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Die Debatte um ein Recht auf Homeoffice | BR24

© picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

Eine Frau arbeitet mit Hörschutz im Homeoffice.

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    Die Debatte um ein Recht auf Homeoffice

    In der Corona-Krise ist laut einer Umfrage jeder Dritte ins Homeoffice gewechselt. Während in Deutschland über ein Recht auf Homeoffice diskutiert wird, geht Facebook-Chef Zuckerberg davon aus, dass Homeoffice bei Facebook künftig zur Regel wird.

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    Tausche Büro gegen Arbeitszimmer: Seit dem Beginn der Corona-Pandemie ist ein Großteil der Beschäftigten in Deutschland ins Homeoffice gewechselt. Laut einer Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gaben 35 Prozent der Befragen an, in der ersten Aprilhälfte teilweise oder vollständig von zu Hause aus gearbeitet zu haben.

    Vor der Corona-Krise hätten hingegen nur zwölf Prozent gelegentlich oder dauerhaft den heimischen Schreibtisch genutzt, hatte das Institut Mitte Mai mitgeteilt. Vor allem Beschäftigte mit höheren Einkommen und höherer Bildung konnten demnach ins Homeoffice wechseln.

    Heil will bis Herbst Gesetz vorlegen

    Arbeitsminister Heil will nun bis Herbst ein Gesetz vorlegen, dass ein Recht auf das Arbeiten von daheim einführen soll. Laut dem SPD-Politiker soll man komplett auf Homeoffice umsteigen dürfen oder auch nur für ein paar Tage. "Jeder, der möchte und bei dem es der Arbeitsplatz zulässt, soll im Homeoffice arbeiten können - auch wenn die Corona-Pandemie wieder vorbei ist", hatte Heil der "Bild am Sonntag" gesagt.

    Gegenwind bekam Heil von Wirtschaftsminister Altmaier. "Wir brauchen vor allem weniger Bürokratie, nicht immer neue staatliche Garantien", so Altmaier. Der CDU-Politiker ist der Ansicht, dass Unternehmen nach der Krise von sich aus auf Homeoffice setzen werden, aber es passe eben nicht überall - vor allem dort, wo der direkte Kontakt zu Kunden und Mitarbeitern notwendig sei. Er habe volles Vertrauen in Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Betriebsräte, dass vor Ort die richtigen Lösungen gefunden werden. "Staatliche Gängelei wäre grundfalsch."

    Vorschlag sei "aus der Zeit gefallen"

    Die Debatte in der großen Koalition wurde auch am Wochenende weitergeführt. Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Katja Mast, sagte der Deutschen Presse-Agentur:

    "Wer jetzt gleich wieder kritisiert, versucht eine Debatte abzuwürgen, die wir führen müssen. Denn wir sammeln doch alle gerade Erfahrungen, wie Homeoffice funktionieren kann und wie nicht und welche Fragen zu regeln sind." Katja Mast, stellv. Vorsitzende SPD-Bundestagsfraktion

    Die Frage sei, was nach der Krise besser gemacht werden könne als vorher, sagte Mast. "Ein Recht auf Homeoffice, dort wo es geht, gehört dazu." Zwar löse das nicht all Herausforderungen, denn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf brauche mehr Angebote - dennoch sei das Recht auf Homeoffice "ein weiterer wichtiger Schritt, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen und zu binden."

    Kritik an dem Vorschlag von Arbeitsminister Heil gab es hingegen aus der Wirtschaft. "Politische Ladenhüter aus der Zeit vor dem größten Wirtschaftsrückgang aufzuwärmen, wirkt etwas aus der Zeit gefallen", hatte der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Steffen Kampeter, gesagt.

    Umfrage: Wer wünscht sich Homeoffice?

    Laut einer Umfrage des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) von Anfang März wünschen sich mehr als die Hälfte der Befragten (58 Prozent) im Homeoffice zu arbeiten - die Frage lautete allerdings, ob man dies im Falle einer "gesundheitsgefährdenden Situation" möchte.

