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Telegram ist ein weltweit beliebter Messenger.

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    Alles über Telegram: The good, the bad & the ugly

    Spätestens seit der Pandemie ist Telegram berühmt-berüchtigt. Nicht zuletzt, weil sich dort Corona-Leugner genauso unbehelligt tummeln wie Dealer, Rechtsextreme und Terroristen. Dennoch sollte man den Messenger wohl nicht verteufeln. Ein Überblick.

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    Von
    • Thomas Moßburger

    Mehr als eine halbe Milliarden Menschen nutzen weltweit den Messenger Telegram. Nicht zuletzt Kontroversen um den Datenschutz bei Platzhirsch WhatsApp, aber auch die Corona-Krise haben auch in Deutschland Menschen dazu gebracht, den Messenger mit russischen Wurzeln zu installieren.

    1. Was ist Telegram?

    elegram ist ein Messenger. Andere bekannte Messenger sind beispielsweise WhatsApp, Signal oder Threema. Üblicherweise nutzen Menschen solche Messenger um sich gegenseitig Textnachrichten, Bilder, Videos, Links oder Dateien zuzuschicken. Entweder von Person zu Person oder aber auch in Gruppen-Chats. Viele der heute für Smartphones verfügbaren Messenger bieten die Möglichkeit, die Inhalte dieser Chats zu verschlüsseln, sodass von außen niemand darauf zugreifen kann - oftmals ist die Verschlüsselung sogar Standard.

    2. Wer steckt hinter Telegram?

    Anders als viele andere Größen der Social-Media- und Messenger-Welt hat Telegram seinen Ursprung nicht in den USA, sondern in Russland. Gegründet wurde der Messenger 2013 von Pawel Durow, Jahrgang 1984. Er hatte bereits 2006 mit seinem Bruder Nikolai die russische Facebook-Alternative VKontakte gegündet. Schon bei VKontakte, das heute VK heißt, geriet Durow mit den russischen Behörden in Konflikt, weil er nicht mit ihnen zusammenarbeiten wollte.

    Durow verließ VK und auch sein Heimatland Russland schließlich. Er besorgte sich eine Staatsbürgerschaft des Karibikstaates St. Kitts und Nevis und lebt in Dubai, von wo aus er auch zusammen mit einigen Entwicklern und seinem Bruder Telegram betreibt.

    3. Wer ist bei Telegram?

    Jede Menge unbescholtene Menschen, die Telegram nutzen, weil sie sich dem WhatsApp enziehen wollen, das zum Facebook gehört und immer wieder für Diskissionen sorgt, zuletzt beispielsweise weil es seine Nutzer zwingt, neue Geschäftsbedingungen zu akzeptieren. Viele schätzen aber auch spezielle Funktionen von Telegram zu schätzen.

    Bekannt geworden ist Telegram allerdings nicht wegen dieser Nutzer, die man auch bei anderen WhatsApp-Konkurrenten wie Signal, Threema und Co. finden könnte. Berühmt-berüchtigt ist Telegram vor allem dafür, dass sich dort auch Terroristen, Corona-Leugner, Rechtsextreme Verschwörungstheoretiker und Kriminelle wohl fühlen. Des Weiteren ist der Messenger allerdings auch dafür bekannt, dass Regimekritiker in autoritären Staaten wie Belarus sich dort vernetzen und organisieren.

    4. Was ist bei Telegram anders als bei WhatsApp & Co.?

    Was Telegram im Vergleich zu anderen Messengern WhatsApp, Signal und Co. ausmacht, sind eigentlich banal klingende Eigenschaften der dortigen Gruppenchats. Die Gruppen bei Telegram können erstens unbegrenzt groß sein und zweitens zur Ein-Weg-Kommunikation genutzt werden. Letzteres heißt: Nutzer können eine Gruppe oder besser gesagt einen sogenannten "Kanal" eröffnen, den andere abonnieren, in dem sie aber selbst nichts posten können. Letztlich erinnert Telegram an dieser Stelle viel mehr an ganz klassische soziale Medien wie Twitter, Instagram oder Facebook, wo User einem anderem folgen und dessen Posts, seien es Links, Videos oder Fotos, eher passiv konsumieren.

    Dies bieten die anderen bekannten Messenger in dieser Form nicht an. WhatsApp begrenzt etwa die Größe seiner Gruppen auf 256 Mitglieder. Niemand könnte folglich über WhatsApp eine wirklich sehr große Masse mit seinen Postings oder Links gleichzeitig erreichen, wie das bei Telegram der Fall ist. Der Grund für die Begrenzung der WhatsApp-Gruppengröße: Es hat sich gezeigt, dass gerade in Messengern wie WhatsApp Falschmeldungen und Hetze sehr schnell verbreiten und sogar tödliche Folgen haben können. In Indien waren 2019 mehrere Menschen aufgrund von per WhatsApp verbreiteten Fake News von Menschenmengen zusammengeschlagen und einige sogar getötet worden.

    Neben den Gruppen-Funktionen fiel Telegram in der Vergangenheit durchaus auch mit anderen Innovationen auf, die sich von WhatsApp und Co. abhoben und später von der Konkurrenz zum Teil sogar kopiert wurden: Beispielweise sogenannte Sticker, spezielle individuellere Formen von Emojis sozusagen.

