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Corona und Digitalisierung: Wer auf der Strecke bleibt | BR24

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Videosprechstunde in Corona-Zeiten

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    Corona und Digitalisierung: Wer auf der Strecke bleibt

    Viele Menschen klagen über verwirrende Corona-Vorschriften. Wie geht es jenen, die einen schlechten Medien-Zugang haben oder die deutsche Sprache kaum beherrschen? Der pandemiebedingte Digitalisierungsschub schließt gesellschaftliche Gruppen aus.

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    Von
    • Arno Trümper

    Es gibt ein vielfältiges Angebot auf Websites, etwa von der Bayerischen Staatsregierung, dem Robert Koch-Institut oder dem Bayerischen Rundfunk: Die aktuellen Corona-Verordnungen werden erklärt, in vielen verschiedenen Sprachen und auch in sogenannter einfacher Sprache auf Deutsch. Damit sollen gesellschaftliche Randgruppen, Flüchtlinge, Arme und auch Senioren informiert werden. Nur: Das Angebot wird zu wenig genutzt.

    Viele Senioren sind offline

    Zufällig haben sie sich beim Einkaufen, im Supermarkt um die Ecke getroffen: Marlen, Ingeborg und Elisabeth, drei ältere Damen aus dem Münchner Stadtteil Ramersdorf. Alle reden gleichzeitig. Es gibt viel zu erzählen, weil sie sich lange nicht mehr gesehen haben, denn wegen Corona hat ihr Nachbarschaftstreff geschlossen. Sie vermissen diesen Anlaufpunkt, für ein Schwätzchen, um das Neueste zu erfahren – gerade was Corona betrifft.

    Siglinde Schiedeck ist ehrenamtliche Betreuerin im Nachbarschaftstreff - so etwas wie die gute Seele. Mehrfach in der Woche hatte sie für ihre älteren Mitbürger Angebote gemacht: Turnen, Kaffeeklatsch, Bastelstunde. Das vermissen sie jetzt alle, auch Marlen, Ingeborg und Elisabeth. Dabei wäre es gerade in Krisenzeiten wichtig, informiert zu bleiben.

    Aber Schiedeck weiß, wie schwierig das ohne den persönlichen Kontakt ist: "Die meisten haben nicht einmal ein Handy. Eigentlich geht es jetzt gerade nur beim Einkaufen, dass man sich da trifft und dann tauscht man sich aus, aber Internet und Handy, so etwas haben sie nicht."

    Bedürftig, uninformiert, abgehängt

    Die Zahl der Bedürftigen hat allein in München, im Laufe der Pandemie, um bis zu 20 Prozent zugenommen. Das zeigen Zahlen des Jobcenters München zu Hartz IV-Leistungen. Außerdem leben, nach Schätzungen der Caritas, etwa 1.000 Obdachlose in der Stadt, etwa doppelt so viele wie vor einem Jahr.

    Doch wer arm ist, ist oft zusätzlich noch von wichtigen Informationen über die Lage der Pandemie abgeschnitten. Das bereitet Angst und verstärkt das Gefühl, ausgeschlossen und abgehängt zu sein.

    So erzählt ein Obdachloser dem BR, dass er viel zu wenig über das Virus und die Hygienevorschriften wisse: "Weil ich kein Smartphone mehr habe und Batterien fürs Radio nicht kaufen kann, weil ich über kein Geld verfüge." Vor der Pandemie lebte er in einer Wohnung. Er drückt sich gewählt aus, wirkt gebildet und gleichzeitig völlig hilflos.

    Armut geht oft mit Einsamkeit einher

    Wärmestuben, Obdachlosentreffs, Beratungsangebote: Vieles ist geschlossen. Andere haben nur ein eingeschränktes Angebot. Etwa bei der Bahnhofsmission in München. Früher konnten sich die Menschen hier hinsetzen, ausruhen, ihre Handys aufladen.

    Jetzt gibt es zwar noch Tee und etwas zu essen - aber nur zum Mitnehmen. Stefanie Gruber arbeitet bei der Bahnhofsmission und bedauert, dass sie jetzt weniger Kontakt zu den Klienten hat: "Man erfährt viel weniger, wie es ihnen geht. Man hat die Menschen nicht mehr so im Blick. Es entsteht eine Distanz. Durch das To-go geht einfach viel verloren."

    Es heißt, in der Pandemie rückten die Menschen zusammen. Für die Ärmsten aber treffe das nicht zu, sagt Gruber. Sie vereinsamten eher noch mehr. So gehe auch die Möglichkeit zum Austausch verloren und die Möglichkeit, über pandemiebedingte Ängste zu reden.

    Informationen und eine warme Suppe

    Auch bei der Caritas kennt sie das Problem: Am Münchner Hauptbahnhof haben sie darum die Korbinian-Küche eingerichtet – ein Food-Truck, Corona-geeignet unter freiem Himmel. Dort verteilen Caritas-Mitarbeiter Suppe an die Ärmsten und informieren sie über die Verhaltensregeln in der Pandemie.

    Marlies Brunner ist Projektleiterin bei der Caritas München: "Die sind schon auch angewiesen auf uns, dass wir sie immer wieder informieren, dass wir ihnen immer wieder sagen, schau, pass hier auf, mach das nicht, oder das ist wichtig, schau, dass deine Hände immer desinfiziert sind."

    Bei Flüchtlingen kommt die Sprachbarriere hinzu

    Besonders Flüchtlinge werden über mediale Angebote offenbar schlecht erreicht. Durch ein vielsprachiges Angebot stehen viele Informationen zwar theoretisch zur Verfügung – aber viele Flüchtlinge haben für ihre Smartphones oft nur begrenztes Datenvolumen, in vielen Flüchtlingsunterkünften gibt es außerdem kein WLAN. Darum nutzen nur sehr wenige die Informationsangebote, weiß Andrea Betz von der Inneren Mission München. Das führe dazu, das viele wegen Corona besonders verängstigt und ratlos seien.

    Forschung bestätigt die Spaltung der Gesellschaft

    Die Medienforscherin Annika Sehl von der Bundeswehr-Universität-München hat zur Mediennutzung geforscht und sich gefragt, welche Gruppen in der Gesellschaft von den unterschiedlichen Medien erreicht werden. Sie bestätigt, dass viele Beratungsangebote in Web, Hörfunk und Fernsehen an den Menschen vorbeigehen.

    "Bei Massenmedien ist der Fall, dass sie sich an ein Massenpublikum richten", so Sehl. "Wenn es darum geht, spezielle Zielgruppen mit speziellen Bedingungen zu informieren, dann liegt hier ein Vorteil in der interpersonellen Kommunikation, weil man dann sehr viel mehr auf den Einzelnen eingehen kann und entsprechende Fragen erklären kann."

    Soll heißen: Vieles kann eigentlich nur im direkten Gespräch vermittelt werden. Besonders die Angebote im Internet, etwa die Informationen in unterschiedlichen Sprachen, erreichen ihre Adressaten nicht, besonders weil ihnen der Internetzugang fehlt oder die Dienste einfach nicht bekannt sind.

    Das bedeutet: Der zusätzliche Digitalisierungsschub, der zusammen mit der Corona-Pandemie eingesetzt hat, schließt einige, die vorher schon am Rande standen, noch mehr aus der Gesellschaft aus - gerade Ältere, Flüchtlinge und Arme. Darum ist der persönliche Kontakt, das soziale Engagement, das die Caritas und Ehrenamtliche wie Siglinde Schiedeck leisten, gerade jetzt besonders wertvoll.

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