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Die Politik entdeckt TikTok | BR24

© pa/dpa/Bildagentur-online

Tik Tok

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    Die Politik entdeckt TikTok

    Die chinesische Video-Plattform ist ein Gewinner der Corona-Krise: 315 Millionen Downloads weltweit von Januar bis März – das hat noch keine App geschafft. Eine Folge: auch die deutsche Politik will jetzt mitmischen.

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    März 2020, wenige Tage bis zur Kommunalwahl in Bayern, das Wohnzimmer von Helena Schwinghammer: Die junge Frau mit dem braunen Mittelscheitel lächelt in die Selfiekamera ihres Smartphones, ihr Kopf ist leicht nach links gekippt, sie bewegt ihre Hände und Lippen zum Refrain des Songs "Ashe – Moral of the story" – für etwa 15 Sekunden. In der Kombination aus Songtext und schriftlichen Einblendungen steckt ihre politische Botschaft: Sinngemäß lautet diese: "Wenn du früher die Grünen gewählt hast, wähl jetzt die SPD".

    Die Politik und TikTok

    Der kurze Clip findet sich auf dem TikTok Kanal des SPD-Ortsvereins Perlach-Waldperlach. Helena Schwinghammer ist die Ortsvorsitzende. Das TikTok-Engagement der jungen Münchner Studentin ist besonders, denn der Ortsverein aus dem Südosten von München ist der erste Account der Sozialdemokraten auf TikTok. Außerdem zählt die 22-Jährige zu den wenigen deutschen Kommunalpolitikerinnen, die überhaupt auf TikTok aktiv sind – obwohl sie zunächst skeptisch war.

    "Ich dachte mir: Das ist total blöd. Aber ich fand es auch faszinierend und hatte dann Lust, selbst etwas zu produzieren. Mir ist aufgefallen: es gibt kaum Politik auf TikTok." Helena Schwinghammer, Ortsvorsitzende der SPD Perlach-Waldperlach
    © Helena Schwinghammer

    Helena Schwinghammer, Ortsvorsitzende der SPD Perlach-Waldperlach

    TikTok mit Download-Rekord im ersten Quartal

    TikTok, ehemals Musical.ly, war bisher vor allem eine Gute-Laune-App für Jugendliche: Tanzen, wild gestikulieren, zu bekannten Songs die Lippen bewegen – fertig ist der Tik Tok Clip. Die Corona-Krise hat die Video-Plattform des chinesischen Start-up-Giganten ByteDance beflügelt: 315 Millionen Downloads weltweit von Januar bis März – so oft wurde innerhalb eines Quartals noch keine Anwendung im App-Store und im Google-Play-Store heruntergeladen, so der Branchendienst Sensor Tower. Seit März ist auch die höchste Liga deutscher Politik dabei. Prominente Beispiele: Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) oder das Bundesgesundheitsministerium.

    Eine Million Nutzer innerhalb von 24 Stunden

    Das erste Video des Gesundheitsministers erreicht innerhalb von 24 Stunden über eine Million Aufrufe, bei geschätzten fünf bis sechs Millionen Nutzern in Deutschland. Die enorme Reichweite sei nicht verwunderlich, schließlich habe das Coronavirus auf TikTok schon früh für Panik gesorgt, sagt Kommunalpolitikerin Helena Schwinghammer. Aber wollen die Teenager überhaupt politische Themen auf TikTok? Diese Frage stelle sich bei jeder jungen Social Media-Plattform, so der Politikberater Martin Fuchs. "Ich glaube, solange sie dort keine Politik haben, würden sie immer sagen: Wollen wir nicht. Wir wollen Musik und Lipsyncs machen. Aber wenn ich mir angucke, wie erfolgreich der Account des Bundesministeriums für Gesundheit jetzt in der Corona-Krise war, dann sehe ich schon, dass da Politik definitiv eine Daseinsberechtigung hat und auch hingehört", analysiert der Politikberater Martin Fuchs.

