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Ein Mann mit Krawatte, es ist der russische Präsident Wladimir Putin, neben ihm Panzer und Jets, die die Farben der russischen Flagge in die Luft malen. Eine Collage.

"Tag des Sieges": Mit Spannung wird eine Rede des russischen Präsidenten am 9. Mai erwartet.

Bildrechte: picture alliance/AP Photo | Alexander Zemlianichenko, picture alliance/dpa | Sergei Karpov, dpa-Bildfunk/Mikhail Metzel; Montage: BR
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    Was passiert am 9. Mai? Possoch klärt!

    Der 9. Mai ist der wichtigste Feiertag in Russland. Der Tag des Sieges über das Nazi-Deutschland 1945. Doch vor dem Hintergrund von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine stellt sich die Frage: Droht heute eine weitere Eskalation?

    Von
    Dominic PossochDominic PossochAdrian DittrichAdrian Dittrich
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    Der 9. Mai ist der "Tag des Sieges" in Russland, der wichtigste Feiertag. An diesem Datum feiert das Land den Sieg über Hitler-Deutschland 1945. Viele Beobachterinnen und Beobachter gingen davon aus, dass der russische Präsident Wladimir Putin an diesem Tag eigentlich den Sieg über die Ukraine verkünden wollte. Doch daraus scheint nichts zu werden.

    Was erwartet uns an diesem 9. Mai? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch das neue "Possoch klärt" (Video unten). Liana Fix, Programmleiterin im Bereich Internationale Politik der Körber-Stiftung mit Fokus auf Russland/Osteuropa, hält darin fest:

    "Wir werden in der Rede des russischen Präsidenten sehen, dass wir uns mit Russland in einer Situation befinden, wo wir einen ideologisch radikalisierten Akteur haben, der ganz klar den Anspruch hat, die europäische Ordnung, wie wir sie kennen, umzustürzen." Liana Fix, Russland-Expertin der Körber-Stiftung

    Kommt am 9. Mai die Generalmobilmachung?

    Direkt vor dem 9. Mai wächst in der Ukraine, Deutschland, Europa und den USA die Sorge vor einer russischen Generalmobilmachung. Dieser Befehl würde es Russland ermöglichen, Hunderttausende Reservisten einzuziehen und in die Kriegsgebiete in der Ukraine zum Kämpfen zu schicken.

    In der erwarteten Rede Putins zum 9. Mai könnte er der Ukraine offiziell den Krieg erklären und dann eine Generalmobilmachung bekanntgeben. Sein Sprecher hat vorab solche Vermutungen zurückgewiesen. Da gebe es keine Chance, sagte Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow, und fügte hinzu: "Das ist Unsinn."

    Im Video: Erklärt Putin am 9. Mai der Ukraine offiziell den Krieg? Possoch klärt!

    Russland-Expertin: Putin gibt sich undurchschaubar

    Doch: "Der russische Präsident liebt es, Erwartungen nicht zu entsprechen und Überraschungsmomente zu kreieren", sagt Liana Fix, Russland-Expertin der Körber-Stiftung. Putin würde seit langem einen Mythos schaffen, dass er undurchschaubar und seinen Gegnern immer einen Schritt voraus sei. Womit wir aber laut Fix auf jeden Fall rechnen können, ist, dass der 9. Mai dieses Jahr eine klare Verbindung zum Krieg in der Ukraine sein wird.

    Der 9. Mai ist seit jeher für Putin eine Möglichkeit, den russischen Nationalmythos zu befeuern: Russland ist das Land, das gegen die Nazis kämpft. Damals wie heute. Der russische Außenminister Lawrow hat erst jüngst die offizielle russische Kriegsbegründung wiederholt: In der Ukraine seien Nazis am Werk – Russland wolle diese stoppen. Nach scharfer Kritik aus Israel wegen eines Hitler-Vergleichs im Zuge dessen legte Russland noch einmal nach und behauptete, Israel unterstütze aktiv das Neonazi-Regime in Kiew. Präsident Putin hat sich inzwischen nach israelischen Angaben für die Aussagen seines Außenministers und dessen Hitler-Vergleich entschuldigt.

