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ARD-Chef Ulrich Wilhelm (BR)
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Sissi Pitzer
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ARD-Chef Ulrich Wilhelm (BR)

Das Geschäftsmodell von Facebook & Co. besteht darin, die User möglichst lange auf ihren Plattformen zu halten. Das funktioniert besonders gut, indem man ihnen vor allem bestätigende Inhalte anbietet und weniger Informationen, die ihre eigene Meinung infrage stellen. Im Klartext: Je emotionaler, je zugespitzter, je aufregender ein Inhalt ist, desto stärker wird er verbreitet. Und das sind häufig negative Äußerungen. Zudem problematisch: Relevanz und Sichtbarkeit von Inhalten werden über Algorithmen gesteuert, die nicht transparent sind und auf die Gesellschaften Europas keinen Einfluss haben.

"Europa sollte zum einen aus Gründen der Souveränität in der digitalen Welt eine eigene Alternative entwickeln. Zum anderen gilt: Algorithmen wurzeln im Politischen und Kulturellen, sie sind nicht neutral. Es macht einen Unterschied, ob sie nach amerikanischer Rechtsordnung oder Durchschnittskultur programmiert werden, oder ob dem die Besonderheiten und Werte, die Europa ausmachen, zugrunde liegen." ARD-Vorsitzender und BR-Intendant Ulrich Wilhelm

Infrastruktur für Qualitätsinhalte als Basis für die Plattform

Diese eigene, digitale Infrastruktur für Qualitätsinhalte soll die Mediatheken von öffentlich-rechtlichen und privaten Sender zugänglich machen, ebenso die Portale von Verlagen und Kultureinrichtungen wie Universitäten, Museen etc., auch Einzelpersonen, beispielsweise Künstler, sollen ihre Inhalte einbringen können.

"Was wir hier nicht verbreiten sollten, sind demagogische Inhalte, Angebote, deren Geschäftskern Desinformation ist oder die das Ziel haben, Leute in einer bestimmten Meinung aufzuputschen." ARD-Vorsitzender und BR-Intendant Ulrich Wilhelm

Arte sowie Luft- und Raumfahrtindustrie schon jetzt mit Vorreiterrolle

Das Ziel: Vielfalt herstellen und erhalten, raus aus den Filterblasen – im Interesse der Gesellschaft und der Demokratie. Unterstützung für Wilhelms Idee kommt von Inhalteanbietern, ob in Deutschland oder auf europäischer Ebene. Besonders die Kulturnation Frankreich zeigt sich interessiert. Arte könnte ein Vorbild sein oder die europäische Luft- und Raumfahrtindustrie, in der viele EU-Staaten zusammenarbeiten. Einige Länder könnten den Nucleus bilden und Vorreiter sein, weitere Interessenten später folgen. Doch der Anstoß zu einer so großen Initiative müsste von außen kommen, so Wilhelm, das könnten Sender und Verlage nicht alleine stemmen.

"Wir meinen, dass dazu eine Initiative des Staates notwendig ist. Wir können im engeren Kosmos der Medienunternehmen Gespräche führen, ob wir gemeinsame Portale machen oder ein gemeinsames Log-In-System schaffen. Doch wir brauchen die Unterstützung des Staates, wenn es um eine gemeinsame Infrastruktur geht, eine europaweite digitale Plattformarchitektur, auf der die unterschiedlichen Produkte zugelassen werden, auf der Funktionen wie Suchmaschinen, Empfehlungsalgorithmen, aber auch Bürgerkonten, über die man sich mit anderen austauschen kann, eine Heimat finden." ARD-Vorsitzender und BR-Intendant Ulrich Wilhelm

Doch könnte ein solches Vorgehen, die Politik mit an Bord zu nehmen, in Zeiten von Politikverdrossenheit und Medien-Bashing nicht Kritik hervorrufen, das Vorhaben sei von oben gesteuert? Wilhelm verweist auf das Silicon Valley, dessen heutige Internetgiganten auch mit staatlicher Unterstützung entstanden sind: Amazon, Facebook, alle haben Milliarden an Steuergeldern erhalten, wurden durch Forschungsaufträge gefördert und durch gesetzgeberische Privilegien gestützt.

"Was mir vorschwebt, ist keine staatliche Lenkung von Inhalten. Da gilt, was immer gilt: Medien müssen unabhängig und staatsfern sein. Die Rolle des Staates ist industriepolitisch notwendig, damit überhaupt eine solche Infrastruktur entstehen kann, und um die unterschiedlichen Akteure in Europa zu versammeln." ARD-Vorsitzender und BR-Intendant Ulrich Wilhelm

Stiftungsgelder und Wagniskapital zur Projektfinanzierung

Die Finanzierung des Plattform-Projektes soll weder aus Rundfunkbeiträgen noch aus öffentlichen Geldern geleistet werden. Wagniskapital, Stiftungsgelder, damit könnte zumindest ein Prototyp gebaut werden, der später erweitert wird, wenn neue Partner dazukommen. Utopie angesichts der Übermacht von Facebook & Co. im Internet?

"Das Argument, wir haben schon zu viel Zeit verloren, der Vorsprung der US-amerikanischen Giganten ist zu groß, ist immer valide. Andererseits ist die Veränderungsgeschwindigkeit so groß, dass es immer wieder neue Innovationszyklen gibt, bei denen man wieder neu einsteigen kann." ARD-Vorsitzender und BR-Intendant Ulrich Wilhelm

Bleibt die Frage: Wer bestimmt, was Qualitätsinhalte sind, wer also auf diese europäische Medien- und Kulturplattform aufspringen darf? Unter den Medien finden sich auch Angebote wie RT deutsch, ein von Russland gesteuerter Sender voll rechter Propaganda und Desinformation. Wilhelm verweist auf bereits funktionierende Community-Modelle in der Netzwelt und auf grundsätzliche Überlegungen:

"Auf welche Methode setzt man? Gibt es eine Zulassung, um dann mit lauter vertrauenswürdigen Inhaltsanbietern zusammenzuarbeiten, oder legt man das großzügiger an, um dann, wenn immer wieder Desinformationen oder grobe Fälschungen gemeldet werden, sich von solchen Anbietern wieder zu trennen oder Angebote zu löschen?" ARD-Vorsitzender und BR-Intendant Ulrich Wilhelm

Übergang des europäischen Erbes ins Digitale managen

In einem solch konkreten Stadium sind die Pläne aber noch nicht. Der ARD-Vorsitzende kann eine solche europäische Plattform auch nur anregen, nicht selbst umsetzen, und sucht daher weiterhin das Gespräch mit potenziellen Partnern. Er wirbt hinter den Kulissen wie auf öffentlichen Veranstaltungen für seine Idee für Qualitätsinhalte und das europäische, kulturelle Erbe, das es ins Digitale hinüber zu retten gilt. Nächste Woche wieder bei den Medientagen München.