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Technologie wird so designt, dass sie unsere Aufmerksamkeit bindet.
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Autoren

Tobias Schießl
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Technologie wird so designt, dass sie unsere Aufmerksamkeit bindet.

*Pling* macht es, und der Blick geht sofort in Richtung Smartphone. Dann nimmt man es in die Hand und schaut nach, was sich hinter dem roten Icon mit der Zahl verbirgt. Irgendetwas Neues zumindest, das signalisiert einem das Smartphone mit ganz bestimmten Sounds und visuellen Signalen. Ein gut abgestimmtes System, um unsere Aufmerksamkeit zu binden.

Technologien lenken unsere Aufmerksamkeit

Das ist aber nicht immer in unserem Sinn, sagt James Williams, der lange für Google gearbeitet hat und jetzt an der Uni Oxford forscht:

"Diese ganze Umgebung, die in den letzten paar Jahren entstanden ist, und in der ganz systematisch um unsere Aufmerksamkeit gekämpft wird, wird oft „Aufmerksamkeitsökonomie“ genannt. Die Technologien, die wir nutzen, versuchen unsere Aufmerksamkeit zu bekommen und diese dann in ihrem Sinn zu lenken. Oft ist das aber gar nicht in unserem eigenen Sinn." James Williams, Universität Oxford

Navi für den Alltag

Trotzdem lassen wir uns oft von ihnen lenken. Denn in vielen Bereichen nutzen wir die Technologien wie eine Art Navigationssystem für unseren Alltag: Restaurant-Vorschläge, Leseempfehlungen, die uns in die Timeline gespült werden und Suchen jeder Art.

Aufmerksamkeit – eine begrenzte Ressource

Wir vertrauen diesem System meist, schließlich hilft es uns. Es verbraucht aber auch eine Ressource: unsere Aufmerksamkeit. Dass diese Ressource aber begrenzt ist, hat schon der Sozialwissenschaftler Herbert Simon Anfang der 1970er Jahre geschrieben:

"Reichtum an Informationen schafft Armut an Aufmerksamkeit, und eine Notwendigkeit, diese Aufmerksamkeit in dem Überangebot an Information effektiv und sinnvoll auf die Dinge zu richten, die sie brauchen." Herbert Simon, Sozialwissenschaftler

Das Geschäft der Social-Media-Firmen

War die Benachrichtigung am Smartphone also wirklich so wichtig, dass man gleich wieder in die Facebook-App schauen muss? Die Apps und Betriebssysteme sind genau darauf optimiert, nutzen unsere Aufmerksamkeit aber für ihre eigene Agenda. James Williams stört sich deshalb auch an dem Begriff "Social Media":

"Wir nennen Facebook oder Twitter immer noch Social-Media-Firmen, aber sie verkaufen kein „Social Media“. Sie verkaufen unsere Aufmerksamkeit." James Williams, Sozialwissenschaftler

Die Aufmerksamkeit, die wir etwa der Facebook-Timeline für den einen kurzen Moment schenken, die schenken wir am Ende auch den Werbepartnern, die dort Anzeigen platziert haben.

Können wir sinnvollen Umgang damit lernen?

Noch haben wir keinen adäquaten Umgang mit diesen Technologien gelernt. Das braucht viel Zeit, und Williams bezweifelt, dass wir bei dem hohen Tempo an Innovation und Veränderung mithalten können. Eine App kann sich schließlich von einem auf den anderen Tag völlig verändern.

Blick in die Zukunft

James Williams plädiert dafür, den Blick stärker in die Zukunft zu richten, auf Technologien, die wir jetzt durch Diskussionen noch stärker mitbestimmen können. Wie wollen wir zum Beispiel mit Sprachassistenten wie Alexa umgehen? Wie sollen sie uns dienen? Diese Fragen sollten wir jetzt stellen, damit am Ende wir den Umgang mit diesen Technologien gestalten und nicht umgekehrt.

Was tun?

Tipps, um mehr Kontrolle über das eigene Smartphone-Nutzungsverhalten zurückzugewinnen, gibt etwa das "Center for Humane Technology", das James Williams mitgegründet hat. An der Non-Profit-Organisation sind viele ehemalige Tech-Insider beteiligt, die Technologie wieder stärker am Nutzen für den Menschen ausrichten möchten.

Veranstaltungstipp "Zündfunk Netzkongress 2018":

James Williams wird auch am 26. und 27. Oktober auf dem Zündfunk Netzkongress 2018, veranstaltet von Bayern 2, als Speaker und in Diskussionsrunden auftreten. Das Thema des diesjährigen Netzkongresses ist "#cashtag – Was kostet uns das Netz wirklich?"

Tickets gibt es unter: https://zuendfunk-netzkongress.de