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Versammlung in Neuschauerberg
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Autoren

Gregor Schmalzried
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Versammlung in Neuschauerberg

Es war wohl einer der bizarrsten Polizeieinsätze in Mittelfranken seit Jahren: Nachdem sich Tausende Menschen im Internet zum "Schanzenfest" in einem Dorf bei Emskirchen verabredet hatten, fanden sich dort tatsächlich bis zu 500 Menschen, fast ausschließlich junge Männer, ein. Ihr Ziel: Das Haus von Rainer Winkler alias "Drachenlord", einem jungen Mann, der sein Geld mit Livestreams von sich selbst verdient, und das, obwohl der Großteil seines Publikums ihm nicht wohlgesonnen ist. Im Gegenteil.

Die Entstehung eines Kults

Das "Schanzenfest" war keine Aktion aus heiterem Himmel. Genauso wenig ist die Lage in den letzten Tagen plötzlich eskaliert. Der Internet-Kult um "Drachenlord" geht bis ins Jahr 2013 zurück - damals begann der junge Mann aus Mittelfranken damit, Videos auf YouTube hochzuladen, anfangs vor allem mit Bezug zur Metal-Szene. Für Hater und Trolle gab er mit seiner etwas naiven Art, seinem Dialekt und seinem Übergewicht schnell ein leichtes Ziel ab.

Wirklich unangenehm wurde die Lage, als er selbst in einem mittlerweile entfernten Video seine Wohnadresse nannte und seine Hater mit den Worten "Kommt zu mir! Traut euch, und ich prügel die Scheiße aus euch raus!" dazu aufforderte, ihn an seinem Haus in der Marktgemeinde Emskirchen in Mittelfranken zu besuchen.

Seitdem hat sich um "Drachenlord" ein überwiegend negativer Persönlichkeitskult entwickelt, der mit kaum einem anderen vergleichbar ist. Auf Twitter findet man unter bestimmten Hashtags hunderte Accounts, die sich über ihn lustig machen, im Forum des Comedy-Portals lachschon.de tauschen sich User seit Jahren im Minutentakt über neue Videos aus, und auf eigens erstellten Websites werden die Aussagen und Aktionen von "Drachenlord" mit geradezu journalistischer Detailgenauigkeit dokumentiert.

Rainer Winkler alias "Drachenlord" ist seit Jahren das Ziel von Trollen im Internet

Rainer Winkler alias "Drachenlord" ist seit Jahren das Ziel von Trollen im Internet

Von "Drachenlord" und Drachengames

Wer diese bizarre Form der Heldenverehrung verfolgt, bekommt schnell ein Gefühl dafür, dass sich hier über Jahre eine ganz eigene Subkultur gebildet hat, mit internen Running Gags und Memes. Mitglieder der Szene bezeichnen sich selbst als "Haider" und beginnen Kommentare oft mit dem Wort "Meddl", Anspielungen auf "Drachenlords" fränkische Aussprache der Wörter "Hater" und "Metal".

Was klingt wie die Fangemeinde einer TV- oder Comedy-Serie ist letztlich gar nicht so weit davon entfernt. "Drachenlords" Videos sind oft absurd und unfreiwillig komisch, und es kommen vor allem immer wieder neue nach. Egal, wie viel Hass und Häme ihm im Netz und im echten Leben entgegen schlagen, neue Videos gibt es garantiert, für alle im Internet sichtbar. Das Ganze grenzt an Realsatire - auch deshalb hat sogar die Gesamtheit der "Drachenlord"-Videos und "Haider"-Aktionen einen eigenen serientauglichen Namen: das "Drachengame".

Gefahr im echten Leben

Was als Internet-Meme begann, hat aber schon seit einer Weile reale Konsequenzen. Nicht nur "Drachenlord" selbst, sondern auch seine Schwester und Nachbarn sind Opfer von Belästigungen geworden. In pilgerartigen Reisen werden die Heimatgemeinde und das Haus von "Drachenlord" regelmäßig von Menschen aufgesucht, die das Objekt ihrer Faszination aus der Nähe sehen wollen und dabei bisweilen sein Haus beschädigen. 2015 brach ein Unbekannter in das Haus des Streamers ein und machte heimliche Fotos.

"Drachenlord" ist zudem dafür bekannt, das erste deutsche Opfer von "Swatting" zu sein. So bezeichnet man einen falschen Notruf, mit dem Einsatzkräfte zum Haus eines anderen Menschen, oft eines Online-Streamers, geschickt werden. Im Fall von "Drachenlord" kam die Feuerwehr - der Vorfall wurde aber hart bestraft: Der 24-jährige Täter wurde zu drei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt.

BR-Reporter Gregor Schmalzried

BR-Reporter Gregor Schmalzried