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Anbieterübergreifendes Messaging: Möglich, aber tricky | BR24

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Von WhatsApp zu Dignal schreiben? Geht es nach der EU, dann soll das in Zukunft möglich sein.

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    Anbieterübergreifendes Messaging: Möglich, aber tricky

    Kommunizieren von WhatsApp zu Signal? Das geht nicht. Die EU fordert, dass sich das endlich ändern soll. Interoperabilität wäre prinzipiell möglich, doch ein Schlüssel-Feature von WhatsApp und Co würde Probleme bereiten.

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    Schon jetzt hat der Facebook-Konzern eine dominante Stellung im Messenger-Markt. Mit seinem eigenen Facebook Messenger, Instagram und WhatsApp kontrolliert er gleich drei Dienste mit Milliarden an Nutzern. Vor kurzem hat Facebook damit begonnen, die Messenger-Funktionen von Facebook und Instagram zu verknüpfen: So kann dann zum Beispiel ein Nutzer von seiner Facebook Messenger App eine Nachricht an den Instagram Account eines anderen Nutzers schreiben. Früher oder später soll auch WhatsApp in diesen systemübergreifenden Messenger-Verbund aufgenommen werden.

    Dieser Schritt bricht das bisherige Inselsystem auf: Alle gängigen Messenger, auch die WhatsApp-Alternativen Signal oder Threema, sind in sich abgeschlossene Systeme, so genannte walled gardens. Man kann Nachrichten nur innerhalb dieser Apps schreiben. Hier liegt ein großer Unterschied zur E-Mail, bei der es kein Problem ist, von einem Anbieter zum nächsten zu schreiben. Ein gmx-Kunde kann problemlos mit einem gmail-Nutzer kommunizieren. Auch beim Telefon ist es unerheblich, bei welchem Anbieter man seinen Anschluss hat.

    EU fordert Interoperabilität von Messengern

    Das Inselsystem der Online-Dienste gefällt der EU nicht. Speziell im Europäischen Parlament gibt es Bestrebungen, "systemrelevante Betreiber" von Online-Diensten – gemeint sind die großen sozialen Netzwerke – dazu zu verpflichten, ihre Dienste „interoperabel“ zu machen. Auf die Messenger bezogen heißt das: Nutzer müssten dann zum Beispiel von WhatsApp zu Signal schreiben können.

    Auch das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz setzt sich dafür ein, dass große Plattformen dazu gezwungen werden können, gegenüber anderen, kleineren Plattformen interoperabel zu sein. „Hierdurch wird das Recht der Nutzerinnen und Nutzer auf Datenübertragbarkeit gestärkt und es kann damit Lock-In-Effekten entgegengewirkt werden“, schreibt das Ministerium auf BR24-Anfrage.

    Messenger sprechen unterschiedliche Sprachen

    Eine solche Interoperabilität zwischen verschiedenen Messengern ist prinzipiell möglich. Damit zwei Messenger Nachrichten austauschen können, müssen sie die gleiche Sprache sprechen, sprich: Auf dem selben Netzwerk-Protokoll basieren. Signal verwendet ein eigenes Protokoll. WhatsApp zum Beispiel setzt auf dem Signal-Protokoll auf, unterscheidet sich aber in Nuancen. Threema wiederum nutzt ein ganz eigenes Protokoll.

    Freie Messenger können miteinander reden

    Schon von Haus aus interoperabel sind freie Messenger, die auf Basis der Protokolle XMPP/Jabber und Matrix arbeiten. Freie Messenger funktionieren nach dem gleichen Prinzip wie E-Mail: Als Nutzer legt man bei einem von vielen verschiedenen dezentralen Chatservern ein Benutzerkonto an. Dieses Konto kann sowohl über eine von vielen Smartphone-Apps nutzen oder über Desktop-Programme. Es ist auch möglich, sich über den Browser auf einem Chat-Server einzuloggen und von dort aus einem anderen XMPP-Nutzer eine Nachricht zu schicken, die dieser wiederum auf einem Gerät und einem Programm seiner Wahl öffnen kann.

    Dieses dezentrale Kommunikationskonzept ist vor allem in der Open-Source-Szene sehr beliebt, kann allerdings in puncto Verschlüsselung und Datenschutz nicht ganz mit WhatsApp und Co mithalten.

    Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dass Messenger systemübergreifend kommunizieren können, etwa, indem sie alle die gleiche Sprache sprechen. Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich alle Messenger-Anbieter auf dasselbe Protokoll einigen können.

    Interoperabilität zu Lasten des Datenschutzes?

    Wenn es zu einer Interoperabilität zwischen Messengern kommt, dann vermutlich eher auf Basis einer gemeinsamen Schnittstelle. Die NGO Digitale Gesellschaft befürchtet, dass Interoperabilität zu Lasten des Datenschutzes gehen könnte. Zum einen, weil dominante Dienste mit einem vergleichsweise schlechten Datenschutzstandard die Chance bekommen, Kommunikationsdaten über Nutzer zu erhalten, die sich bislang bewusst für datenschutzfreundliche Dienste entschieden haben.

    Zum anderen könnte es Probleme mit der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geben. Zentralisierte Messengerdienste wie WhatsApp, Signal oder auch Telegram verfügen standardmäßig über eine integrierte, gut funktionierende Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Nachrichteninhalte. Datenschutz-Experten argumentieren, dass sich zentralisierte Dienste wie WhatsApp damit leichter tun als dezentrale Dienste: Diese müssen erst die Standardisierung abwarten und die beschlossenen Standards dann umsetzen.

    Der Digitalen Gesellschaft zufolge wird an der Ende-zu-Ende-Verschlüsslung das Problem des kleinsten gemeinsamen Nenners deutlich: "Bei Interoperabilität bestehender Dienste wäre offen, ob die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung beibehalten würde, vor allem wenn diese nicht auf dasselbe (Verschlüsselungs-)Protokoll setzen", heißt es in einer Stellungnahme der Digitalen Gesellschaft zur Interoperabilität und Datenportabilität bei sozialen Netzwerken.

    MLS-Protokoll ermöglicht messengerübergreifende Verschlüsselung

    Abhilfe könnte hier das "Messaging Layer Security" (MLS)-Protokoll schaffen, das von einer Gruppe aus Twitter, Google, Mozilla (die gemeinnützige Organisation hinter dem Firefox-Browser) und dem kleinen Messenger-Anbieter Wire als Open-Source-Code entwickelt wird. MLS ist dafür gedacht, auch über Anbietergrenzen hinweg Ende-zu-Ende-verschlüsselte Gruppenchats zu ermöglichen. Eine Signal-Gruppe könnte dann verschlüsselt mit einer Threema-Gruppe kommunizieren.

    Die grundlegenden Arbeiten an dem MLS-Protokoll sollen noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Danach sollen Softwarehersteller, die MLS verwenden wollen, einige Monate Zeit zum Testen bekommen. Im Laufe von 2021 soll das Protokoll dann einsatzbereit sein.

    Digital Services Act soll Plattformen regulieren

    Schon im Dezember 2020 legt die Europäische Kommission einen Entwurf für den Digital Services Act der EU vor, der die Marktmacht von Plattformkonzernen wie Google, Facebook und Amazon beschränken soll. Eine spannende Frage ist, ob auch konkrete technische Vorgaben für die Interoperabilität zwischen Messengerdiensten enthalten sein werden.

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