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Chaostage bei Facebook | BR24

© picture alliance / AP Images

Mark Zuckerberg in einer Anhörung vorm US-Kongress

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    Chaostage bei Facebook

    Verschoben und vertuscht: Ein Bericht der New York Times erhebt schwere Vorwürfe gegen die Facebook-Chefetage. Die Unfähigkeit des Unternehmens, Probleme anzugehen, könnte Facebook in eine Abwärtsspirale führen.

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    "Move fast and break things." Das Motto, das laut Mark Zuckerberg selbst die frühen Tage von Facebook bestimmt hat, hat das Unternehmen heute zu etwas geführt, dass man eigentlich von Anfang an hätte erwarten können: einem Scherbenhaufen. Die New York Times hat Facebook diese Woche in einem großen Enthüllungsbericht vorgeworfen, Datenschutz- und Russlandskandale lange Zeit ignoriert zu haben - und sich mehr um das eigene Image als um Probleme und Gefahren zu scheren.

    Verschoben und vertuscht: Facebooks Umgang mit Skandalen

    Konkret heißt es, Mark Zuckerberg habe lange vor der Öffentlichkeit von verdächtigen Facebook-Aktivitäten aus Russland gewusst. Vor der US-Wahl 2016 hatten zahlreiche russische Accounts versucht, mit politischer Polarisierung, gekaufter Werbung und falschen Profilen den Wahlkampf zu beeinflussen. Bei Facebook wusste man davon - trotzdem bezeichnete Zuckerberg den Verdacht, dass Falschinformationen auf Facebook den Wahlausgang beeinflusst haben könnten, im November 2016 noch als "verrückte Idee".

    Anstatt die Plattform zu sichern, ging Facebook in die Offensive. Wie die New York Times herausfand, arbeitete Facebook mit einer Beratungsfirma zusammen, die den US-Republikanern nahe steht. Deren Aufgabe: Schlechte Presse über die Kritiker des Konzerns zu verbreiten. Zu diesen Kritikern gehören andere Tech-Bosse wie der Apple-Chef Tim Cook, aber auch die facebook-kritische Organisation Freedom from Facebook. Zudem übte Facebook in Washington D.C. Druck auf Abgeordnete beider Parteien aus.

    Chefetage in der Kritik

    Die neuen Enthüllungen belasten vor allem Facebook-CEO Mark Zuckerberg und COO Sheryl Sandberg. Selbst Zuckerberg - einst scheinbar unantastbar - ist mittlerweile angreifbar geworden. Die Silicon-Valley-Reporterin Kara Swisher identifiziert ihn im MSNBC-Interview als das zentrale Problem: "Er ist eine einzelne Person, die alleine eine der wichtigsten Kommunikationsplattformen kontrolliert. Und er scheint völlig unfähig, sich mit ihren Problemen zu beschäftigen oder sie auch nur wahrzunehmen."

    Facebook scheint erstmals verwundbar

    Für die Facebook-Chefs hätten die Enthüllungen zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können. Facebook sieht sich seit Monaten massiver Kritik ausgesetzt - und ein Skandal jagt den Nächsten: Weltweit häufen sich Fälle, in denen auf Facebook oder WhatsApp verbreitete Falschmeldungen zu Lynchmorden führen - so bereits geschehen in Indien, Myanmar und Mexiko. Der Cambridge-Analytica-Skandal, bei dem die Daten von Millionen Nutzern für politische Zwecke verwendet wurden, zwang Mark Zuckerberg sogar zu einer Aussage vor dem US-Kongress. Und - wirtschaftlich am schlimmsten - immer mehr junge Menschen löschen die Facebook-App von ihren Smartphones.

    Mittlerweile leidet auch der Aktienkurs unter dem Dauerbeschuss. Seit dem Cambridge-Analytica-Skandal verliert die Facebook-Aktie erstmals seit dem Börsengang über einen längeren Zeitraum konstant an Wert. Ohne die Tochter-App Instagram stünde das Unternehmen wohl noch weit schlechter da.

    Fehler eingeräumt, Verantwortung zurückgewiesen

    In einer Pressemitteilung räumte Facebook Fehler ein, weigerte sich aber, daraus weitreichende Konsequenzen zu ziehen. Von der umstrittenen Beratungsfirma, die schlechte Stimmung über Facebook-Gegner verbreiten sollte, habe man sich getrennt. Außerdem wurden die Anschuldigungen, die direkt die Chefs Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg betrafen, zurückgewiesen. Keiner von beiden sei für die beschriebenen Skandale verantwortlich gewesen oder habe vorzeitig davon gewusst. Damit widersprechen sie dem Bericht der New York Times.

    Außerdem kündigte Zuckerberg an, Facebooks Algorithmus überarbeiten zu wollen. Ähnlich wie der von anderen Plattformen wie YouTube belohnt er vor allem populistische Inhalte, die Emotionen wie Wut, Hass oder Angst hervorrufen - und macht sie besonders stark sichtbar. Das führt dazu, dass sich Menschen auf Facebook schnell und leicht politisch radikalisieren können - moderate und sachliche Inhalte erhalten weniger Reichweite als emotionale und aufwühlende.

    Es ist nur der letzte von zahlreichen Versuchen, Facebooks angeschlagenes Image zu verbessern. Aber Zuckerberg hat Erfahrung: In seinen 15 Jahren als Facebook-Chef hat Mark Zuckerberg sich immer wieder für den Umgang mit Nutzerdaten entschuldigt. Die neuesten Enthüllungen werden die Rufe der Kritiker, Facebook in kleinere Unternehmen zu zerschlagen und so die Macht der Plattform einzudämmen, wohl noch verstärken.