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Digital-Unternehmer Azhar: "Wir müssen die Regeln neu schreiben" | BR24

© Stella Jacob / Unsplash

Virtual Reality: Immer noch Tasten im Ungewissen?

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    Digital-Unternehmer Azhar: "Wir müssen die Regeln neu schreiben"

    Azeem Azhar berät Organisationen weltweit in Sachen Digitalisierung. Er glaubt, dass sich die Welt in einem Paradigmenwechsels befindet. Trotzdem wagt er bei der Digitalkonferenz DLD All Stars Prognosen über die Zukunft - viele sind optimistisch.

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    Von
    • Gregor Schmalzried

    Azeem Azhar ist Gründer, Unternehmer und Investor. Seit Jahren berät er Konzerne und das Weltwirtschaftsforum in Fragen der Digitalisierung. Azeem Azhar hat keine Scheu vor Prognosen. In den Essays auf seiner Website "Exponential View" sagt er unter anderem voraus, dass die 20er-Jahre ein "Klima-Jahrzehnt" werden und die weltweiten Treibhausgas-Emissionen bald wieder zurückgehen werden. Außerdem sieht er "Digitale Gemeingüter" im Kommen - große digitale Projekte in öffentlicher Hand statt in privater. Am Rand der virtuellen Digitalkonferenz DLD All Stars 2021 von Hubert Burda Media hat BR24 mit Azeem Azhar gesprochen.

    BR24: Die Welt scheint gerade ziemlich unberechenbar. Warum schauen Sie trotzdem so gerne in die Zukunft?

    Azeem Azhar: Prognosen sind schwierig, insbesondere die über die Zukunft, hat ein amerikanischer Schlaumeier mal gesagt. Aber es gibt bestimmte Dinge, die man durchaus vorhersagen kann. Man muss nur immer schauen: Welche einigermaßen berechenbaren Prozesse sind bereits am Laufen? Gute Beispiele sind Miniaturisierung und Standardisierung: Die Dinge, die wir bauen, werden immer kleiner und die Komponenten, aus denen sie bestehen, werden zum Standard. Wenn eine neue Technologie entwickelt wird, ist sie erst einmal in der Regel groß und maßgefertigt. Aber dann passiert so etwas wie als im achtzehnten Jahrhundert Gewehrbauteile plötzlich austauschbar wurden und sich Kriege dadurch stark veränderten.

    Wie sieht das heute aus?

    Sehen wir uns “Virtual Reality”-Technologie an. Vor drei oder vier Jahren haben Leute gesagt, VR-Headsets würden erst dann wirklich Sinn machen, wenn man eine bestimmte Auflösung, eine bestimmte Bildfrequenz, eine bestimmte Menge an Bewegungsfreiheit und eine bestimmte Akkulaufzeit haben würde. Nun kann man sich alle Bestandteile für das Headset ansehen und ausrechnen, wann die jeweils am Ziel sein werden. Man sagt, ich brauche einen Prozessor mit folgender Leistung und weil er an meinen Kopf geschnallt wird, darf er nicht zu heiß werden. Und das gibt einem ein ganz gutes Bild darüber, wie die Zukunft aussieht.

    Was man aber nicht vorhersagen kann: Ist diese Technologie überhaupt etwas, das die Menschen wollen? Und was wird dann damit entwickelt? Als der 3G-Mobilfunkstandard eingeführt wurde, wussten wir schon im Vorhinein wann es soweit sein würde. Nur war es damals noch so, dass die Mobilfunkanbieter damit gerechnet hatten, dass 3G für eine Explosion der Videotelefonie sorgen würde. Die Wahrheit aber sah so aus, dass wir bis zu dem Lockdown, in dem wir uns gerade befinden, unsere Telefone nur wenig für Videoanrufe genutzt haben. Stattdessen aber war 3G für andere Dinge gut, die niemand hätte vorhersagen können.

    Die DLD-Konferenz ist eine Technologie-Konferenz und steht dieses Jahr unter dem Motto "What the World Needs Now". Manche Menschen haben das Gefühl, was die Welt jetzt braucht, ist nicht unbedingt mehr Technologie.

