Zurück zur Startseite
Netzwelt
Zurück zur Startseite
Netzwelt

Analyse: 8chan - die Online-Heimat für rechten Terror | BR24

© BR

Trauer in den USA: In El Paso in Texas hatte ein Mann offenbar aus rassistischen Motiven zwanzig Menschen erschossen. Wenig später tötete ein 24-Jähriger in Dayton im Bundesstaat Ohio neun Menschen.

6
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Analyse: 8chan - die Online-Heimat für rechten Terror

Auf der Plattform 8chan haben Rechtsradikale den Terror im echten Leben zu einem Spiel gemacht - und immer wieder Amokläufe angekündigt. Zuletzt den in El Paso. Jetzt ist 8chan fürs Erste offline. Was steckt hinter dem radikalen Messageboard?

6
Per Mail sharen
Teilen

Die tödliche Schießerei in El Paso ist bereits die dritte Tat dieser Art in diesem Jahr, die vorab in dem anonymen Forum 8chan angekündigt wurde. Ein 21-Jähriger hat am Samstag (Ortszeit) in der Stadt El Paso, nahe der mexikanischen Grenzen, in einem Einkaufszentrum mit einem Sturmgewehr 20 Menschen getötet und 26 weitere verletzt.

Die Tat wird von den Ermittlern in den USA inzwischen als inländischer Terrorismus behandelt. Kurz nach dem Angriff gab es Hinweise, dass der 21-Jährige ein rechtsextremes Manifest online gestellt hatte, mit dem er seine Tat zu rechtfertigen versuchte.

Christchurch, Kalifornien, Texas - alle Angriffe wurden angekündigt

Traurige Gemeinsamkeit hat dieses Vorgehen mit dem Massaker in der neuseeländischen Stadt Christchurch im März und dem Angriff auf eine Synagoge in Kalifornien im April: Auch hier wurden die Taten vorher bei 8chan angekündigt.

Der Täter aus El Paso nimmt in seinem Manifest auch Bezug auf den Angriff in Christchurch und rief in seinem Post bei 8chan dazu auf, sein Pamphlet zu verbreiten. Die Rechercheplattform Bellingcat schreibt, dass die Betreiber von 8chan dieses Mal relativ schnell reagiert hätten und den Eintrag sofort gelöscht haben. Demnach hatte der Originalpost nur drei Antworten, bevor er entfernt wurde. Nichtsdestotrotz wurde er in dem Forum kopiert und weiterverbreitet - laut Bellingcat war er zwei Stunden nach der Tat weiter online.

"Gamifizierung von Massengewalt"

Der Autor von Bellingcat - der sich seit Christchurch näher mit 8chan auseinandersetzt - spricht von einer "Gamifizierung von Massengewalt", die in dem Forum an der Tagesordnung sei. Die User würden sich gegenseitig zur Gewalt anstacheln, indem sie andere Taten heroisierten oder kritisierten, weil sie beispielsweise nicht so viele Opfer zur Folge hatten.

8chan wurde 2013 als Alternative zum Forum 4chan von Fredrick Brennan gegründet, welches Brennan zu restriktiv war. Er behauptet, er habe die Idee dazu gehabt, als er high war vom Pilze essen - und stellte sich ein Forum mit kontroversen Themen vor, in dem jede Meinung gesagt werden darf. Die Seite diente aber unter anderem schnell als Plattform für rassistische oder frauenfeindliche Inhalte.

2015 distanzierte sich Brennan von 8chan. In einem Interview mit der "New York Times" forderte er am Wochenende, die Seite offline zu nehmen.

"Es ist schlecht für alle, nur für die User, die dort sind, nicht. Aber wissen Sie was? Auch für die ist es schlecht, sie merken es nur nicht." Fredrick Brennan, Gründer von 8chan

8chan verliert IT-Schutz

Der IT-Sicherheitsdienstleister Cloudflare stellte seinen Service für 8chan nach dem Attentat in El Paso jetzt ein. Das bedeutet, dass das Portal nicht länger vor sogenannten DDOS-Attacken geschützt ist. In einem Blogpost schrieb der CEO, Matthew Prince, der mutmaßliche Attentäter von El Paso scheine vom 8chan-Forum zu seiner Tat "inspiriert" worden zu sein.

Prince schreibt, dass es nicht das erste Mal sei, dass so etwas auf 8chan passiere und nimmt Bezug auf Christchurch und das Attentat in Kalifornien im April.

"Wir tolerieren nur ungerne Inhalte, die wir als verwerflich empfinden, aber wir ziehen eine Grenze bei Plattformen, die gezeigt haben, dass sie direkt tragische Ereignisse auslösen, die absichtlich gesetzwidrig sind. 8chan hat diese Grenze überschritten." Matthew Prince, CEO Cloudfare

Daher sei es dem Forum nicht mehr erlaubt, die Dienste von Cloudfare zu nutzen. 8chan-Gründer Fredrick Brennan bedankte sich am Montag via Twitter bei Cloudfare für diesen Schritt.

Wer ist zuständig für die Kontrolle der Inhalte?

Prince stellt in dem Blogbeitrag allerdings auch heraus, dass Cloudfare sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht habe. Man sehe sich nicht gerne als Schiedsrichter für Inhalte. Cloudfare sei ein Privatkonzern, der sich allerdings der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet sehe und dort auch mit den zuständigen Stelle zusammenarbeiten wolle.

Einmal mehr, wenn es um Hass, Gewalt oder Mordaufrufe im Netz geht, bleibt die Frage nach der Zuständigkeit. Prince nennt die Bemühungen in der EU, Seitenbetreiber für ihre Inhalte zur Rechenschaft zu ziehen, als positives Beispiel. "Es gibt die Erkenntnis, dass verschiedene Verpflichtungen bei den Firmen liegen sollten, die Inhalte organisieren und verbreiten, wie Facebook und YouTube.“

8chan wird von Army-Veteran betrieben

Auch wenn 8chan nun zunächst weitgehend offline ist, gibt es auch Bedenken: Manche Experten meinen, dass die User nun einfach an weiteres Forum finden werden, in dem sie ihre Inhalte weiter ungestört austauschen oder verbreiten können.

8chan wird seit 2015 von dem Amerikaner Jim Watkins geführt. Watkins ist Army-Veteran und lebt auf den Philippinen. Die "Washington Post" fragte ihn nach dem Attentat in El Paso nach einem Kommentar. Laut der Zeitung antwortete Watkins nur mit "Ich hoffe, es geht ihnen gut." Watkins habe nach jedem Massaker, bei dem es eine Verbindung zu 8chan gab, Interviewanfragen abgelehnt, so die Zeitung. Nach dem Amoklauf in Christchurch veröffentlichte Watkins ein Video, in dem er 8chan als ein Refugium für freie Meinungsäußerung verteidigte.

Laut der "New York Times" war noch am Sonntag oben auf der Seite von 8chan zu lesen: "Willkommen bei 8chan, der dunkelsten Ecke des Internets".