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Immer mehr Unternehmen schließen sich Facebook-Boykott an | BR24

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Ben & Jerry's ist einer der prominenten Unterstützer der Facebook-kritischen Kampagne

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Immer mehr Unternehmen schließen sich Facebook-Boykott an

Facebook wird dort angegriffen, wo es wehtut: beim Werbegeschäft. Firmen wie Ben & Jerry's und The North Face boykottieren Werbung auf Facebook, weil der Konzern ihrer Ansicht nach nicht genug gegen Hass auf seiner Plattform tut. Was steckt dahinter?

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Als Facebook 2012 an die Börse ging, schmückte sich der Konzern noch mit der Unterstützung von Ben & Jerry’s. Jostein Solheim, der CEO der Eismarke, erklärte damals potentiellen Investoren, wie praktisch Facebook zum Erreichen eines Werbepublikums sei: "Wir arbeiten an einer ganzheitlichen Beziehung zu unserer Community. [...] Und eine Plattform zu haben, die uns großangelegte Konversationen und Feedback ermöglicht... Das ist es, was Facebook so überzeugend macht."

Marken boykottieren Facebook

Heute sieht die Situation deutlich anders aus. Facebook braucht nicht mehr die verbale Unterstützung von Eismarken, um den Finanzmarkt von seinem Geschäftsmodell überzeugen: Der Aktienkurs ist seit dem Börsengang von 38 auf 235 Dollar gestiegen.

Aber ebendiese Unterstützung hat der Konzern auch nicht mehr. Denn Ben & Jerry’s ist Teil eines industrieübergreifenden Facebook-Boykotts - und spielt fürs Erste keine Werbung mehr auf der Plattform selbst und der Facebook-Tochter Instagram aus.

Sind die ersten, die bei Facebook mit an Bord waren, also auch die ersten, die wieder gehen? Aktuell hat es den Anschein. Die #StopHateForProfit-Kampagne von verschiedenen Non-Profit-Organisationen wie der "Anti Defamation League" wirft dem Zuckerberg-Konzern vor, Hass und Spaltung auf seinen Plattformen nicht nur zu tolerieren, sondern sogar aktiv zu fördern.

Dem angeschlossen haben sich neben Ben & Jerry’s bislang unter anderem die Outdoor-Marken The North Face und Patagonia, und das Filmstudio Magnolia Pictures. Der größte Coup bisher: Der US-Mobilfunkanbieter Verizon, der zuletzt innerhalb von einem Monat zwei Millionen Dollar für Werbung auf Facebook und Instagram ausgegeben hatte.

Facebook - die "Hassmaschine"?

Die #StopHateForProfit-Kampagne fordert von Facebook, stärker gegen Hass und Spaltung auf den eigenen Plattformen vorzugehen.

"Könnten [die Entscheider bei Facebook] schwarze Nutzer schützen und unterstützen? Könnten sie Holocaust-Leugner als Hass kennzeichnen? Könnten sie Menschen dazu bringen, mehr wählen zu gehen? All das könnten sie. Aber sie entscheiden sich aktiv, es nicht zu tun." Aufruf auf der Website der Kampagne #StopHateForProfit

Wie tief etwa Holocaust-Leugner und Gewaltverherrlichungen in Facebooks Netzwerk verankert sind, zeigte zuletzt auch das Recherche-Projekt #Hassmaschine von BR, NDR und WDR. Auch wenn der Konzern sich seit Jahren bemüht, besser gegen gefährliche oder verbotene Inhalte vorzugehen, ist es vor allem der Plattform-eigene Algorithmus, der diese immer wieder an Millionen Menschen ausspielt.

Facebooks kontroverser Umgang mit Trump

Zuletzt lag die Aufmerksamkeit aber vor allem auf Facebooks Umgang mit den Posts von US-Präsident Donald Trump. Als dieser vor einigen Wochen auf seinen Social Media-Kanälen plündernden Demonstranten mit Schüssen drohte, versah Twitter den Post mit einer Warnung - Facebook ließ ihn unkommentiert stehen. Auch wird immer wieder kritisiert, dass Facebook sein Factchecking-Programm nicht auf Posts von Politikern ausdehnen will - was zur weiten Verbreitung von Falschinformationen führen kann.

Facebooks über Jahre entwickelter Fokus auf Werbeeinnahmen und Engagement durch Nutzer hat zudem dazu geführt, dass in dem sozialen Netzwerk vor allem Posts belohnt werden, die hetzerische oder kontroverse Thesen verbreiten. Davon profitieren vor allem umstrittene Akteure wie Donald Trump. Eine Analyse verrät: Von den 10 Posts, mit denen vor einer Woche am meisten auf Facebook interagiert wurde, stammen 9 von Pro-Trump-Seiten.

Facebook will nun doch mehr tun

Update 29.6.: Mittlerweile haben weitere Unternehmen angekündigt, keine Werbung mehr auf Facebook zu platzieren. Darunter neben Autobauer Honda auch Lebensmittels- und Pflegeprodukte-Riese Unilever sowie Schokoladenproduzent Hershey. Getränkehersteller Coca Cola kündigte an, für 30 Tage in allen sozialen Netzwerken keine Werbung mehr zu platzieren und seine Werbestrategie zu überprüfen – auch wenn sich das Unternehmen damit nicht explizit der #StopHateForProfit-Initiative anschließe.

Am Freitag kündigte Facebook-Chef Zuckerberg wohl aufgrund des wachsenden Drucks dann in einem Livestream an, künftig stärker gegen Hassnachrichten vorgehen zu wollen. Einige Maßnahmen sind: Facebook will Falschmeldungen unmittelbar vor der US-Präsidentenwahl löschen und auch die Standards für Werbung zu erhöhen. Und – ähnlich wie bei Twitter – sollen Facebook-Inhalte, die eigentlich gegen die Richtlinien des sozialen Netzwerks verstoßen, aber zum Beispiel aufgrund eines prominenten Absenders nachrichtenrelevant sind, künftig mit Hinweisen flankiert werden.

Die Initiative #StopHateForProfit will den Druck aber weiterhin aufrecht erhalten. Denn die angekündigten Maßnahmen würden den Hass auf der Plattform nicht einfach so verschwinden lassen. Und es ist möglich, dass der Druck durch den Boykott wieder nachlassen wird, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit sinkt. Die meisten der beteiligten Unternehmen haben bislang nur angekündigt, bis Ende Juli keine Werbung mehr auf Facebook zu schalten. Danach ist vielleicht schon wieder alles beim Alten.

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