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Deplatforming: Wo Rechtsextreme neue Anhänger rekrutieren | BR24

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Telegram ist gerade bei Rechtsextremen beliebt.

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    Deplatforming: Wo Rechtsextreme neue Anhänger rekrutieren

    Löschen, sperren, bannen: Facebook, YouTube und Twitter gehen energisch gegen rechtsextreme Accounts vor. Auf welche Alternativplattformen die extreme Rechte nun ausweicht und mit welchen Strategien sie dort versuchen, neue Anhänger zu rekrutieren.

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    Seit einigen Monaten gehen die großen Plattformen Facebook, Twitter und YouTube entschiedener gegen Hass im Netz vor und löschen Accounts, die Hass und Hetze verbreiten. Von diesem “Deplatforming” sind Rechtsextremisten besonders betroffen.

    💡 Deplatforming

    Deplatforming wird es genannt, wenn Soziale Netzwerke Accounts von ihren Plattformen verbannen. Deplatforming wird oft mit einem Mikro vergleichen, dass den jeweiligen Akteuren entzogen wird. Deplatforming gilt als mächtige Waffe, weil es die öffentliche Sichtbarkeit von Personen und Organisationen stark einschränkt.

    Die extreme Rechte ist gezwungen, auf Alternativplattformen umzusteigen, in der Regel auf Dienste, die extremistische Meinungen tolerieren.

    Telegram bei extremen Gruppierungen sehr beliebt

    Speziell Telegram ist bei Rechtsextremen und Anhängern von Verschwörungstheorien sehr beliebt. Zum einen, weil ihnen der Messenger-Dienst eine große Reichweite verschafft: Gruppen können bis zu 200.000 Mitglieder haben und Channels, in denen wenige schreiben und der Rest nur mitliest, gar unbegrenzt viele. Zum anderen werden Inhalte auf Telegram nur wenig reguliert.

    "Telegram ist in den letzten Monaten für Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker eine ganz wichtige Alternativplattform geworden", sagt die Journalistin Karolin Schwarz zu BR24.

    Nach seinem Rauswurf bei Twitter und YouTube intensivierte Martin Sellner, das Gesicht der als vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Identitären Bewegung, seine Aktivitäten auf Telegram. Im Juli hatten erst Twitter, dann YouTube seine Accounts gelöscht.

    Deutschsprachige QAnon-Gruppe auf Telegram mehr als 120.000 Mitglieder

    Sehr stark ist dort auch die Verschwörungsbewegung QAnon vertreten, die sich in Deutschland derzeit in ganz unterschiedlichen sozialen Gruppen ausbreitet.

    Die größte deutschsprachige QAnon-Gruppe auf Telegram hat laut Schwarz mehr als 120.000 Mitglieder. Auch Reichsbürger und der Vegan-Koch Attila Hildmann, der sich in den letzten Monaten radikalisiert hat, sind auf Telegram aktiv.

    BitChute ist die bevorzugte Video-Plattform für Rechte, die wegen der Verbreitung von "Hassrede" von YouTube verbannt worden sind. So laden zum Beispiel Nikolai Nerling alias "Der Volkslehrer", der auf seinem Kanal eine Holocaustleugnerin interviewt hat, und der österreichische IB-Sprecher Martin Sellner ihre Videos dort hoch. Abrufzahlen wie auf YouTube erreichen sie dort aber bei weitem nicht.

    Rechtsradikale verbreiten Verschwörungstheorien zu Corona

    Auch wenn sich YouTube bemüht, Accounts zu entfernen, die Hass verbreiten, heißt das noch nicht, dass dort gar alle derartigen Inhalte verschwunden sind.

    "Die Inhalte des Volkslehrers werden durch seine Anhänger immer wieder neu hochgeladen. Dazu kommen weitere Kanäle aus dem Umfeld der Identitären Bewegung, wie das Format ‚Laut Gedacht‘. Auch Verschwörungsideologen wie Oliver Janich sind noch immer auf YouTube vertreten". Karolin Schwarz, Expertin für Rechtsextremismus

    Janich oder die frühere Tagesschau-Sprecherin Eva Herman, die in der rechtsradikalen Szene inzwischen gut verankert seien, hätten durch die Corona-Krise im Vergleich zu nicht-verschwörungstheoretischen Rechten stark an Reichweite gewonnen, sagt Schwarz.

    Die Verschwörungsideologen lieferten "Antworten" und schafften es, Menschen, die an Verschwörungen glauben, zu aktivieren, sagt Schwarz. Sie seien mit konkreten Behauptungen erfolgreich, etwa, dass das Virus nicht existiere, dass es in China oder in den USA gezüchtet worden sei, dass Corona ein Geheimplan sei, um die Wirtschaft zu zerstören, oder dass Impfungen dazu da seien, um Menschen zu chippen.

    Deplatforming kann zu Radikalisierung führen

    Das Deplatforming rechtsextremer Accounts durch Facebook, Twitter und YouTube kostet diesen zwar Reichweite, hat aber auch einen negativen Begleiteffekt:

    "Dieser Schritt kann die Radikalisierung Einzelner verschärfen, da auf den Alternativplattformen extremistische Ideologien noch präsenter und zumeist unwidersprochen aufzufinden sind", heißt es im Kapitel "Aktuelle Entwicklungen im Cyber-Extremismus" des kürzlich erschienenen Brandenburger Verfassungsschutzberichts für 2019.

    Karolin Schwarz sieht es differenzierter:

    "Nicht die rechtsextremen Akteure radikalisieren sich auf den Alternativplattformen, sondern ihre Anhänger, weil es dort keinen Widerspruch mehr gibt. Prinzipiell ist eine Radikalisierung aber auch auf Facebook möglich, beispielsweise in geschlossenen Facebook-Gruppen." Karolin Schwarz, Expertin für Rechtsextremismus

    Zweistufiges Rekrutierungsverfahren

    Eine weitere Folge des "Deplatformings": Die Rechtsextremisten haben auf ein zweistufiges Rekrutierungsverfahren umgestellt, heißt es im Brandenburger Verfassungsschutzbericht. Die Szene nutze Facebook und Twitter zwar weiter zur Kontaktanbahnung. "Aufgrund drohender Sperrungen haben sie ihre Propaganda auf den großen Netzwerken sprachlich und inhaltlich angepasst". Die "Verfassungsfeinde" seien jedoch bemüht, Interessierte dann möglichst schnell auf Alternativplattformen zu locken.

    Fazit

    Das "Deplatforming" durch Facebook, Twitter und YouTube wirkt. Es zwingt Rechtsextreme dazu, auf Alternativplattformen ausweichen, die auch extremistische Meinungen tolerieren. Dort haben sie in der Regel eine viel geringere Reichweite.

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