Welche düstere Zukunft viele Afghanen nach der Machtübernahme der Taliban erwartet, zeigt sich nicht zuletzt in den kleinen alltäglichen Details. Wir Europäer, Amerikaner oder Bewohner vieler andere Teile der Welt sind es 2021 gewohnt, Teile unseres Lebens in sozialen Medien zu teilen. Sei es um sich über LinkedIn für potentielle Arbeitgeber zu präsentieren oder bei Instagram für Freunde.
Für die Menschen in Afghanistan könnten genau solche alltäglichen Social-Media-Profile nun zum extrem gefährlichen Problem werden, wie ARD-Korrespondent Marcus Schuler berichtet. Laut einem US-Experten gehören solche Accounts nun zu den ersten Dingen, die die Taliban kontrollieren werde, um herauszufinden, wer in Afghanistan den Westen oder die USA unterstützt habe. „Gefährlich ist selbst ein Auslandssemester vor fünf oder zehn Jahren, oder wenn man mit Leuten in den USA oder Europa befreundet ist“, so der Politikwissenschaftler Emerson Brooking. Daher gelte es für Afghanen nun solche Spuren möglichst zu verwischen.
Daten für die Taliban
Sollten sich Berichte aus den USA bestätigen, dürfte jedoch selbst das Löschen solcher Informationen - sollte es denn etwa bei Google überhaupt so einfach möglich sein - für viele nur wenig Abhilfe schaffen. Wie „The Intercept“ berichtet, sind die Taliban nun im Besitz von Biometrie-Geräten des US-Militärs.
Es handelt sich dabei offenbar um handliche Geräte namens HIIDE (Handheld Interagency Identity Detection Equipment), die von den US-Militärs in Afghanistan zur Identifizierung von Menschen vor Ort genutzt wurden. Mit Hilfe biometrischer Daten wie der Iris, dem Fingerabdruck aber auch anderer persönlicher Daten sollte es so einfach möglich sein, Freund und Feind in der Bevölkerung zu unterscheiden. Ein US-Rüstungsunternehmer erklärte „Intercept“, dass die Geräte auch genutzt wurden, um die afghanischen Mitarbeiter der westlichen Streitkräfte vor Ort zu identifizieren.
Gefährliche Daten
Die Taliban könnten die Daten auf den Geräten folglich nutzen, um herauszufinden, wer für die USA oder die deutsche Armee gearbeitet hat. Diese sogenannten Ortskräfte dürften sich - sobald sie als solche identifiziert wurden - in großer Gefahr befinden. Sie fürchten um ihr Leben und das ihrer Angehörigen, wie etwa der „MDR“ schreibt. Das Ziel der US-Datensammlung war es biometrische Daten von 80 Prozent der afghanischen Bevölkerung zu erfassen. Es dürfte sich folglich um eine relativ große Datenbank mit recht vielen Daten über die afghanische Bevölkerung handeln, die den Taliban nun in die Hände gefallen ist.
Ob die Taliban die Daten ohne Weiteres anzapfen und nutzen können, ist laut dem „Intercept“-Bericht unklar. Entwarnung bedeutet das allerdings keinesfalls: So weist ein Militärexperte gegenüber dem US-Medium daraufhin, dass dies mit Hilfe des offenbar eng mit der Taliban verbandelten pakistanischen Geheimdienstes durchaus gelingen könnte.
Hinzu kommt, dass der afghanische Staat vor der Machtübernahme der Taliban weitere Datenbanken seiner Bürger, beispielsweise für Wahlen erstellt hat, wie „Heise“ berichtet. Dort sind wohl auch die Zugehörigkeiten zu verschiedenen ethnischen Gruppen vermerkt.
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