BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Corona als Brandbeschleuniger für Cybermobbing in Schulen | BR24

© BR

Immer mehr Schüler leiden unter Cybermobbing. Corona verschärft das Problem noch.

3
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Corona als Brandbeschleuniger für Cybermobbing in Schulen

Das Bündnis gegen Cybermobbing und die Techniker Krankenkasse haben die Studie "Cyberlife III" vorgestellt. Die alarmierenden Ergebnisse der ersten beiden Untersuchungen wurden dabei noch übertroffen. Corona treibt Cybermobbing an Schulen weiter an.

3
Per Mail sharen
Von
  • Christian Sachsinger

Das Bündnis gegen Cybermobbing beobachtet das Phänomen seit knapp zehn Jahren und hat 2013 und 2017 erste wissenschaftliche Studien dazu verfasst. Für die nun dritte bundesweite Untersuchung wurden knapp 400 Lehrer, rund 4.400 Schüler und über 1.000 Eltern in ganz Deutschland befragt, um das Problem Cybermobbing aus den verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

Schülerinnen und Schüler berichteten in der Befragung von Beschimpfungen, Beleidigungen, Verleumdungen und Ausgrenzungen, die ihnen zunehmend zu schaffen machten. Gut 17 Prozent waren mindestens einmal persönlich von Cybermobbing betroffen, Mädchen und Jungen in etwa gleich stark. In der Gruppe der 13- bis 17-Jährigen lag der Anteil sogar bei rund 23 Prozent. Besonders oft kam es zu solchen Vorfällen laut der Studie in Berufsschulen, Hauptschulen (Bayern: Mittelschulen), Werkrealschulen (Baden-Württemberg) und Realschulen. Gymnasien und Grundschulen sind bislang noch weniger betroffen, doch der Trend zeigt hier eindeutig nach oben.

© BR

Es sind alarmierende Ergebnisse, zu denen die Studie "Cyberlife III" kommt: Cybermobbing an Schulen nimmt weiter zu - auch angetrieben von Corona.

Viele denken über Selbstmord nach

Die Auswirkungen sind laut Bündnis gegen Cybermobbing nicht zu unterschätzen. Wer in den sozialen Netzwerken angegriffen wird, leidet meist stark darunter. Schülerinnen und Schüler fühlen sich verlassen oder haben Angst vor weiteren Übergriffen. Viele kommen nicht mehr zur Schule. In der Studie gaben 33 Prozent der Betroffenen zudem an, darüber nachgedacht zu haben, sich das Leben zu nehmen. In der letzten Studie waren es noch deutlich weniger gewesen (26 Prozent). Viele Jugendliche flüchten sich auch in Alkohol und Drogen, um mit dem Druck durch Cybermobbing fertig zu werden.

Nicht nur die Opfer wurden befragt, sondern auch die Täter. Als Grund für die psychischen Angriffe sagen die meisten, "weil diese Person es verdient hat" oder "weil ich Ärger mit dieser Person hatte". Sehr viele Täter attackieren ihre Mitschüler allerdings auch nur so zum Spaß. Hier spielte die zunehmende Langeweile während der Lockdown-Zeiten angeblich eine Rolle.

"Corona erweist sich als Brandbeschleuniger für Cybermobbing." Uwe Leest, Vorsitzender Bündnis gegen Cybermobbing

Eltern überfordert, Lehrer schlecht vorbereitet

Bei der Befragung der Eltern kam heraus, dass viele nicht wissen, wie sie mit dem Problem umgehen sollen. 96 Prozent der Mütter und Väter sind zwar davon überzeugt, dass Cybermobbing ein Problem darstellt und eine Gefahr für ihre Kinder ist. 82 Prozent fühlen sich gleichzeitig überfordert. Die meisten Eltern wünschen sich deshalb mehr Anti-Gewalt-Trainings in den Schulen, aber auch Gesetze, die Cybermobbing deutlicher sanktionieren.

Wie präsent das Phänomen an den Schulen ist, zeigt sich auch daran, dass über die Hälfte der befragten Lehrkräfte bereits einmal damit zu tun hatte. Bedenklich dabei, wie wenig man sich an den Schulen offenbar dem Problem gewachsen sieht. Nur 63 Prozent sind davon überzeugt, dass die Kollegen sich gut genug mit Cybermobbing auskennen. Man fühlt sich an den Schulen nicht gut vorbereitet. Laut Bündnis gegen Cybermobbing liegt das vor allem daran, dass die Belastung der Lehrerinnen und Lehrer ohnehin ständig zunimmt und das Internet nun zusätzliche Schwierigkeiten in den Lehreralltag bringt.

Mehr Medienscouts könnten helfen

Direkte Hilfe für Betroffenen bietet zum Beispiel Juuuport, eine Initiative, in der Jugendliche andere Jugendliche beraten, die mit Cybermobbing zu tun haben. Hier gibt es auch die Möglichkeit, via WhatsApp Rat zu suchen. Die jugendlichen Medienscouts antworten auf Fragen und versuchen weiterzuhelfen. Das Angebot wird von 14- bis 18-Jährigen gestemmt, die sich freiwillig melden. Solche Onlineberatungsstellen sieht das Bündnis gegen Cybermobbing als einen der wichtigsten Hebel.

Problem wird nicht richtig angegangen

Nach Ansicht von Bündnis-Chef Uwe Leest, der die Studie gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse vorstellte, wird von staatlicher Seite noch immer nicht konsequent genug gegen Cybermobbing vorgegangen. Es müsste seiner Ansicht nach mehr Info-Veranstaltungen in Schulen geben, um auch die Eltern fit zu machen. Auf die Onlineplattformen, über deren Kanäle die Angriffe laufen, müsse zudem mehr Druck ausgeübt werden, damit man dort mehr dagegen unternimmt. Und zu guter Letzt fordert Leest ein Cybermobbing-Gesetz, in dem klar geregelt wird, wie gegen die seelischen Attacken aus dem Netz vorgegangen wird.