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    Stadt, Land, arbeitslos - wie groß ist das Gefälle?

    In Städten ist die Arbeitslosigkeit in der Regel höher als auf dem Land. In der BR-Sendung Münchner Runde fragt sich ein Zuschauer aber, ob der Unterschied in Bayern tatsächlich so gering ist, wie behauptet. Von Jenny Stern

    Von
    Claudia GrimmerClaudia Grimmer
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    In der BR-Talksendung Münchner Runde zum Thema "Volksparteien bangen um ihre Wähler" verteidigte Dorothee Bär, die stellvertretende Parteivorsitzende der CSU, die Idee eines bundesdeutschen Heimatministeriums. Das Beispiel Bayern zeige, wofür solch ein Ministerium nützlich sei: "Nämlich für die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, dafür zu sorgen, dass es eben kein Stadt-Land-Gefälle gibt." Wenn man die Arbeitslosigkeit in der Stadt mit der auf dem Land vergleiche, so die CSU-Politikerin, liege der Unterschied in Bayern unter einem Prozent. "Und das brauchen wir natürlich in Deutschland dringend auch."

    Ein Zuschauer widerspricht. Tatsächlich würde die Arbeitslosenquote zwischen 1,4 und 7 Prozentpunkte auseinanderliegen, schreibt er auf Facebook und verweist auf eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit.

    Die Karte zeigt alle bayerischen Landkreise und Städte und gibt einen Überblick über die Zahl der Arbeitslosen und die Arbeitslosenquote in den einzelnen Regionen für den vergangenen Monat. Auf dieselbe Statistik beruft sich auch Dorothee Bär, als die BR24-Redaktion von ihr wissen möchte, wie sie auf die in der Sendung genannte Zahl kommt. Die Antwort aus ihrem Büro:

    "Als Stadt wurden die Agenturbezirke der größten 10 Städte Bayerns definiert, bei München und Nürnberg wurde wegen der Größe des Einzugsgebiets noch der zugehörige Landkreis mit dazu genommen. Differenz Stadt-Land: 0,9 Prozent." Büro von Dorothee Bär, CSU

    Kein Durchschnittswert für Bayern

    Das Team um Dorothee Bär hat also die zehn größten Städte Bayerns plus die Landkreise München und Nürnberg als Städte definiert und den restlichen 84 Städten und Kreisen in Bayern gegenübergestellt. Zum ländlichen Raum zählen nach dieser Berechnung also auch Städte wie Aschaffenburg, Hof, Landshut, Passau, Rosenheim oder Schweinfurth. Rechnerisch ist der Wert von 0,9 Prozent korrekt. Eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit betont aber, dass die Werte für die Städte und umliegenden Landkreise nicht einfach miteinander in Beziehung gesetzt werden sollten. Einen Durchschnittswert für Bayern, der den Unterschied zwischen Stadt und Land erhebt, erfasse die Bundesagentur gar nicht,

    "weil der Arbeitsmarkt in den einzelnen Regionen so unterschiedlich ist, das würde das Bild verzerren." Pressesprecherin Bundesagentur für Arbeit

    Relation zur Beschäftigenzahl am Wohnort fehlt

    Die Sprecherin sieht bei einem direkten Vergleich der Werte außerdem folgendes Problem: Die Arbeitslosenquote setzt die Arbeitslosen zu den Erwerbspersonen in Beziehung. Zu den Erwerbspersonen, also allen Menschen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, zählen auch die Erwerbstätigen. Und die werden am Arbeitsort gemessen und nicht am Wohnort. So verzerren zum Beispiel Pendler, die von außerhalb in die Stadt zum Arbeiten fahren, die Statistik: Ein Berufstätiger aus Erding wird am Ort seiner Beschäftigung gemeldet, zum Beispiel in München. Verliert er aber seine Arbeit, wird er an seinem Wohnort arbeitslos geführt.

    "Wenn man die Zahl der Arbeitslosen in Relation zur Beschäftigtenzahl am Wohnort setzt, dann ist der Unterschied nicht mehr so gravierend. Die Zahl der Arbeitslosen in der Stadt ist zwar deutlich höher als auf dem Land, die Beschäftigtenzahl aber auch." Pressesprecherin Bundesagentur für Arbeit

    Warum in der Stadt die Arbeitslosigkeit höher ist

    Ganz gleich, welche Berechnungen man auch anstellt: Die Arbeitslosigkeit in der Stadt ist in der Regel höher als auf dem Land. Das liegt vor allem an einer Kategorie von Personen, die die Sprecherin von der Bundesagentur für Arbeit als "Risikogruppen" bezeichnet. Darunter fallen unter anderem Alleinerziehende, Geringqualifizierte und Ausländer. Menschen also, die tendenziell häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen sind. München zum Beispiel habe zwar einen hohen Akademikeranteil, sagt die Sprecherin. Aber gleichzeitig würden dort auch viele Ausländer leben. Die Statistik zur Arbeitslosigkeit bietet zwar viel Spielraum für Interpretation: Die genannten Werte des Facebook-Nutzers von bis zu bis sieben Prozentpunkten Differenz zwischen Stadt und Land ergeben sich aber aus keiner naheliegenden Berechnung.

    Fazit: Die Arbeitslosigkeit ist in den Städten in der Regel größer als auf dem Land. Möchte man das Gefälle aber genau benennen, bietet die Statistik sehr viel Spielraum für Interpretationen - und die werden in politischen Debatten genutzt. Ein eindeutiges Bild, wie viele Menschen in der Stadt und auf dem Land arbeitslos sind, gibt es allerdings nicht. Das liegt auch daran, dass beruftstätige Pendler am Ort ihrer Arbeit gemeldet werden und nicht am Wohnort. Die Bundesagentur für Arbeit erhebt zum Stadt-Land-Gefälle erst gar keinen Wert. Die Begründung: Der Arbeitsmarkt in den Regionen ist zu unterschiedlich und kann kaum miteinander verglichen werden.


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    Sendung

    Münchner Runde

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