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Das bedeutet die Entscheidung für die dezentrale Corona-App | BR24

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Interview mit dem BR-Netzexperten Christian Schiffer zu der geplanten App im Kampf gegen das Coronavirus.

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Das bedeutet die Entscheidung für die dezentrale Corona-App

Soll die geplante Corona-App die Daten der Bürger zentral verarbeiten oder dezentral? Darüber wurde in den letzten Tagen gestritten. Die Bundesregierung wollte ursprünglich ein zentrales Konzept - doch nun hat sie eingelenkt. Eine Analyse.

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Sollen Daten zentral oder dezentral verarbeitet werden? Normalerweise ist das ein Streit unter den IT-Gelehrten, doch in den letzten Tagen elektrisierte dieser Streit plötzlich beachtliche Teile der deutschen Öffentlichkeit. Denn die Bundesregierung setzte bei ihrer geplanten Corona-App auf einen zentralisierten Ansatz, etwa um die pseudonymisierten Daten der Wissenschaft zu Verfügung stellen zu können.

Doch nun hat die Bundesregierung sich umentschieden. Corona-Apps sollen auf die Schnittstellen aufsetzen, die Apple und Google bereitstellen werden. Und die beiden Betriebssystem-Giganten setzen auf einen dezentralen Ansatz. Was bedeutet nun aber diese Entscheidung? Drei Beobachtungen lassen sich daraus ableiten.

1. Es handelt sich um einen Sieg für den Datenschutz

Eine freiwillige Corona-App zur Nachverfolgung der Kontakte von Infizierten kann nur erfolgreich sein, wenn die Bürger ihr vertrauen. Und deswegen ist es von entscheidender Bedeutung, dass das technische Gerüst einer solchen App so datenschutzfreundlich ist wie nur möglich. Zentrale und dezentrale Lösungen haben ihre spezifischen Vor – und Nachteile. Wenn es aber um den Datenschutz geht, sehen die meisten Experten eine dezentrale Speicherung der Daten auf den jeweiligen Endgeräten als vorteilhafter an.

Denn bei einer zentralen Lösung muss ein Server eingeschaltet werden und dem müssen die Nutzer dann vertrauen. Die heutige Entscheidung ist deswegen eine Entscheidung für den Datenschutz und schont damit die wichtigste Ressource, die notwendig ist für das Gelingen des Unterfangens: Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger, dass ihre Privatsphäre gewahrt bleibt, sollten sie sich entscheiden, eine solche App zu benutzen.

"Ich begrüße es, dass die Bundesregierung eine dezentrale Lösung befürwortet, denn das bedeutet, dass der Staat nicht Daten zentral auf einem Server sammelt, sondern die Daten über Kontakte auf dem Smartphone verbleiben. Das bedeutet auch, dass der Staat nicht die Corona-App nutzen kann, um Menschen in ihren Bewegungen zu überwachen." Thomas Petri, bayerischer Datenschutzbeauftragter, im BR-Interview
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Die Bundesregierung hat eine Richtungsentscheidung für ihre geplante Corona-Warn-App getroffen. Sie plant nun eine dezentrale Speicherung der Nutzerdaten. Für den bayerischen Datenschutzbeauftragten Thomas Petri ist das eine gute Entscheidung.

2. Google und Apple sind Koch, der Staat ist Kellner

Wichtig: Google und Apple bieten keine eigene Corona-App an, aber sie stellen App-Entwicklern eine Schnittstelle zur Verfügung. Die Bundesrepublik, aber auch Frankreich hatten offenbar Druck auf die beiden Unternehmen ausgeübt, über ihre Schnittstelle auch eine zentrale Lösung zu ermöglichen. Dass sich nun die Staaten den beiden Unternehmen anpassen müssen, zeigt das Kräfteungleichgewicht: Macht hat oftmals derjenige, der Macht hat über die Infrastruktur - und das sind in diesem Fall eben Apple und Google.

Dass die beiden Tech-Unternehmen nun einen dezentralen Ansatz durchsetzen, wie ihn sich viele Datenschützer wünschen, ist vielleicht ein wenig kurios, aber durchaus nachvollziehbar. Denn eine dezentrale Lösung ist auch für die beteiligten Unternehmen bequemer und sicherer.

3. Der Streit war notwendig

In einer Umfrage, die der Bayerische Rundfunk Mitte April in Auftrag gegeben hatte, erklärten 56 Prozent der Deutschen, dass sie sich eine Corona-App installieren würden. Gut möglich, dass diese Zahl durch den Streit abgenommen hat. Auf der anderen Seite ist die Gretchenfrage nach einem dezentralen oder einem zentralen Konzept nun geklärt. Und das freut auch manchen Entwickler. Die Technische Universität München (TU) arbeitet beispielsweise an einem eigenen, datenschutzfreundlichen Tracing-Konzept mit dem Namen ContacTUM.

Daran wirkt unter anderem der Physiker Kilian Holzapfel mit, der die Entscheidung der Bundesregierung ausdrücklich begrüßt. Das TU-Konzept soll mit der Schnittstelle von Google und Apple voll kompatibel werden und so freue man sich, dass man endlich loslegen könne. "60 Prozent der Bevölkerung davon zu überzeugen, eine App zu installieren, das wird eine gewaltige Aufgabe", so Holzapfel. Aber eine, die man gerne angehe.

Der Bundesverband Deutsche Startups fordert jedenfalls, dass deutsche Software-Entwickler jetzt zum Zuge kommen müssen:

"Ein Team aus deutschen Startups hat bereits seit vielen Wochen eine App in den Startlöchern. Es geht jetzt nur noch darum, dass die Bundesregierung den Startups in Deutschland ihr Vertrauen ausspricht, damit diese Startups helfen können." Christian Miele, Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups, im BR-Interview
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Christian Miele, Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups, betont, dass ein Team aus deutschen Startups bereits seit vielen Wochen eine Corona-App in den Startlöchern hat.

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