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20 Jahre Wikipedia – Zwischen Diktatur und Demokratie | BR24

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Seit 20 Jahren ist Wikipedia Recherchequelle.

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    20 Jahre Wikipedia – Zwischen Diktatur und Demokratie

    Zwei Jahrzehnte hat Wikipedia bereits auf dem Buckel. Hinter den Kulissen der Online-Enzyklopädie geht es manchmal rau zu. Doch trotz aller Streitigkeiten ist die deutsche Sektion von Wikipedia quicklebendig.

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    Von
    • Christian Sachsinger

    Es gibt kurze Texte bei Wikipedia, die nur ein oder zwei Absätze haben und es gibt solche wie den von Jan-Patrick Fischer. Der 47-Jährige ist seit 15 Jahren beim Online-Lexikon aktiv dabei und fast genauso lange feilt er am Wikipedia-Eintrag zu Osttimor. Allein das Inhaltsverzeichnis zum kleinen Inselstaat nahe Indonesien umfasst rund 50 Unterpunkte. Mit den Recherchen ließe sich problemlos ein ganzes Buch füllen. Die ca. 300 Quellen-Nachweise, auf die sich der Artikel bezieht, kommen der Dokumentation in einer Doktorarbeit nahe.

    Jan-Patrick Fischer investiert tagtäglich ein bis zwei Stunden in die Online-Enzyklopädie. Wenn neben Job und Familie mehr Zeit bleibt, dann gerne auch mehr. Fragt man ihn, nach dem Warum, dann sagt er: "Weil es einfach Spaß macht". Es ist der Reiz sich mitzuteilen, sein Wissen anderen zur Verfügung zu stellen und dafür auch immer wieder mal ein positives Feedback zu bekommen.

    Allerdings gibt es nicht nur ermutigende Erlebnisse. Die Community kann mitunter sehr anstrengend sein. Der Umgangston, der bei Diskussionen herrscht, ist manchmal alles andere als freundlich, wie Fischer bestätigt.

    Alteingesessene "lassen die Sau raus"

    Der Medienanwalt und Wikipedia-Experte Johannes Weberling formuliert es etwas deutlicher. Der Ton unter den Wikipedianern, gerade gegenüber neu Hinzukommenden, sei unterirdisch. Wie man sich dort behandele, sei nicht menschenwürdig, so Weberling. Und dadurch, dass die Leute in der Regel nur unter Fantasie-Namen auftreten, würden sie erst recht "die Sau rauslassen". Damit spielt der Medienanwalt auf die Pseudonyme an, unter denen viele Autoren, aber auch Administratoren, auftreten. Letztere stehen in der Hierarchie eine Stufe höher als das Wikipedia-Fußvolk und entscheiden darüber, ob ein Artikel, wenn es Kritik gibt, im Netz bleiben darf oder nicht.

    Wie schnell man ins Visier der "Alteingesessenen" kommen kann, musste die Science-Fiction-Autorin Theresa Hannig erfahren. Sie stemmt sich in ihrer Branche ständig gegen die Dominanz der Männer und wollte deshalb nachschauen, wie viele deutsche Kolleginnen es überhaupt gibt. Bei Wikipedia gab es zwar eine Liste von Science-Fiction-Autoren, die ließ sich aber nicht nach Geschlechtern sortieren. Also legte sie eine zweite Liste an, in der nur die Frauen standen.

    Administratoren als kleine Diktatoren

    Es dauerte nicht lange bis der erste Löschantrag kam. Gemäß dem Prozedere bei Wikipedia wurde nun eine Woche lang darüber diskutiert, ob die Liste eine Existenzberechtigung hat oder nicht. Am Ende waren viele Standpunkte ausgetauscht, Theresa Hannig dachte, sie und einige Mitstreiterinnen, die sie aktiviert hatte, hätten mehr und vor allem gewichtigere Argumente vorgelegt. Es folgt nun aber keine Abstimmung, sondern ein Administrator löschte die Liste, weil er sie überflüssig fand.

    Und so musste Theresa Hannig erst einmal lernen, dass es bei Wikipedia nicht immer so demokratisch zugeht, wie man meinen möchte. Trotzdem gab sie sich nicht geschlagen und protestierte gegen die Löschung. Es folgte wieder eine längere Debatte, an deren Ende ein anderer Administrator entschied, die Liste der Science-Fiction-Autorinnen doch im Netz zu lassen.

