BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

BR24-Talk: Wo bleibt Europa in der Corona-Krise? | BR24

© picture alliance / Frank May

Pandemie Symbolbild

5
Per Mail sharen

    BR24-Talk: Wo bleibt Europa in der Corona-Krise?

    Während sich überall in Europa die Corona-Mutationen ausbreiten, schließt Deutschland die ersten Grenzen. Hat die Europäische Union in der Pandemie versagt? Das fragt BR24 in der dritten Clubhouse-Diskussion.

    5
    Per Mail sharen
    Von
    • Marlene Thiele

    "Nationale Grenzen sind für ein Virus willkürliche Grenzen." Die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Katarina Barley (SPD) ist dagegen, dass sich einzelne EU-Länder abschotten. Ähnlich wie Angela Merkel, die nach der ersten Welle erneute Grenzschließungen "um jeden Preis" vermeiden wollte. Nun wird trotzdem wieder kontrolliert. Seit dem 14. Februar sind Einreisen aus Tschechien und Tirol nur noch in Ausnahmefällen möglich, weil sich dort die hochinfektiösen Corona-Virus-Mutationen ausbreiten. "In diesem Fall machen die Grenzschließungen Sinn", findet Barley. Sie plädiert dafür, Hotspots regional zu isolieren und nur dann Grenzen zu schließen, wenn sie sich in unmittelbarer Nähe befinden.

    Blume: Jüngste Öffnungen in Österreich "nicht nachvollziehbar"

    CSU-Generalsekretär Markus Blume pflichtet ihr bei: "In einem Europa, in dem eine unserer größten Errungenschaften ist, dass wir uns frei bewegen können, darf man das nie, auch nicht nur vorübergehend, infrage stellen." Wenn aber eine Grenzregion Inzidenzen über 1.000 aufweist "muss man Maßnahmen ergreifen". Markus Blume hätte sich gewünscht, dass sich die einzelnen Mitgliedsstaaten auf mehr gemeinsame Schritte geeinigt hätten. "Wir haben eine lange Zeit der Entbehrung hinter uns. Ein Stück weit wurmt es mich dann schon, dass bei anderen Regierungen der gemeinschaftliche Erfolg in Europa gefährdet wird." Die jüngsten Öffnungen von Österreich, trotz hoher Inzidenzen und Mutationen, "das war aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar".

    Barley: "Regionale Eingrenzung muss immer vorgehen"

    Katarina Barley kommt selbst aus einer Grenzregion und wird im Verlauf der BR24- Clubhouse-Diskussion noch von ihren eigenen Erfahrungen berichten: Ihre Region, nahe der rheinland-pfälzischen Stadt Trier ist eng verwoben mit der Stadt Luxemburg. "Wir haben 200.000 Menschen, die jeden Tag über Grenzen pendeln im dem Vier-Länder-Eck, in dem ich lebe." Die Grenzschließungen im Frühjahr hätten zu kilometerlangen Autoschlangen geführt, Arbeitnehmer sind nicht zur Arbeit gekommen, Arbeitgebern haben die Kräfte gefehlt – und das, obwohl die Inzidenzen jenseits der Grenze nicht höher waren. "Man muss den Einzelfall betrachten. Regionale Eingrenzung muss immer vorgehen", findet Barley.

    Leidtragende sind vor allem die Grenzregionen

    Natürlich sprechen die beiden Politiker nicht nur miteinander. BR-Landtagskorrespondentin Eva Lell, moderiert die BR24- Clubhouse-Diskussion und gibt immer wieder Zuhörern die Gelegenheit, mitzudiskutieren. Fabi Fritz etwa berichtet davon, wie schwierig er es findet, seit der Pandemie Kontakt zu seiner Familie in Österreich zu halten. "Es werden gefühlt jede Woche neue Regelung gemacht, wo gar kein Mensch mehr durchblickt." Der Münchner Lehrling spricht ein Problem an, das viele Menschen in Grenzregionen kennen: Man arbeitet auf der anderen Seite oder hat Freunde und Angehörige dort. In Corona-Zeiten ist man überall mit anderen Maßnahmen konfrontiert, braucht mitunter negative Tests oder kommt gar nicht mehr auf die andere Seite. "Es ist ein Für und Wider", findet hingegen Caroline Schmitt aus dem Landkraus Passau. Sie leidet darunter, dass das Virus immer wieder in ihre Region eingespült wird. "Die Menschen im Rest von Deutschland können sich gar nicht vorstellen, wie es ist, an der Grenze zu wohnen."

    Blume: Nachbarländer müssten "an einem Strang ziehen"

    "Die Leidtragenden der aktuellen Entwicklung sind gerade die Grenzregionen", findet Markus Blume. "Wir schulden es diesen Grenzregionen, dass wir ihnen wieder eine Perspektive zur Normalität geben." Dazu müssten die beiden Länder an der Grenze aber an einem Strang ziehen. Und das tun sie eben nicht immer.

    "Krisenzeiten sind auch immer Zeiten, in denen man dazulernt"

    Heißt das, Europa hat versagt? Die Politiker der BR24-Clubhouse-Diskussion sehen das nicht so. "Dieses EU-Bashing läuft leer, wenn es die Mitgliedstaaten sind, die nicht ausreichend mitziehen und die die Bereitschaft haben, gemeinsam voranzugehen", findet Markus Blume.Katarina Barley ist hoffnungsvoll: "Krisenzeiten sind auch immer Zeiten, in denen man dazulernt." Aktuell ist die Europäische Union in Gesundheitsfragen nicht zuständig. "Alles was die Europäischen Institutionen im Moment tun können ist koordinieren, abstimmen, mahnen, Orientierung geben und Geld bereitstellen." Das könne sich nun ändern – auch der Finanzkrise habe die EU zunächst machtlos gegenübergestanden, nun gebe es zahlreiche Instrumente, um in Zukunft gemeinschaftlich handeln zu können. Ähnliches wünscht sich die Vizepräsidentin des EU-Parlaments nun für Gesundheitsfragen.

    Große Dankbarkeit für gegenseitige Hilfe

    Und sie ist optimistisch: "Vieles läuft schon jetzt besser." Masken, Tests und Impfstoffe bestellen die Länder jetzt zentral, anstatt auf dem Markt untereinander zu konkurrieren. Und man schickt sich gegenseitig Hilfe: "Die Deutschen haben ja nicht immer den besten Ruf. Wir gelten schon als sehr egoistisch. Solche Gesten wie jetzt die Hilfe für Portugal – das wird mit so einer großen Dankbarkeit aufgenommen. Da zeigt Europa, was es kann."

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!