Witcher: Wild Hunt. Es beginnt wie so viele Computerspiele mit einem Training. Die Spielenden sollen sich an die Steuerung gewöhnen, lernen, wie man das Schwert schwingt, ausweicht, sich wegrollt und zaubert. Auf dem Übungsplan steht auch das Schießen mit einer Armbrust. Dazu muss man die zwei Schultertasten am Controller betätigen – und zwar gleichzeitig. Und da ist sie dann plötzlich, die virtuelle Barriere für Melanie Eilert. "Da sollte ich mit der Armbrust schießen, was ich aufgrund der Steuerung nicht konnte“, erzählt die 33-jährige Verwaltungsangestellte. "Das Spiel hat immer wieder gesagt, ich soll bitte die Armbrust benutzen. Ja, das würde ich ja gerne, aber ich kann nicht….“ So schildert Melanie das frustrierende Erlebnis mit dem Fantasyspiel.

    Spiele mit Grenzen

    Auf solche Hürden stößt Melanie Eilert immer wieder, wenn sie ihrem Hobby nachgehen möchte. Noch bevor Melanie eineinhalb Jahre alt ist wird bei ihr Spinale Muskelatrophie diagnostiziert, eine Muskelkrankheit, die langsam voranschreitet. Ihre Muskeln haben wenig Kraft und werden im Laufe der Zeit immer schwächer. Als Kind spielt Melanie leidenschaftlich gerne, doch mit etwa 14 Jahren ist die Krankheit soweit vorangeschritten, dass sie die Spiele nicht mehr bedienen kann.

    Ganz ähnlich wie Melanie geht es auch Patrick Krenn. Er hat Muskeldystrophie des Typus Duchenne, eine muskuläre Erbkrankheit wegen der sich der 30-Jährige kaum noch bewegen kann. "Ich habe mit fünf Jahren angefangen mit Playstation und Nintendo. Aber als ich 18 geworden bin, da habe ich gemerkt, dass die Steuerung mit dem Controller immer schwieriger wird. Und irgendwann, da hat es dann gar nicht mehr geklappt und das hat mich schon sehr runtergezogen…", erzählt Patrick.

    Mittlerweile steht ihm die Welt der Computerspiele allerdings wieder offen. Die Muskeldystrophie hat Patrick sogar nicht davon abgehalten können, das Fantasy-Spiel Dark Souls durchzuspielen. Für Menschen, die sich mit Computerspielen nicht so auskennen, hier eine kleine Einordnung: Dark Souls durchzuspielen ist ein wenig wie den Mount Everest ohne Sauerstoffgerät zu besteigen, eine Aufgabe also, an der die allermeisten Menschen scheitern und zwar auch dann, wenn sie keine körperlichen Einschränkungen haben. Dass Patrick das geschafft hat, verdankt er nicht nur seiner Konzentration, seiner Hartnäckigkeit, seiner Leidenschaft und ganz allgemein seinem Können als Gamer, sondern auch der Tatsache, dass es vielen Menschen mit Behinderungen gelingt, sich ihr Hobby zurückholen, dank zugänglicheren Spielen und neuen Eingabegeräten. Patrick spielt die Spiele beispielweise mit einer Maus, die er mit seinem Auge steuert.

    Neue Controller, neue Möglichkeiten

    Auch Melanie kann ihrem Hobby mittlerweile wieder nachgehen, dank des Adaptive Controllers von Microsoft. Seit 2018 gibt es das Gerät, welches mit der Xbox Computern mit Windows 10 kompatibel ist. Melanie kann bei herkömmlichen Controllern nur schwer beide Sticks gleichzeitig bedienen und die Schultertasten gar nicht drücken. Doch der Adaptive Controller ermöglicht es ihr, die Steuerung von Spielen an ihre Bedürfnisse anzupassen.

    Dennis Wilkens wiederum benutzt den Quadstick. Der 33-jährige Online-Redakteur ist seit einem Mountenbike-Unfall vom Hals ab gelähmt. Die Gegend, in der er wohnt, ist wenig barrierefrei und so bedeuten virtuelle Spielewelten für Dennis auch ein Stück Freiheit und Autonomie. "Spiele sind das Tor zur Tor zur Außenwelt", erzählt Dennis. Digitale Spiele sind heute eben oft auch ein sozialer Raum, in dem man nicht nur zockt, sondern auch ratscht und abhängt. Hier kann Dennis seine Kumpels treffen und niemand merkt ihm sein Handicap an. Und wenn doch, dann sind die Leute hier erstaunt, interessiert und beeindruckt, angesichts dessen, wie gekonnt sich Dennis durch die virtuellen Welten bewegt.

    Der Quadstick wurde 2014 mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne entwickelt. Es handelt sich um eine Mund-Maus, die durch Mundstücke ergänzt wurde. Indem Dennis durch die Röhren pustet oder die Luft ansaugt, kann er sogar Ego-Shooter spielen.

    Viele Spiele sind immer noch nicht barrierefrei

    Melanie, Patrick und Dennis können dank innovativer Hardware heute wieder Computerspiele spielen. Und mehr als das: Dennis betreibt einen YouTube und einen Twitch-Kanal, Melanie bloggt über digitale Spiele und Patrick hält Vorträge zu Dark Souls. Doch Probleme bleiben, denn oft hapert es an der Software. Viele Spiele sind immer noch nicht ausreichend barrierefrei designt, erfordern zum Beispiel wildes Herumgedrücke und Ähnliches. Patrick passiert es beispielsweise immer wieder, dass er sich ein Spiel kauft und dann nach der Hälfte feststellen muss, dass er es nicht durchspielen kann, weil eine Stelle für ihn unüberwindbar ist. Melanie wünscht sich deswegen, dass bei der Entwicklung von Spielen intensiver mit Menschen mit Behinderungen zusammengearbeitet wird. Oder wie Patrick es formuliert: "Es wäre schön, wenn man vorher einmal kurz mal nachdenkt, bevor man bestimmte Dinge in ein Spiel implementiert."

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