    Eine neue Wikipedia-Generation?

    Theresa Hannig fühlte sich nach diesem Ringen nicht entmutigt, im Gegenteil, sie will weiter bei Wikipedia ihre Arbeitskraft einbringen. Das sei eine super Sache, Wikipedia sei das Wissen der Welt, das dürfe auf keinen Fall verschwinden. Und auch wenn manche Entscheidungen nicht demokratisch getroffen werden, so ist Wikipedia ihrer Ansicht nach doch eine sehr basisdemokratische Organisation.

    © Hannig

    Theresa Hannig, Sciene-Fiction-Autorin

    "Alles kann diskutiert werden, nichts ist in Stein gemeißelt, jede Regel kann verändert werden." Theresa Hannig

    Johannes Weberling, der auch das Projekt Wiki-Watch initiiert hat, das Wikipedia ständig beobachtet und versucht, es zu mehr Transparenz zu bewegen, kann sich ein paar sinnvolle Regeln vorstellen. Als Erstes sollte seiner Meinung nach eine Klarnamen-Pflicht eingeführt werden. Wer unter seinem richtigen Namen publiziert und kommuniziert, verhält sich automatisch zurückhaltender und verantwortungsvoller, so der Gedanke. Interne Debatten über Artikel und deren Inhalt könnten dann sachlicher ablaufen. Wikipedianer Jan-Patrick Fischer hält dagegen, dass viele Autoren nur im Schutz dieser Anonymität frei schreiben könnten. Unter richtigem Namen würden sie es eher sein lassen.

    Admins auf Lebenszeit sind ein großes Problem

    Die zweite Änderung, die Weberling anregt, betrifft die Administratoren. Bislang gilt: Wer einmal gewählt worden ist, behält den Posten, zumindest, solange er sich nicht in der Community unbeliebt macht und aktiv abgewählt wird. Auf diese Art bekommen die rund 200 Admins bei der deutschen Wikipedia aber ziemlich viel Einfluss, zu viel wie Weberling meint, denn sie müssen sich ja meist nicht mehr beweisen und zur Wiederwahl stellen. Der Kritiker fordert deshalb regelmäßige Wahlen, wie das in einer demokratischen Gesellschaft eigentlich üblich ist.

    Mehr Teamworker, weniger Eigenbrötler

    Die Science-Fiction-Autorin Theresa Hannig möchte noch ein Drittes ändern: den Frauenanteil steigern, der zurzeit, noch nicht einmal bei zehn Prozent liegt. Wie man bei Wikipedia als weibliches Mitglied gegen die Platzhirsche der Community etwas bewegt, hat sie inzwischen gelernt: Man tut sich mit anderen Frauen zusammen und nutzt seine Kontakte aus den sozialen Medien wie Twitter und Facebook. Damit lassen sich Debatten mit viel mehr Durchschlagskraft führen, als wenn man nur allein dasteht. Auf diese Art könnte eine ganz neue Generation bei Wikipedia nachwachsen, gut vernetzte Teamworker, die sogar gegenüber Eigenbrötlern und Griesgramen bestehen. Wobei Jan-Patrick Fischer darauf verweist, dass man sich schon jetzt viel vernetzt und austauscht, nicht nur beim regelmäßigen Wikipedia-Stammtisch, sondern auch bei bundesweiten oder Internationalen Treffen der Community.

    Mitgliederzahl stabilisiert sich

    Frischen Wind könnte Wikipedia tatsächlich brauchen. Die Zahl der sehr aktiven Mitglieder, das sind die wirklichen Macher der Wikipedia Deutschland, nimmt schon seit zehn Jahren nicht mehr zu. Von fast 1.100 im Jahr 2009 sind inzwischen sogar in der deutschen Sektion nur noch 900 übrig. Und mit der rückläufigen Zahl an aktiven Wikipedianern sinke auch die Qualität der Artikel, bemängelt man bei Wiki-Watch. Vielleicht gibt es aber auch ein Hoffnungszeichen. Die Statistik weist jedenfalls seit drei Jahren stabile Mitglieder-Zahlen aus. Und womöglich schaffen es ja die jungen Netzwerker für mehr Demokratie, größere Transparenz und neuen Spaß an der Arbeit für Wikipedia zu sorgen.

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