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Angriff auf das Kapitol: Facebooks Werk & Twitters Beitrag | BR24

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Mit Twitter vernindet Donald Trump eine Hass-Liebe.

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Angriff auf das Kapitol: Facebooks Werk & Twitters Beitrag

Hass, Hetze, Verschwörungstheorien: Kruden Ideen, die seit Jahren in sozialen Netzwerken verbreitet werden, kulminierten am Mittwoch in dem Angriff auf den Sitz der amerikanischen Legislative. Wie konnte es soweit kommen? Und was muss sich ändern?

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Von
  • Christian Schiffer

Vor fast genau zehn Jahren um diese Zeit, befeuerten soziale Medien einen Aufstand. Menschen kritisierten auf Twitter und Facebook ihre Regierung, sie organisierten sich über das Internet und besetzten symbolische Plätze. Die Staatgewalt wirkte hilflos gegen die Macht der Vernetzung. Doch das, was sich damals in Kairo, Tunis oder Algier während des "Arabischen Frühlings" abspielte, hatte zum Ziel, Demokratie überhaupt erst zu ermöglichen. Am 6. Januar 2021 in Washington ging es um das exakte Gegenteil. In nur zehn Jahren haben sich soziale Medien von einem Instrument der demokratischen Ermächtigung in eines verwandelt, das die Demokratie gefährdet.

Facebook & Co. fördern die Wut

Dabei sind die Mechanismen der sozialen Medien damals wie heute sehr ähnlich: Sie sorgen für ein Gemeinschaftsgefühl, für Identität, sie geben Menschen das Gefühl, mit ihrer Meinung nicht alleine zu sein – und sie schüren Wut. Wut, die sich 2011 gegen Diktatoren richtete und 2021 gegen die demokratischen Institutionen der USA. Der freie Informationsfluss sorgt nicht nur dafür, dass wie 2009 im Iran, als die "Grüne Bewegung" auf die Straße ging, Wahlfälschungen aufgedeckt werden. Sondern eben auch dafür, dass Gerüchte über Wahlfälschungen die Runde machen, die es nie gegeben hat. Der bekannte Ausspruch von Karl Marx, wonach sich Geschichte zunächst als Tragödie wiederholt und dann als Farce, scheint in Bezug auf das Internet zu stimmen.

Lange Zeit haben sich Facebook, Twitter und Co. auf den Standpunkt gestellt, dass es egal sei, welche Art der Information auf ihren Plattformen verbreitet wird. Lange Zeit verteidigten sie sich mit dem Argument, sie würden lediglich die Infrastruktur stellen. Lange Zeit sträubten sie sich gegen ein konsequentes Vorgehen gegen Fake News, Verschwörungstheorien, Drohungen und Hass.

"Facebook soll nicht zum Schiedsrichter über die Wahrheit werden," sagte Mark Zuckerberg noch im Mai 2020. Das änderte sich erst im Zuge der Corona-Pandemie und vor allem der US-Wahl. Die sozialen Netzwerke begannen, energisch gegen Falschmeldungen vorzugehen und schreckten auch nicht davor zurück, Falschaussagen des US-Präsidenten als solche zu kennzeichnen. Zu den zahlreichen Maßnahmen gehörte auch, per Algorithmus Nachrichten von Medien zu bevorzugen, die als verlässlich gelten. Nur wurden diese Maßnahmen nach der US-Wahl wieder rückgängig gemacht.

Trump auf Twitter: "Be there, will be wild!"

Man konnte ahnen, was am 6.1.2021 passieren würde. In den sozialen Medien hatte sich schon länger etwas zusammengebraut. Trump hatte per Twitter bereits am 19.12. zu Protesten aufgerufen. “Be there, will be wild!”, schriebt der noch-amtierende US-Präsident. Schon vorher hatte sich auf Facebook eine Gruppe gebildet, die gegen den angeblichen Wahlbetrug mobil machte. Die "Stop The Steal"-Gruppe schwoll 22 Stunden nach ihrer Gründung auf über 320.000 Nutzer an, bevor Facebook den Stecker zog. Die Trump-Anhänger wichen auf andere Plattformen aus, Plattformen wie "Gab.ai" oder "Parler". Plattformen mit dezidiert rechtsextremer Ausrichtung, die rasant Mitglieder hinzugewinnen, seitdem die etablierten sozialen Medien schärfer gegen Hass und Verschwörungstheorien vorgehen.

Die Echo-Kammern werden lauter

Der Sturm auf das Kapitol zeigt deswegen auch, dass sich gerade eine rechtextreme Netzinfrastruktur herausbildet, eine rechtsextreme Parallelwelt und Filterblasen, die so undurchlässig sind, dass das Wort "Filterblase" diesmal wirklich passt. Die Filterblasen-Theorie galt bislang unter Experten eher als Mythos, in Zukunft könnte sie wahr werden und zwar in einer Form, die durchaus Sorge bereiten kann. "Das Ganze zeigt, wie Echokammern einen gewaltigen Einfluss auf die reale Welt haben können", sagt etwa die Internetforscherin Renée DiResta. Viel spricht dafür, dass es in diesen Echokammern in Zukunft noch lauter werden könnte.

Größere Blasen, kleineres Publikum

Und trotzdem: Dass Trump und seine Anhänger auf Facebook und Co. nicht mehr schalten und walten können wie früher, sehen viele Experten als einen Fortschritt an. Snapchat hat Trump schon für immer das Megafon entzogen und auch Facebook hat seinen Account bis zur Macht-Übergabe an Joe Biden gesperrt. Die Europäische Union arbeitet an einem ambitionierten Gesetzespaket, welches nicht nur die Macht der großen Digitalkonzerne brechen, sondern auch europaweite Regeln für das Moderieren von Inhalten festschreiben soll. Und auch in den USA wird intensiv darüber nachgedacht, wie man die großen Plattformen so regulieren kann, dass die Demokratie keinen Schaden nimmt. Diese Maßnahmen könnten dazu führen, dass sich die Anhänger von kruden Ideen in ihre eigenen Filterblasen zurückziehen. Sie könnten aber zugleich dazu führen, dass diese Ideen ein sehr viel kleineres Publikum finden.

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