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Zeit ist Geld an den Kapitalmärkten. Man rechnet hier in Millisekunden.

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Algotrading - Die abgefahrenen Methoden der Börsenroboter

An den Börsen dominieren Investmentgesellschaften mit komplizierten Computer-Programmen und leistungsfähigen Rechnern die Jagd nach Rendite. Wertpapierhandel läuft mittlerweile im Millisekundentakt ab. Für uns Privatanleger hat das Konsequenzen.

Von
Christian SachsingerChristian Sachsinger

Es war für private Normal-Anleger noch nie leicht, mit kurzen, hektischen Entscheidungen an der Börse wirklich erfolgreich zu sein – also schnell eine Aktie kaufen und dann wieder verkaufen. Das ging früher schon oft nicht gut und das klappt jetzt noch seltener, denn hierbei gerät man den Algorithmen in die Quere. Die Börsenroboter haben ihre eigenen Pläne und durchkreuzen dabei schnell eine gute Anlage-Idee - dabei geht auch Geld von privaten Investoren verloren.

Algorithmen haben die Geschwindigkeit verändert

Nur ein Beispiel: ich setze einen Stop-Loss, stelle also das Depot so ein, dass etwa meine Siemens-Aktie automatisch verkauft wird, wenn sie unter einen bestimmten Kurs fällt. Durch die Börsen-Algorithmen gibt es aber immer häufiger sogenannte Flash-Crashs, also Kurseinbrüche, die nur Sekunden dauern, oder noch weniger. Dabei kann eine Stop-Loss-Oder ausgelöst werden, wenn der Aktienkurs ganz kurz absackt. Auch wenn er im nächsten Moment schon wieder auf den normalen Stand zurückkehrt, ist die Siemens-Aktie nun verkauft, obwohl ich das gar nicht wollte.

Das Rennen nach dem günstigsten Preis

Hervorgerufen werden solche Flash-Crashs durch das Algotrading, wie es in den letzten 15 – 20 Jahren immer mehr Börsenhändler einsetzen. Algorithmen, also Computerprogramme, suchen dabei an den weltweiten Börsen etwa nach Preisunterschieden. Ist der Dollar in Hong Kong um ein Hundertstel Cent günstiger, als in New York, dann kaufen diese Programme automatisch für ein paar Millionen Dollar in Hong Kong auf, um sie blitzschnell in New York etwas teurer wieder zu verkaufen. Geschwindigkeit ist dabei alles. Nur die Investoren mit den leistungsfähigsten Rechnern können bei diesem Spiel mitmischen.

Beim Telefonkabel zählt jeder Kilometer

Wie wichtig der Faktor Zeit ist, zeigt eine Geschichte, die sich 2010 in den USA abgespielt hat. Damals hatte sich ein gewiefter Unternehmer die gut 1.000 Kilometer voneinander entfernten Börsen in New York und Chicago genau angeschaut, beziehungsweise die Telefonleitungen, die dieser beiden Börsen miteinander verbanden. Und ihm fiel auf, dass diese Kabel meist entlang von Straßen oder Bahnstrecken verliefen, wodurch sich ein großes Zickzack ergab. Wenn man ein Kabel auf geradem Weg von New York nach Chicago verlegen könnte, wäre das kürzer; der Unternehmer kam auf 150 Kilometer weniger. Ein kürzeres Kabel würde jedes Signal dabei ein klein wenig schneller verschicken.

300 Millionen Dollar für eine schnellere Leitung

Also engagierte der Unternehmer ein kleines Heer von Ingenieuren, Baufirmen und Anwälten, die Tunnel in Berge sprengten, breite Flüsse untergruben und zahllosen Grundstücksbesitzern Rechte abkauften, um deren Gärten für das Kabel durchpflügen zu dürfen. Das alles dauerte über ein Jahr. Das Projekt verschlag 300 Millionen Dollar. Am Ende aber stand die Leitung und der Zeitgewinn betrug drei Millisekunden. Zum Vergleich: Ein Wimpernschlag dauert 150 Millisekunden.

Trotzdem reichte dieser minimale Zeitgewinn für die Händler. Die drei Millisekunden Vorsprung waren genug, um der Konkurrenz, die dieses Kabel nicht angemietet hatte, die guten Geschäfte regelmäßig vor der Nase wegzuschnappen. Der Unternehmer konnte von den Händlern so viel an Miete für seine schnellere Leitung verlangen, dass die 300 Millionen Dollar in nur einem halben Jahr wieder eingespielt waren.

Wenn Algorithmen Märkte attackieren

Schnelligkeit alleine reicht vielen Algotradern allerdings nicht, bei ihrer fieberhaften Suche nach Rendite. Sie haben im Laufe der Jahre immer neue Tricks einfallen lassen. Eine der perfidesten Maschen, auf die die Händler ihre Algorithmen programmieren: das sogenannte Spoofing. Dabei werden große Kauf- oder Verkaufsaufträge abgeschickt und kurz vor der Ausführung blitzschnell wieder zurückgezogen. Auf diese Art lassen sich ganze Märkte aus dem Gleichgewicht bringen. Es herrscht kurzzeitig Chaos und der Spoofer, wie diese dubiosen Händler genannt werden, kann vor der Attacke gegen einen Index wie den DAX wetten und danach abkassieren, wenn die Kurse kurzzeitig in die Knie gehen. Die Folge: Flashcrashs, die die Märkte vor allem auf kurze Sicht oft recht unberechenbar machen.

Auf lange Sicht haben Algorithmen keine Macht

Als langfristige Geldanlagemöglichkeit eignen sich gerade Aktienmärkte dagegen auch für private Anleger nach wie vor. Aktien zu kaufen, bei denen man die Unternehmen einigermaßen gut kennt, oder über ETFs auf ganze Branche oder Indizes zu setzen und dann am besten ein paar Jahre dabeibleiben - auch wenn es zwischendurch mal abwärts geht -diese Strategie funktioniert noch immer sehr gut. Wenn man sich zum Beispiel den DAX abschaut, dann geht es hier seit 30 Jahren fast nur aufwärts. Und an solchen langfristigen Trends wird auch der Einsatz von Algorithmen nichts ändern.

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