    Wir haben schon immer mit Technologie gelebt. Unsere Technologien formen uns, genau wie wir sie formen. Und wenn ein Moment erreicht ist, an dem Technologien plötzlich zu sehr viel mehr imstande sind als zuvor, hat das automatisch einen Einfluss darauf, wie wir unsere Leben leben. Ein gutes Beispiel ist: Die 1890er Jahre, kurz vor der Popularisierung des Telefons, des Autos und der Elektrizität, waren nicht allzu anders als die 1850er Jahre. Dann werden diese Technologien verbreitet und innerhalb von 20 bis 25 Jahren sehen wir eine plötzliche radikale Veränderung der Welt. Städte wie New York entstehen in den gleichen Mustern, die wir heute noch kennen. Die Arbeitswelt verändert sich, Menschen arbeiten plötzlich in Büros. Die Technologien läuten also einen Paradigmenwechsel ein. Ich glaube, wir gehen heute durch einen ähnlichen Prozess. Wir haben diese neuen Technologien, die sich sehr anders verhalten als die Technologien, die wir in der Vergangenheit hatten. Und das bedeutet, wir müssen die Regeln neu schreiben. Die Institutionen und Konventionen, mit denen wir leben, müssen neu erfunden werden.

    Was ist der wesentliche Unterschied unserer heutigen Zeit zu der vor ein paar Jahrzehnten?

    Es gibt eine neue Klasse der Macht in unserer Zeit, und sie liegt in den Händen von Unternehmen. Unternehmen hatten schon immer Macht, aber jetzt ist diese Macht wirklich erheblich geworden. Wie sich das genau äußert und welche Probleme das verursacht, variiert zwischen den Ländern und Gesellschaften. Als die Menschen früher über die Anfänge des Internets nachgedacht haben, dachten sie oft, der Cyberspace würde seine eigenen Regeln haben, Regeln, die klar abgetrennt sein würden von der Welt “des Fleisches und des Stahls”, wie es vor 25 Jahren in der “Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace” hieß. Und dieser Gedanke ist besonders relevant in Deutschland, wo das Verfassungsgericht über die letzten Jahrzehnte immer wieder klargemacht hat, dass Gesetze zur Hassrede auch für Internetdienste gelten müssen.

    Wenn man sich die Bedenken ansieht, die in Bezug auf die Macht der großen Technologie-Konzerne entstehen, dann äußern die sich auf etwas unterschiedliche Weisen: Sorgen zum Thema Privatsphäre in Europa, zur Redefreiheit in den Vereinigten Staaten, zu Fragen der nationalen Sicherheit in China. Es zeigt uns, dass Technologie nicht unabhängig von den Anliegen der Gesellschaft funktioniert, und dass wir Wege finden müssen, die zwei zusammenzubringen.

    Sie fordern "Digital Commons" - dass wichtige Teile der digitalen Infrastruktur in öffentlicher statt in privater Hand sein sollten. Worum geht es Ihnen dabei?

    Der Gedanke des Gemeinguts ist sehr wichtig, und Big Tech zeigt uns, warum. Wer als ein freier Mensch in unserer modernen Welt etwas tun will, der muss das immer öfter über eine Technologie-Plattform tun, die als Schnittstelle fungiert. Man kann in der modernen Wirtschaft fast kaum noch funktionieren, ohne ein Smartphone zu benutzen. Und das bedeutet, die Beteiligung an einer Sache, die eigentlich in öffentlicher Hand sein sollte, wird stattdessen von Technologie-Unternehmen gesteuert. Um uns also auszudrücken, müssen wir durch eine Schranke hindurch. Und das mag eine sehr angenehme und gut designte Schranke sein, aber es ist immer noch eine Schranke im Privatbesitz eines Technologieunternehmens. Da stellt sich die Frage: Sind wir wirklich zufrieden damit, dass der quasi-öffentliche Raum im Besitz von privaten Unternehmen ist, die keinerlei demokratische Rechenschaftspflicht haben, und die in ihren Entscheidungen immer wieder ihre eigenen Vorteile vor unsere stellen?

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