    Tipp: immer authetisch bleiben

    Der 40-Jährige berät politische Akteure in digitaler Kommunikation. Wer als Politiker Erfolg auf der Plattform haben wolle, solle authentisch bleiben, sich der TikTok-Kultur aber öffnen. Das bedeute auch, vom "hohen Ross der politischen Sprache herunterzukommen“ und mit der auf TikTok beliebten Lippensynchronisation zu arbeiten. Das koste natürlich Überwindung, da es in den eigenen Parteikreisen als unseriös abgetan werden könne.

    "Sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, wäre ein entscheidender Erfolgsfaktor.“ Politikberater Martin Fuchs

    Eine bayerische Partei setzt konsequent auf TikTok

    Eine BR-Anfrage bei den Landtagsparteien CSU, Grüne, Freie Wähler, AfD, SPD, FDP zeigt: das Gros der Parteien ist in ihrer TikTok-Nutzung noch sehr zurückhaltend. Der CSU sei kein Politiker aus ihren Reihen bekannt, der die Video-App nutze. Die Grünen äußern zudem Bedenken bezüglich "fehlender Meinungsfreiheit, Neutralität und Transparenz". Die AfD setzt lieber auf andere soziale Medien, die FDP möchte abwarten, ob TikTok "eine geeignete Plattform zum Austausch bietet" und die SPD "prüfe noch, inwieweit sich unsere Inhalte dort glaubwürdig und gut transportieren lassen! Nur eine Partei setzt schon jetzt strategisch auf TikTok: die Freien Wähler.

    Parteien hätten es "bisher verschlafen, neue Trends mitzugehen", sagt Felix Locke. Der stellvertretende Generalsekretär der Freien Wähler Bayern ist das Gesicht der Partei auf der Plattform. Ziel sei es, die junge Generation anzusprechen. Der 32-Jährige will mit den kurzen Clips die Partei bekannter machen, "so dass der ein oder andere bei der nächsten Wahl positive Assoziationen zu den Werten der Freien Wähler zieht".

    TikTok: Politik willkommen, aber keine Werbung

    TikTok stand in der Vergangenheit häufiger in der Kritik, unliebsame politische Inhalte zu löschen. Auch ein Video von SPD-Kommunalpolitikerin Helena Schwinghammer wurde zwischenzeitlich deaktiviert. Sie hatte es nach der Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten von Thüringen hochgeladen. Das Video zeigt den Handschlag zwischen Kemmerich und Björn Höcke, Sprecher der thüringischen AfD. Darauf folgt ein Foto von 1933, auf dem der damalige Reichskanzler Adolf Hitler dem Staatsoberhaupt Paul von Hindenburg die Hand reicht. Laut TikTok wurde das Video untersucht, weil eine Beschwerde im Zusammenhang mit dem Netzwerkdurchsuchungsgesetz vorlag. Inzwischen ist das Video wieder online zu finden. TikTok heiße "grundsätzlich alle Menschen willkommen", also auch politische Akteure, aber:

    "Wir haben uns dazu entschieden, politische Werbung auf TikTok grundsätzlich nicht zu erlauben, da diese nicht zur Erlebniswelt der Plattform passen." TikTok auf Anfrage des BR

    Politikberater Martin Fuchs kann sich vorstellen, dass TikTok trotzdem im Wahlkampf zur nächsten Bundestagswahl zumindest eine kleine Rolle spielen könnte. Bis dahin werden junge Politiker wie Helena Schwinghammer oder Felix Locke weiter versuchen, die politischen Basics zu vermitteln – wenn es sein muss mit Lippensynchronisation und Text-Tafeln.

    "Also ich sitze ja nicht im Bundestag, sondern im Bezirksausschuss. Das ist ein Gremium, von dem haben viele Jugendliche noch nie etwas gehört. Die wissen nicht, dass es existiert. Und das Politik auch das vor der Haustür ist, das würde ich gerne vermitteln." Helena Schwinghammer, SPD Perlach-Waldperlach

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