Zurück zur Startseite
Netzwelt
Zurück zur Startseite
Netzwelt

Computerspielsucht: Risiko-Gamer brauchen Hilfe | BR24

© pa / dpa / Geisler-Fotopress

Gamer auf der Computerspielmesse Gamescom

4
Per Mail sharen
Teilen

    Computerspielsucht: Risiko-Gamer brauchen Hilfe

    Die Computerspielbranche boomt. Doch mit den immer reizvolleren Games steigt auch die Zahl der Spielsüchtigen. Um das Thema Computerspielsucht geht es im Spielfilm “Play“, den das Erste am Mittwoch, um 20.15 Uhr zeigt - und auch im Programm des BR.

    4
    Per Mail sharen
    Teilen

    Im ersten Halbjahr 2019 betrug der Umsatz der Computerspielbranche in Deutschland rund 2,8 Milliarden Euro. Zwar werden Wachstumsraten derzeit eher bei älteren Spielern über 50 Jahre verzeichnet, suchtgefährdet sind aber besonders Jugendliche.

    Kinder- und Jugendpsychiater sorgen sich besonders um die Gruppe der Teenager. "Gerade der Altersbereich der 14- bis 16-Jährigen ist besonders betroffen“, sagt Professor Franz Joseph Freisleder, ärztlicher Direktor der kbo Heckscher Kinderklinik in München. Er geht davon aus, dass es in dieser Altersgruppe circa vier Prozent Gaming-Süchtige gibt.

    Zocken gehört für Jugendliche zum Alltag

    Rund drei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland spielen regelmäßig am Computer. 465.000 sogar exzessiv. Diese sogenannten Risiko-Gamer fehlen häufiger in der Schule und haben mehr emotionale Probleme als ihre Altersgenossen, zudem geben sie viel Geld für ihr Hobby aus.

    Doch wo liegt die Grenze zwischen einer intensiven Spielphase, die viele Jugendliche durchlaufen und einer echten Computerspielsucht?

    Gaming Disorder - von der WHO als Krankheit anerkannt

    Computerspielsucht ist seit etwa einem Jahr offiziell von der WHO als Krankheit anerkannt. Aber verbindlich eingeführt wird das neue Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen (ICD-11) erst 2022.

    Studien haben gezeigt, dass bei Computerspielsüchtigen ähnliche physiologische Belohnungsprozesse im Gehirn ablaufen, wie bei Süchtigen, die zum Beispiel von Alkohol oder anderen Drogen abhängig sind.

    Computerspielsucht gehört zu den Verhaltenssüchten

    Vor allem Onlinespiele bergen das Risiko der Sucht. Man kann sie mit anderen, zu jeder Tages- und Nachtzeit und viele tausend Stunden lang spielen, ohne zu einem Ende oder Ziel zu kommen. Viele Süchtige fühlen sich zunächst ausgesprochen gut. Motivation und Bestätigung sind geschickte Strategien der Anbieter - wie Belohnungen, Aufstiegschancen, Angebote neuer Ausstattungen und Glücksspielmomente.

    Typisches Suchtverhalten

    Eltern erkennen oft lange nicht, dass ihr Kind tatsächlich ernsthaft erkrankt ist. Anzeichen für eine Computerspielsucht sind zum Beispiel, dass die Spieldauer immer mehr gesteigert wird, es Entzugserscheinungen gibt, wenn man nicht spielen kann, dass man andere belügt und täuscht - und Kontrollverlust. Schule oder Ausbildung werden vernachlässigt.

    Ein Patient, der anonym bleiben möchte, beschreibt es im Interview so:

    "Ich habe zu Hause keine Hausaufgaben gemacht und nicht gelernt, sondern halt nur gespielt. Und mich nicht wirklich damit auseinandergesetzt, dass ich süchtig bin und nicht ohne kann. Ich habe es mehr oder weniger verdrängt. Ich war zu der Zeit auch ziemlich einsam, und dieses Hobby, das zur Sucht geworden ist, das habe ich dann eben als Ausweg genutzt." Anonymer Patient

    Mangelndes Selbstwertgefühl führt zur Abhängigkeit

    In der Psychosomatischen Klinik im Kloster Dießen werden computerspielsüchtige, meist junge Erwachsene behandelt. Chefarzt Dr. Bert te Wildt hat über Computerspielsucht geforscht. "Studien zeigen, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale Risikofaktoren darstellen, computerspielsüchtig zu werden", sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

    Besonders gefährdet seien Menschen, die ängstlich und schüchtern sind, Selbstwertprobleme haben oder sehr impulsiv sind, deren Bedürfnis es ist, ganz schnell eine Belohnung zu bekommen oder ihre Leidenschaften zu befriedigen.

    Wege aus der Sucht

    Je früher eine Sucht erkannt wird, desto besser sind die Chancen, sie zu heilen. Wenn ambulante Beratung und Behandlung, die von den Kassen bezahlt werden, nicht helfen, kann eine stationäre Behandlung erfolgen. Allerdings gibt es noch keine Möglichkeit, eine Therapie für die Diagnose Video- oder Onlinespielsucht als GKV-Leistung zu erhalten. Bis zum Inkrafttreten des neuen Krankheitskatalogs ICD-11 am 1.1.2022 können die gesetzlichen Kassen die Kosten für eine Psychotherapie übernehmen, wenn zusätzlich zur Computerspielsucht weitere Diagnosen vorliegen, zum Beispiel eine Depression oder Angststörung.

    Dringend benötigte Reformen bei Altersfreigaben und Jugendschutz

    Auch die Politik hat inzwischen erkannt, wie groß die Risiken für Jugendliche sind. Die aktuellen Gesetze reichen nicht aus, meint das Bundesfamilienministerium und plant Reformen.

    "Wir haben ein Jugendschutzgesetz, das ist noch ein bisschen im Zeitalter von CD-ROM und Videokassette stehengeblieben, es muss dringend erneuert werden. Daran arbeiten wir im Moment, und wir planen, dass wir bis Ende dieses Jahres auch einen ersten Aufschlag machen. Jugendschutz geht vor Profitgier, hier muss eine Grenze gesetzt werden und das heißt also überall da, wo das in Richtung Glücksspiel geht, in Richtung Suchtgefährdung müssen wir genau hinschauen und das auch rechtlich regeln.“ Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

    Das Erste zeigt den Spielfilm "Play" am 11.9.2019 um 20.15 Uhr. Weitere Informationen gibt es hier.

    Der BR greift das Thema des Films auf allen Ausspielwegen auf: So widmet sich auch das Magazin"Gesundheit!" bereits am 10.9. um 19.00 Uhr diesem Thema. Weitere Hinweise zum Programmangebot finden Sie hier.

    Von Computerspielsucht Betroffene können sich an das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) wenden, um professionelle Unterstützung zu erhalten. Es wird vom Bundesgesundheitsministerium und der DAK gefördert.