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Cryptoleaks: Wie BND und CIA gemeinsam Staaten ausspionierten | BR24

© dpa

Bundesnachrichtendienst in Berlin

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    Cryptoleaks: Wie BND und CIA gemeinsam Staaten ausspionierten

    Jahrzehntelang sollen Bundesnachrichtendienst und CIA die verschlüsselte Kommunikation von über 100 Staaten belauscht haben - das belegen Recherchen von ZDF, Washington Post und Schweizer Fernsehen. Auch der Siemens-Konzern spielte dabei eine Rolle.

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    Von 1970 bis 1993 sollen Bundesnachrichtendienst und CIA gemeinsam die verschlüsselte Kommunikation von mehr 130 Regierungen und Nachrichtendiensten mitgelesen haben. Das belegen bisher unveröffentlichte Dokumente, die von führenden BND- und CIA-Mitarbeitern verfasst wurden. In den Akten heißt es: "Diplomatische und militärische Verkehre vieler wichtiger Länder der Dritten Welt, aber auch europäischer Staaten (...) konnten (...) flächendeckend mitgelesen werden."

    Auf den rund 280 Seiten wird die sogenannte "Operation Rubikon" als "eine der erfolgreichsten nachrichtendienstlichen Unternehmungen der Nachkriegszeit" bezeichnet. Das ZDF, die Washington Post und das Schweizer Fernsehen haben die Dokumente in einer gemeinsamen Recherche ausgewertet.

    BND und CIA kauften heimlich Firma für Verschlüsselungsgeräte

    Laut den Recherchen haben BND und CIA eine Art Hintertür in die Verschlüsselungsgeräte der Crypto AG eingebaut. Durch diese manipulierten Algorithmen waren BND und CIA in der Lage eigentlich unlesbare Nachrichten zu entschlüsseln und mitzulesen. Die Kunden wussten nicht, dass BND und CIA die Technik manipulieren ließen.

    Die Schweizer Firma Crypto AG gilt lange als Weltmarktführer für Chiffriergeräte für abhörsichere Kommunikation. Sie verkaufte ihre Produkte in Länder wie Iran, Indien, Pakistan, aber auch an Militärregierungen in Lateinamerika oder den Vatikan.

    Auch Siemens spielte eine Rolle

    Wie aber konnten BND und CIA in diese Geräte Hintertüren einbauen? Laut den Berichten von ZDF, Washington Post und Schweizer Fernsehen kauften die beiden Geheimdienste die Crypto AG Ende im Jahr 1970 zu gleichen Teilen über eine Treuhandgesellschaft. Der Gründer der Crypto AG, Boris Hagelin, setzte sich damals zur Ruhe. Der Preis für die Firma: 8,5 Millionen US-Dollar.

    Nach dem Verkauf steuert der Münchner Siemens-Konzern in den folgenden Jahren den jeweiligen Vorstandschef der Crypto AG bei. Daneben sollen nur zwei weitere Mitarbeiter der Firma eingeweiht gewesen sein.

    Schweigen über Verbrechen

    Laut den Berichten zählt die Crypto AG in ihren besten Zeiten mehr als 130 Regierungen zu ihren Kunden. Ausspioniert wurden demnach neben Ländern in Afrika, Asien und Südamerika auch EU- und NATO-Staaten wie Spanien, Portugal, Italien, Irland und die Türkei.

    Die Recherchen zeigen auch: Durch die intensiven Abhöraktionen waren BND und CIA frühzeitig beispielsweise über die schweren Menschenrechtsverletzungen durch die argentinische Militär-Junta informiert. Aber obwohl die Bundesregierung unter Helmut Schmidt laut den Recherchen davon wusste, nahm Deutschland 1978 an der dort ausgetragenen Fußball-Weltmeisterschaft teil.

    Im Bericht des ZDF heißt es zudem, dass die US-Regierung nach dem Bombenattentat auf die Diskothek La Belle in Berlin im April 1986 nur so schnell Libyen als Verantwortlichen ausmachen konnte, weil der damalige Diktator Muammar al Gaddafi "ein Großkunde der Schweizer Crypto AG" war. Damit werde nun auch die Fragen aufgeworfen, ob die Geheimdienste Vorwissen über die Anschlagspläne hatte, heißt es in dem Bericht.

    "Eine der kühnsten und auch skandalträchtigsten Operationen"

    Der frühere Kanzleramtsminister Bernd Schmidbauer (CDU) bestätigte die Geheimdienstoperation. Obwohl beide Geheimdienste offenbar über Verbrechen Bescheid wussten und dazu schwiegen, sagte Schmidbauer dem ZDF:

    "Die Aktion Rubikon hat sicher dazu beigetragen, dass die Welt ein Stück sicherer geblieben ist." Bernd Schmidbauer, früherer Kanzleramtsminister

    Der Professor Richard Aldrich von der Universität Warwick kommt dagegen zu dem Schluss: "Die Operation Rubikon war eine der kühnsten und auch skandalträchtigsten Operationen, denn über hundert Staaten zahlten Milliarden Dollar dafür, dass ihnen ihre Staatsgeheimnisse gestohlen wurden."

    BND steigt 1993 aus, CIA macht weiter

    Der BND hat die Zusammenarbeit mit der CIA 1993 beendet. Der Bundesnachrichtendienst teilte dem ZDF auf Anfrage mit, er nehme "zu Angelegenheiten, welche die operative Arbeit betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung."

    Nach Recherchen der "Washington Post" setzte der US-Geheimdienst noch einige Jahre weiter auf die Crypto AG. Erst in den Jahren 2017/2018 wurde sie demnach verkauft und aufgeteilt. Dabei soll die CIA zwischen 50 und 70 Millionen Dollar eingenommen haben.

    2018 wurde die Crypto AG in zwei Firmen aufgespalten: Die CyOne AG, die nur noch den Schweizer Markt bedient und die Crypto International AG für den Rest der Welt.

    Reaktionen aus der Bundesregierung

    Der grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz fordert nach den Berichten nun Aufklärung. Er sagte dem ZDF, er habe "kurzfristig für die nächste Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestags einen Bericht der Bundesregierung beantragt. Von der Bundesregierung verlange ich Antworten bezüglich der durch den Bericht aufgeworfenen Fragen."

    Das Schweizer Wirtschaftsministerium hat nach Bekanntwerden der Recherchen vorerst alle weiteren Exporte der Crypto International AG untersagt.