    Russische Historikerin: Der russische Nationalmythos wird instrumentalisiert

    Die russische Historikerin Irina Knyazeva, die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag ist, ordnet bei "Possoch klärt" die Bedeutung des 9. Mai ein:

    "Die gesamte russische Identität ist an diesen Tag geknüpft, nichts hat die russische Mentalität mehr geprägt als die Idee, dass Russen das Volk sind, das den Nationalsozialismus besiegt hat." Irina Knyazeva, Historikerin

    Das Problem: Dieser Mythos sei sehr einfach zu instrumentalisieren, wenn das Historische mit dem aktuell Politischem vermischt werde – wie es unter Putin passiere.

    9. Mai 1945: Der Tag, an dem Russland Hitler-Deutschland besiegte

    Während in Deutschland und Europa der 8. Mai als Ende des Zweiten Weltkriegs gilt, ist es in Russland der 9. Mai. Als die Kapitulation der Wehrmacht in Kraft getreten ist, war es in Moskau bereits nach Mitternacht, also nicht mehr 8., sondern 9. Mai.

    Etwa ab 1965, unter dem damaligen Generalsekretär der KPdSU Breschnew, wurde der 9. Mai in seiner Bedeutung immer mehr aufgeladen. Russland spricht im Grunde kaum vom Zweiten Weltkrieg, sondern vom "Großen Vaterländischen Krieg": der Kampf gegen Hitler-Deutschland.

    Gedenken am 9. Mai: Weg vom "Nie wieder" hin zum "Wir können das wiederholen"

    Das sollte in der Folge für die russische Bevölkerung ein großes kollektives Erlebnis werden: "Gemeinsam haben wir es geschafft." Darüber hinaus war der Tag für die KPdSU eine gute Gelegenheit, die Bevölkerung zu einem sowjetischen Patriotismus zu erziehen. Mit Militärparaden, ausländischen Staatsoberhäuptern, die zu Besuch kamen, und natürlich konnte sich die Sowjetunion auf der großen Bühne selbst inszenieren.

    Opfer der Alliierten und anderer Sowjetrepubliken kommen auch vor im Gedenken, aber der Fokus liegt inzwischen mehr und mehr auf dem Sieg, der Sieg über Hitler-Deutschland als absolutes Schlüsselereignis der russischen Geschichte. Mit Beginn der Präsidentschaft Putins ist die Bedeutung nochmals stärker betont worden. Nach Beobachtung von Irina Knyazeva, die selbst aus Russland kommt, wird inzwischen aber nicht mehr die Idee des Friedens betont, sondern die Botschaft: "Wir sind stark, wir können das wiederholen."

    Was es bedeutet, wenn Putin von "Krieg" sprechen sollte

    Spricht Putin am 9. Mai zum ersten Mal offiziell von "Krieg" und nicht mehr von einer "militärischen Spezialoperation" in der Ukraine?

    Eine Studie des Forschungsinstituts Royal United Services Institute for Defence and Security Studies in Großbritannien sieht es als realistisch an, dass mit dem 9. Mai der Wendepunkt für eine breitere Mobilmachung russischer Truppen kommt. Dann müsste Putin allerdings in der Tat offiziell von "Krieg" sprechen. Eine "militärische Spezialoperation" würde eine Teil- oder Generalmobilmachung nicht rechtfertigen.

    Und damit müssten sich auch die russische Lesart dieses Krieges und die Propaganda ändern, sagt Liana Fix von der Körber-Stiftung. Von Krieg könne Putin nur sprechen, wenn die Existenz Russlands bedroht würde. Ein Argumentationsschritt, der Risiken birgt, denn dann würde ein militärischer Einsatz von Teilen der russischen Bevölkerung wahrscheinlicher. Bislang, so das Narrativ in Russland, seien die Menschen nur von wirtschaftlichen Auswirkungen betroffen, weil der Westen Sanktionen gegen sie verhängt hat. Diese Situation würde sich dann für viele Russen ändern.

    Im Video oben erfahren Sie, was Sie über den 9. Mai, den "Tag des Sieges" in Russland wissen sollten. Diskutieren Sie gerne in den Kommentaren mit.

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    Possoch klärt

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