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Corona-Warn-App: Wie zuverlässig ist Bluetooth? | BR24

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Rote Warnungen der Corona-Warn-App sollte man ernst nehmen

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    Corona-Warn-App: Wie zuverlässig ist Bluetooth?

    Bei manchen Nutzern leuchten in diesen Tagen rote Warn-Meldungen in der Corona-Warn-App auf. Aber kann man diesen wirklich trauen? Wir erklären, wo die Möglichkeiten der Bluetooth-Technologie liegen – und wo ihre Grenzen.

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    Mit der zweiten Corona-Welle nehmen die Warnungen in der Corona-Warn-App zu. Eigentlich ist das ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass das Programm prinzipiell funktioniert. Aber wie gut funktioniert es wirklich? Und wie präzise kann eine App sein, die auf Basis des Bluetooth-Signals arbeitet? Immer wieder haben Nutzer den Verdacht, dass die App übersensibel reagiert und beispielsweise eine rote Warnmeldung ausspuckt, obwohl man nur kurz Kontakt zu einer Person hatte, die später positiv auf Corona getestet worden ist. Klar ist, dass die Bluetooth-Messung sicherlich nicht perfekt ist, aber die entscheidende Frage ist: Ist sie gut genug?

    Hilfe vom Fraunhofer-Institut

    Die richtige Kalibrierung der Smartphones und damit die Zuverlässigkeit der Messung war bei der Entwicklung der App eine echte Herausforderung, erzählt Martin Fassunge, der seit über zwanzig Jahren bei SAP arbeitet. Im März kommt der Vorstand des Unternehmens auf ihn zu und betreut ihn mit einem wichtigen Projekt: Fassunge soll die Entwicklung für die Corona-Warn-App leiten.

    Schon bald ist klar: Bei diesem Projekt geht es nicht nur um saubere Programmierung, sondern um eine saubere Messung. "Wir haben sehr viele Dinge gemacht, die gar nichts mit Software-Entwicklung zu tun haben", erzählt Fassunge. Denn die Corona-Warn-App setzt auf Bluetooth. Mit Hilfe dieser Technologie, die sich in jedem Smartphone befindet, soll die App Buch darüber führen, welche Smartphones sich wann wie lange in der Nähe zueinander befunden haben. Sobald ein Nutzer positiv auf Corona getestet wurde, kann er seine Kontakte per App warnen. Doch damit die Abstandsschätzung zuverlässig funktioniert, muss getestet und kalibriert werden. Und das geschieht beim Fraunhofer-Institut in Erlangen.

    Eine Cocktailparty zu Test-Zwecken

    Martin Fassunge schwärmt heute noch von dem Messpark, den die Forschungsinstitution dort betreibt. Ein ganzer Zug sei dort aufgebaut worden und dann habe man Situationen definiert, um zu prüfen, ob die App funktioniert: Zug, Restaurant, Cocktailparty. "Heute wissen wir ja, dass die Cocktailparty das Szenario ist, bei dem eine Infektion am wahrscheinlichsten ist", erzählt Fassunge. Im Rahmen von weiteren Tests werden die Handys nach und nach kalibriert, um die Messung möglichst genau zu machen.

    Bei den Experimenten in Zugabteilen und den zu Testzwecken anberaumten Cocktail-Partys des Fraunhoferinstituts kommen die Forscher auf eine Zuverlässigkeit von 80 Prozent. "Das scheint mit relativ gut eingeschätzt und deckt sich mit ähnlichen Messungen aus Singapur, wo ja frühzeitig eine ähnliche App im Einsatz war", sagt Alexander Heinrich, der in der Forschungsgruppe Secure Mobil Networking der Uni Darmstadt arbeitet.

    In der Trambahn bekommt Bluetooth möglicherweise Probleme

    Allerdings: Die genauen Daten wurden nie veröffentlich. Zudem funktioniert in manchen Szenarien die Messung besser als in anderen. Eine, allerdings methodisch umstrittene, Studie des Trinity College in Dublin fand heraus, dass die Messung aufgrund von Sigalstörungen vor allem dann schlecht funktioniert, wenn Menschen in "Mettalröhren" sitzen.

    Das sind ziemlich schlechte Nachrichten wenn es um korrekte Warnungen im Zusammenhang mit dem öffentlichen Nahverkehr geht. Und dann kann es natürlich sein, dass Glasscheiben oder ähnliche Hindernisse, die Signalstärke beeinflussen. Das alles kann dazu führen, dass vielleicht die ein oder andere Warnmeldung zu viel oder zu wenig ausgelöst wird. Und trotzdem: "Das ist das Beste, was man aktuell machen kann", sagt Alexander Heinrich, der sich an der TU Darmstadt intensiv mit der Corona-Warn-App beschäftigt hat. Man müsse zudem auch beachten, dass Bluetooth nicht dafür entwickelt wurde, um Abstand zu messen.

    Bluetooth wurde nicht entwickelt, um weltweite Pandemien aufzuhalten

    In der Tat: Bluetooth wurde entwickelt, um Kopfhörer, Fitnessarmbänder oder smarte Waagen kabellos mit Smartphones zu verbinden. Bluetooth wurde nicht entwickelt, um weltweite Pandemien zu bekämpfen. Das muss man immer im Hinterkopf behalten. Das System funktioniert vielleicht nicht perfekt, aber immerhin funktioniert es überhaupt noch, anders als die analoge Kontaktnachverfolgung der Gesundheitsbehörden, die unter der zweiten Corona-Welle ächzt und die auch das prinzipielle Problem hat, dass man viele Menschen gar nicht kennt, zu denen man Kontakt hat, etwa an der Supermarktkasse.

    Deswegen gilt bei einer roten Warnmeldung der Corona-Warn-App: zu Hause bleiben und testen lassen. Denn besser, man wurde einmal zu oft gewarnt, als einmal zu wenig.

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