Menschen werden wegen eines Amoklaufs aus einem Einkaufszentrum in Allen, Texas evakuiert.
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Menschen werden wegen eines Amoklaufs aus einem Einkaufszentrum in Allen, Texas evakuiert.

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Amoklauf: Unzensierte Leichen-Fotos bei Twitter offen abrufbar

Nach einem Amoklauf in Texas blieben bei Twitter teils heftige Bilder von Leichen problemlos abrufbar. Grund dafür dürften auch Elon Musks Veränderungen bei Twitter sein. So mancher in den USA begrüßt, dass die Bilder weiter gezeigt werden.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Am Wochenende hat ein Amokläufer in einem Einkaufszentrum in Allen, Texas, acht Menschen erschossen, auch er selbst wurde getötet. Es ist nur eines von rund 200 "Mass Shootings" in den USA, die Wikipedia für das Jahr 2023 listet. Mit neun Toten jedoch eines der blutigsten.

Entsprechend stark findet das Thema Widerhall in traditionellen und sozialen Medien. Bei Facebook, CNN, TikTok oder Bild.de gibt es Videos vom Umfeld der Tat zu sehen: flüchtende Menschen, der Täter beim Eröffnen des Feuers, teils Luftaufnahmen von mit Leichentüchern bedeckten Körpern.

Blutige Bilder bei Twitter

Deutlich drastischere Bilder zeigen sich bei einem Blick auf die Plattform Twitter, wie unsere Twitter-Suchen und auch ein Bericht der "New York Times" zeigen. Wer will, findet bei Twitter mühelos verstörende Bilder: den toten Täter, mehrere der leblosen Opfer blutüberströmt hinter einem Busch, auch ein Kind liegt da; unverpixelt, unverdeckt.

Wie die "New York Times" nahelegt, dürfte dies auch damit zu tun haben, dass Twitters neuer Besitzer Elon Musk zahlreiche Stellen im Bereich der Inhalte-Moderation abgeschafft hat. Es wurden also Menschen entlassen, die sich darum kümmern, das gewisse Inhalte von der Plattform verschwinden oder eingeordnet werden. Untersuchungen zeigten bereits, dass Hassrede und Falschinformationen seit Musks Übernahme und Umbau bei Twitter zugenommen haben.

Bilder offen aufrufbar

Regeln gibt es aber eigentlich auch bei Twitter: So sind etwa extreme Darstellungen von Grausamkeit oder Gewalt ("Gratuitous gore") offiziell eigentlich verboten, gewaltsame Verbrechen oder Unfälle müssen zumindest gesondert markiert werden, sodass andere User kurz darauf hingewiesen werden können. Die aktuellen Leichenbilder aus Texas sind für uns - mit einem normalen Account mit Erwachsenem-Geburtsdatum - dagegen per einfacher Suche massenweise ohne Warnung aufrufbar.

Das heißt: Auch Kinder und Jugendliche könnten bei Twitter relativ leicht mit diesen Bildern in Kontakt kommen. Gerade auf sie können solche Darstellungen durchaus verstörend wirken. Nicht umsonst gibt es für fiktionale Inhalte sogar Instanzen, wie die FSK, die bewertet, wie viel Gewalt und Grausamkeit Kindern und Jugendlichen zugemutet werden kann. Hinzu kommen Angehörige der texanischen Opfer, die mit Fotos ihrer leidenden oder getöteten Lieben im Internet leben müssen. Menschen mit traumatischen Erfahrungen entsprechende, blutige Bilder möglicherweise ebenfalls nicht sehen.

"Fame" für den Täter?

Das unbeschränkte Zeigen solcher Bilder beinhaltet jedoch auch abseits vom Jugend- und Opferschutz eine problematische Komponente auf Seiten der Täter. Nicht selten begehen Terroristen und Amokläufer ihre Taten nämlich mit einem Sendungsbewusstsein, auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Die rechten Attentäter von Christchurch und Halle streamten ihre Taten etwa live ins Netz.

In den USA gibt es daher die Initiative "Don’t name them“, die unter anderem vom FBI unterstützt wird. Sie ruft dazu auf, die Namen von Amokschützen beziehungsweise Verdächtigen in den Medien nicht zu nennen, um deren teilweise vorhandenes Verlangen nach "Fame" nicht zu befriedigen – und Berühmtwerden als Motiv für so eine Tat abzuschwächen. Twitters laxer wirkender Umgang mit Amokläufen könnte hier einen gegenteiligen Effekt haben.

Bilder sollen wach rüttlen

Und doch verteidigen manche Experten die Veröffentlichung solcher Bilder bei Twitter: Claire Wardle von der renommierten US-Universität Brown befürwortet laut "New York Times" das Zeigen drastischer Bilder von wichtigen Ereignissen - sofern sie mit einer Art Triggerwarnung versehen sind. Sie verweist dazu auf das berühmte Schwarz-Weiß-Foto eines vietnamesischen Mädchens, das vor einem Napalm-Angriff flieht – und das vielen die Grausamkeit des Vietnam-Krieges gezeigt hat.

Tatsächlich scheint bei vielen der aktuellen Twitter-Posts, die die Leichen aus Allen, Texas zeigen, ein ähnlicher Gedanke im Vordergrund: Oft sind sie mit Forderungen nach mehr Regulierungen für Schusswaffen in den USA verbunden. Die grausamen Bilder sollen in den Augen dieser User offenbar die Folgen lockerer Waffengesetze zeigen, US-Bürger und Politiker wachrütteln.

Mag dieser Wunsch nach einer Schock-Therapie für Amerika auch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar sein: Sichtbar sind die verstörenden Inhalte dennoch weltweit und dann Twitters laxer Moderation eben auch für Menschen, die solche Gewaltdarstellungen nicht sehen sollten oder wollen.

Anwalt sieht unzuverlässige Twitter-Moderation

Wer solche Darstellungen in Deutschland sieht, kann sie jedoch per Netzwerkdurchsetzungsgesetz kurz NetzDG melden. Twitter ist dann verpflichtet, sich damit auseinandersetzen. Der Würzburger IT-Anwalt Chan-jo Jun erklärt auf BR-Anfrage, nach einem Blick auf den Hashtag #allentexas, dass mindestens einige der dort verbreiteten Bilder wohl nach dem Netz DG gelöscht werden müssten, etwa weil Persönlichkeitsrechte der gezeigten Opfer verletzt werden, wenn jemand sie meldet.

Ob das auch wirklich passiert, steht aber auf einem anderen Blatt Papier: "Tatsächlich erleben wir in letzter Zeit, dass Twitter sehr unzuverlässig ist, beim Umgang mit den angezeigten Inhalten, sofern sich die Rechtswidrigkeit nicht durch Algorithmen feststellen lässt." Er habe deswegen bereits mehrfach Beschwerde beim Bundesamt für Justiz eingereicht, ein Bußgeldverfahren sei eingeleitet.

Twitters Pressestelle reagiert auf unsere Fragen zum Thema, wie seit Elon Musks Übernahme üblich, mit einer automatischen Antwort: mit einem Kackhaufen-Emoji.

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