    5. Warum zieht Telegram Extremisten, Kriminelle und Co. an?

    Natürlich sind da einerseits die genannten Funktionen, also vor allem die Gruppen und Kanäle mit theoretisch unbegrenzt großem Publikum. Ginge es allerdings nur darum, Inhalte, Meinungen, Fotos, Links und Co. unter die Leute zu bringen, könnte man auch einfach einen Facebook-, Twitter-, oder Instagram-Kanal eröffnen. Dort könnte man vermutlich sogar mehr Nutzer erreichen.

    Zugleich sind die großen sozialen Netzwerken moderierte Plattformen und gehen beispielsweise unter dem Eindruck der Corona-Pandemie durchaus gegen Falschinformationen vor. Andere Inhalte wie Pornografie, bestimmte Gewaltdarstellungen oder Werbung für Drogen werden ohnehin nicht geduldet. In Deutschland gilt zudem das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, dass die sozialen Netzwerke dazu verpflichtet, gewisse Inhalte wie Volksverhetzungen, Gewaltaufrufe oder Beleidigungen zumindest auf Anfrage zu löschen.

    Auch wenn die klassischen sozialen Netzwerke deswegen keineswegs Hass- und Fake-News-freien Zonen sind: Alles verbreiten kann man dort nicht. Bei Telegram ist das anders. Der Messenger brüstet sich damit, keine Daten an Dritte oder Regierungen weiterzugeben und auch auf Anfrage keine Inhalte zu entfernen - außer es handelt sich um Urheberrechtsverletzungen, etwa bei Sticker-Sets oder Porno-Bots.

    Das heißt auch: Bei Telegram können eben auch Rechtsextreme in ihren Kanälen vor großem Publikum ihrem Hass auf Migranten, Geflüchtete oder Juden freien Lauf lassen oder auch den Holocaust leugnen. Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker können ungestört Lügen über das Corona-Virus, Masken oder Impfungen verbreiten oder gegen Politiker hetzen. Kriminelle können dort Drogen, falsche Dokumente oder sonstige illegale Produkte anbieten und den Kauf per Chat abwickeln. Auch Terroristen, islamistische wie rechtsextreme, nutzten in der Vergangenheit Telegram, um Anschläge zu planen oder andere darüber zu informieren. Nach den Anschlägen in Paris 2015 löschte Telegram tatsächlich zahlreiche Kanäle des sogenannten Islamischen Staates, blieb ansonsten aber bei seiner Haltung. Einzelne extremistische Gewaltaufrufe sowie Kanäle wurden Anfang des Jahres jedoch tatsächlich gelöscht.

    Genau diese Haltung, die jegliche Form von Eingreifen in die Chats von außen ablehnt, sind es jedoch, die Telegram in autoritären Staaten zum wertvollen Ersatz für freie Medien machen. So informieren sich etwa in Belarus Millionen von Menschen über Telegram-Kanäle über die Zustände im Land, warnen vor Zugriffen durch den Geheimdienst und planen Proteste und Demonstrationen, während unabhängige Medien sowie Facebook und Twitter dort gesperrt sind.

    6. Was tut der Staat gegen Hetze, Kriminalität und Co. bei Telegram?

    Wie bei jeder illegalen Aktivität gilt: Was der Staat nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Das gilt im Übrigen nicht nur bei Telegram, sondern auch bei den anderen verschlüsselten Messengern - zumal Telegrams Verschlüsselung Experten als umstritten gilt und aktiv vom Nutzer eingeschaltet werden muss. Jedenfalls kann in verschlüsselten Chats viel Illegales besprochen, gehetzt und verleumdet werden - ohne, dass jemand davon erfährt. Ans Licht kommt dies in der Regel nur, wenn ein Gruppenmitglied dies nach außen trägt - wie es etwa bei den zuletzt vermehrt aufgeflogenen rechtsextremen Polizei-Chats der Fall war.

    An Inhalte in solchen geschlossenen Gruppen zu kommen, ist für Ermittler schwer, selbst wenn es um gefährliche Planungen für Anschläge oder ähnliches ginge. Die Anbieter selbst, etwa WhatsApp, haben auf die Inhalte der Chats laut eigener Aussage keinen Zugriff. Daher arbeiten die Behörden auch umstrittenerweise an alternativen Möglichkeiten, solche Inhalte abzugreifen, etwa Staatstrojanern. Wie so oft eine Technologie, die einerseits Schlimmes verhindern kann, aber andererseits auch eine Überwachung großer Bevölkerungsteile denkbar macht.

    Bei Telegram kommt neben Planungen in geschlossenen Gruppen jedoch noch ein zweiter Punkt dazu: Über die Kanäle können User theoretisch Hetze, Gewaltaufrufe und Verleumdungen öffentlich mit einer großen Öffentlichkeit teilen, wie etwa Xavier Naidoo, Michael Wender oder lange auch Attila Hildmann mit Corona-Lügen oder Antisemitismus beweisen. Um die Kanäle verfolgen zu können, muss man nicht einmal zwingend Telegram-Mitglied sein. Da diese Kanäle anders als geschlossene Chat-Gruppen vielmehr an soziale Netzwerke als an Messenger erinnern, plant das Bundesjustizministerium Telegram künftig auch wie soziale Netzwerke zu behandeln. Damit fällt Telegram auch unter das Netzwerkdurchsetzungsgesetz und muss es User zum Beispiel ermöglichen, möglicherweise illegale Inhalte zu melden und diese löschen, falls sie bestimmte Kriterien erfüllen. Täte Telegram das nicht, drohen hohe Geldstrafen.

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