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Eine Frau hält ihren Finger auf das Touchfeld ihres Smartphones, um ihr Smartphone per Fingerabdruck zu entsperren.

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    Evangelische Kirche: Denkschrift zu Fake-News und Dating-Apps

    Es geht um Hass, Fake-News, Pflegeroboter und Dating-Apps - in ihrer ersten Denkschrift seit sechs Jahren beschäftigt sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) unter dem Titel "Freiheit digital" mit Risiken und Chancen der Digitalisierung.

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    Von
    • Julia Mumelter
    • Veronika Wawatschek

    Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat ein Horrorszenario vor Augen, wenn er an die Risiken der Digitalisierung denkt: "Für mich wäre das Schlimmste, wenn die Nutzung der Möglichkeiten der Digitalisierung dazu führen würde, dass wir unsere Verantwortung an Maschinen abgeben." Freiheit und Verantwortung seien auch deshalb so wichtig, so der bayerische Landesbischof.

    Zehn Gebote fürs Internet?

    An diesem Donnerstag hat die EKD die Denkschrift "Freiheit digital. Die Zehn Gebote in Zeiten des digitalen Wandels" veröffentlicht - der erste Grundlagentext seit sechs Jahren. Er mache deutlich, wie wichtig aktuell das Nachdenken über Grenzen und Chancen der Digitalisierung ist, so Bedford-Strohm auf einer Online-Pressekonferenz. Im Augenblick gebe es viel zu wenig Instanzen, die ethisch begleiten, was die technische Entwicklung Neues bringt.

    Geschrieben wurde der Grundlagentext unter anderem von Theologieprofessor Traugott Jähnichen. Digitalisierung sei kein Verhängnis, "das über uns kommt, auch die Algorithmen nicht", so Jähnichen. "All das wird letztlich gestaltet, entwickelt, in menschlicher Verantwortung wahrgenommen."

    Digital detox mit dem vierten Gebot?

    Um dem gerecht zu werden, versucht die neue EKD-Denkschrift sich an zehn Geboten zu orientieren. Das vierte Gebot sei ein gutes Beispiel, so Bedford-Strohm. Dort geht es darum, den Feiertag zu heiligen, ein Gebot, das nach den Worten des EKD-Ratsvorsitzenden "hoch relevant" ist für ein Medium, "was uns alle permanent dazu verführt, immer erreichbar zu sein, diese Pausen diesen Sabbat eben nicht zu machen - damit muss man erstmal umgehen lernen." Auch er selbst kämpfe damit, diese wichtige Orientierung des Feiertagsheiligungsgebots in seinem Leben umzusetzen. 

    250 Seiten zur Philosophie des Silicon Valley

    In der Denkschrift mit dem Titel “Freiheit digital: die Zehn Gebote in Zeiten des Digitalen Wandels” wird auf rund 250 Seiten über die Chancen und Gefahren des digitalen Wandels, der Konzerne und der Philosophie des Silicon Valley nachgedacht.

    Die Digitalisierung biete riesige Chancen - sie biete Freiheit, etwa der Vernetzung und Artikulierung. Doch umgekehrt erodiere sie die Errungenschaften der Demokratie oder verführe zu Überwachung. Die nun veröffentlichte Schrift, die aus den zehn Geboten zehn Leitsätze für den Umgang mit dem Digitalen ableitet, solle eine Orientierungshilfe sein, sagt Traugott Jähnichen. Es gehe darum, Gestaltungsperspektiven aufzuzeigen, "die diese Freiheit, die in den Medien steckt, stärken, bewahren und weiterentwickeln - und gleichzeitig freiheitsgefährdende Momente wie den Überwachungsstaat als Risiken benennen und begrenzen". 

    Religionsgemeinschaften müssten ethische Orientierung bieten

    Gesellschaftliche Normen würden zwangsläufig hinterherhinken, weil sich die Technologien in den vergangenen zehn Jahren so rasant weiterentwickelt haben, so Bedford-Strohm. Umso dringlicher sei es, die ethischen Folgen der Digitalisierung stärker in den Blick zu nehmen. Er sehe es als Aufgabe der Kirchen und Religionsgemeinschaften, ethische Orientierungen für gesellschaftliche Fragestellungen zu geben. Keiner anderen Institution sei die ethische Reflexion in die DNA geschrieben.

    Mit dem 9. Gebot gegen Hass im Netz

    Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hofft, dass der veröffentlichte Text starke Verbreitung findet. So erinnere zum Beispiel das neunte Gebot "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" an die Debatte über Fake-News und Hassrede im Netz. Bedford Strohm warnt davor, dass sich die Kommunikation im Internet zunehmend nicht mehr an der Wahrheit, sondern am Kommerz orientierte.

    Verbindliche Beziehungen in Zeiten von Online-Dating?

    Auch das Gebot zum Thema "Ehebruch" verdeutliche ein modernes Problem, Beziehungen verbindlich und verlässlich zu gestalten. Über allem stehe aber das erste Gebot ("Du sollst keine anderen Götter haben neben mir"), das menschlichen Allmachtsfantasien in Bezug auf die Möglichkeiten des technologischen Fortschritts entgegenwirke.

    Die neue Denkschrift der EKD  wird im Netz durch eine digitale Kampagne begleitet und auch Online-Veranstaltungen zum Thema Chancen und Risiken der Digitalisierung will die evangelische Kirche in Deutschland in den kommenden Wochen und Monaten verstärkt anbieten.

    Neue Ideen für Kirche im Netz und digitale Seelsorge

    Die EKD will aber nicht nur über die Digitalisierung reflektieren, sondern sie versteht sich auch selbst als Akteurin. So fördert sie etwa durch einen Innovationsfonds Ideen, die die kirchliche Arbeit im Digitalen ermöglichen. Zuletzt sei der Auftrag erteilt worden, ein Haus für digitale Seelsorge und Beratung zu "bauen", sagte Pfarrerin Stefanie Hoffmann aus der EKD-Stabsstelle Digitalisierung. Das Projekt solle im Netz auch Angebote für Menschen schaffen, die sich nicht einer Kirchengemeinde zugehörig fühlten.

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