    Interessant ist hierbei, dass zwei von drei Angestellten (66,1 Prozent) von ihrem Arbeitgeber auch entsprechende digitale Lösungen erwarten. Von den mehr als 1000 Befragten gab über die Hälfte an, dass ihr Arbeitgeber dazu technisch auch in der Läge wäre.

    "Viele Angestellte gehen Tätigkeiten nach, die mit entsprechenden digitalen Lösungen problemlos auch von zu Hause aus erledigt werden könnten", sagt Marco Junk, Geschäftsführer des BVDW. "Vielleicht führt uns diese Krise in Deutschland endlich dazu, die Digitalisierung der Arbeitswelt ernsthaft zu betreiben." Der BVDW hatte bereits in der Vergangenheit mehrfach dazu aufgerufen, entsprechende gesetzliche Regelungen für mehr Home-Office-Möglichkeiten zu schaffen.

    Twitter und Facebook sind schon weiter

    Während in Deutschland eine politische Debatte über das Arbeiten von daheim entbrannt ist, sind die großen Tech-Konzerne in den USA teilweise schon einen Schritt weiter. Twitter hat seinen Mitarbeitern vor kurzem bereits in Aussicht gestellt, in Zukunft komplett von zu Hause zu arbeiten - sofern es ihre Rolle und Situation erlauben. Und Facebook-Chef Mark Zuckerberg geht davon aus, dass in zehn Jahren etwa jeder Zweite Beschäftigte seines Konzerns im Homeoffice arbeiten wird. Diese Zahl sei seine Schätzung, kein Ziel, betonte Zuckerberg in einem Interview mit "The Verge".

    In einer internen Umfrage habe sich jeder fünfte Mitarbeiter dafür ausgesprochen, dauerhaft von Zuhause aus zu arbeiten. Weitere 20 Prozent hätten einiges Interesse daran gezeigt. Bei einigen von diesen insgesamt 40 Prozent werde das angesichts ihrer Jobs allerdings nicht funktionieren, so Zuckerberg in dem Interview. Er gehe davon aus, dass in den kommenden Jahren weitere Mitarbeiter eingestellt werden, die von Anfang an von Zuhause arbeiten.

    Veränderte Arbeitswelt durch die Krise

    Auch Forscher erwarten, dass sich die Arbeitswelt durch die Krise grundlegend verändern könnte - nicht nur in Sachen Homeoffice. Der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation, Dieter Spath, sagte der dpa Ende April:

    "Viele haben nun Vorbehalte gegenüber Videokonferenzen und anderen Möglichkeiten der Kommunikation abgebaut. Viele werden sich überlegen, welche Reisen wirklich nötig sind, ob wir also nicht auch nach der Krise die Dienstreisen reduzieren auf die Termine, bei denen das Onlinemeeting keine Alternative ist." Dieter Spath, Leiter Frauenhofer-Institut für Arbeitswirtschaft

    Das spare Zeit und Geld und sei ökologisch sinnvoll, so Spath. Für Tech-Konzerne wie Facebook ist der Wechsel hin zum Homeoffice für immer und alle dagegen nicht unbedingt so naheliegend, wie man vielleicht meint.

    Kostenlose Caféterias, Shuttlebusse zur Arbeit und gigantische Bürokomplexe mit Lounge-Atmosphäre: Jahrelang haben die großen amerikanischen Tech-Konzerne eigentlich alles dafür getan, ihren Mitarbeitern möglichst wenig Grund zu geben, nach Hause zu gehen. Dafür leisteten sie sich unter anderem teure Bauprojekte. Apple baute beispielsweise ein Gebäude für 12.000 Beschäftigte, Facebook erweiterte seine Zentrale mit zwei hangargroßen Gebäuden des Stararchitekten Frank Gehry mit Gärten auf dem Dach. Und Google ist dabei, eine neue Zentrale in einem gewaltigen Glas-Zelt zu bauen.