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Immer mehr Menschen in Bayern berichten von Stalking.

Immer mehr Menschen in Bayern berichten von Stalking.

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Angelika Warmuth
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    Mehr Stalking-Fälle in Bayern - Anzeige bald leichter möglich

    Immer mehr Menschen in Bayern berichten von Stalking. Sie leiden unter psychischen Folgen wie Depressionen und Ängsten. Jetzt tritt eine Gesetzesänderung in Kraft, mit der Anzeigen gegen Stalker schneller möglich sein sollen.

    Von
    David DonocikDavid Donocik
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    Isabelle leidet seit vielen Jahren unter Stalking. Sie möchte nicht erkannt werden, daher verwenden wir hier nur den Vornamen. Die Künstlerin pendelt berufsbedingt zwischen den USA und Deutschland. Als Jugendliche wurde sie von einem alten Mann belästigt und in einem Hotelzimmer bedrängt. Sie ist überzeugt: Über mehrere Jahre hat er ihr nachgestellt und tauchte immer wieder bei Auftritten und Festivals auf. "Ich hatte Angst und mir war es peinlich", sagt Isabelle. Sie dachte, sie mache etwas falsch. Den Fall meldete sie nicht. "Ich habe mir nur gedacht: Mir glaubt eh keiner."

    Anrufe, Nachrichten, E-Mail-Zugriff

    Jetzt im Sommer wurde sie erneut belästigt: Eine Frau, mit der Isabelle in New York kurz zusammen war, ließ sie nicht mehr in Ruhe. Als Isabelle auf einer Dienstreise in München war, rief die Freundin aus den USA permanent an, am Tag und in der Nacht. "Sie ruft auch über fremde Nummern an. Auch jetzt noch bekomme ich bis zu 40 Nachrichten am Tag." Zudem war ihre Stalkerin in ihrem E-Mail-Konto eingeloggt und versuchte, ihre Passwörter zu knacken.

    Opfer und Täter kennen sich meistens

    Isabell ist kein Einzelfall. In Bayern haben in der Vergangenheit immer mehr Menschen Stalking den Behörden gemeldet. Das Bayerische Landeskriminalamt registrierte 2016 1.260 Fälle von Nachstellung. 2018 wuchs die Zahl auf 1.548, 2020 waren es schon 1.742 Fälle.

    In 80 Prozent der Fälle sind die Opfer weiblich. Meist stehen die Akteure in Beziehung zueinander. Michael Weinzierl, Leiter der Präventionsstelle des Bayerischen Landeskriminalamts (BLKA) sagt: "In 75 Prozent der Fälle kennen sich Täter und Opfer. Das können Partner bzw. Ex-Partner sein, aber auch Arbeitskollegen oder Nachbarn." Die Gründe für Stalking seien unterschiedlich: "Liebe, Bewunderung, das sieht man vor allem bei prominenten Opfern. Aber es kann auch Hass und Eifersucht sein."

    Ab Oktober ist wiederholtes Stalking strafbar

    Um potentielle Opfer besser zu schützen, tritt am 1. Oktober eine Gesetzesverschärfung in Kraft. Es ist nach 2017 die nächste Gesetzesnovellierung des "Stalking-Paragraphen" 238 StGB. Ab Oktober sollen Betroffene schon früh strafbare Handlungen anzeigen können.

    Weinzierl erklärt, bislang verlange der Stalking-Paragraph ein beharrliches Täterverhalten: "'Beharrlich' ist jedoch ein sehr unspezifischer Begriff gewesen. Jetzt reicht ein wiederholtes Täterverhalten." Sprich: Wer schon ein zweites Mal einem Opfer nachstellt - egal ob durch belästigende Anrufe, aufdringliches Verfolgen oder neuerdings durch Online-Stalking - macht sich strafbar.

    Durch die Gesetzesverschärfung hofft BLKA-Mann Weinzierl, dass sich mehr Menschen zur Anzeigenerstattung ermutigt fühlen.

    Bis zu 10 Jahren Freiheitsstrafe für Stalking

    "Der maximale Strafrahmen der Nachstellung, falls sie in Körperverletzung oder Todesfolge mündet, beträgt zehn Jahre Freiheitsstrafe", so Weinzierl. Das BLKA schreibt, dass Betroffene oft ein schlechtes Gefühl hätten und sich manchmal nicht sicher seien, ob es sich um Stalking handele.

    Hohe Dunkelziffer

    Deshalb sei die Dunkelziffer beim Thema Stalking hoch. "Wir haben eine große Zahl im Dunkelfeld. Und wie nach der letzten Novellierung (2017) geschehen, hoffen wir auch jetzt, möglichst viele Zahlen ins Hellfeld zu bekommen." Weinzierl betont, niemand müsse Stalking ertragen. Ein wichtiger Effekt der Anzeigenerstattung: "In vielen Fällen zeigt sie, dass die Taten weniger werden oder Stalking ganz aufhört."

    Schwerwiegende Folgen von Stalking

    Die Opferschutzorganisation Weißer Ring beauftragte 2018 eine Studie, die unter anderem zum Ergebnis kam, dass mehr als 37 Prozent der Stalking-Opfer körperlich angegriffen werden.

    Mögliche Folgen von Stalking? Doris Klingseisen, Präventionsbeauftragte vom Weißen Ring, zählt auf: "Kopfschmerzen, Herzrasen, schaflose Nächte, Depressionen. Und in manchen Fällen könnte es sogar bis zum Suizid der betroffenen Personen kommen, weil sie keinen Ausweg sehen. "

    Was Stalking-Opfer tun können

    Das BLKA rät Betroffenen, bei akuter Bedrohung sofort die Polizei zu alarmieren und dem Stalker unmissverständlich klarzumachen, dass keinerlei Kontakt erwünscht sei. Alle Formen der Nachstellung sollen dokumentiert werden. Meistens sind sich Täter und Opfer bekannt, haben gemeinsame Freunde. Dies kann eine Anzeige zusätzlich erschweren, da die Schwelle, einen Bekannten zu melden, höher ist. Zudem kommen Täter durch die gemeinsamen Kontakte innerhalb des Freundeskreises leichter an ihr Opfer heran.

    Betroffene können sich immer an den Weißen Ring wenden. Doris Klingseisen erklärt: "Wir hören ihnen zu und bieten Beistand. Wir gehen mit den Betroffenen zur Polizei, wenn sie sich alleine nicht trauen, oder zu Gerichtsverhandlungen." Der Weiße Ring stellt durch sein weitreichendes Netzwerk juristische und psychologische Hilfe bereit. Generell rät auch sie, wie die Polizei, der nachstellenden Person klar zu sagen, dass man keinen Kontakt haben möchte. Danach soweit es geht ignorieren und jeden Fall dokumentieren. "Alles aufschreiben. Es sind sehr viele einfache kleine Geschehnisse, die aber in der Summe etwas Großes ausmachen."

    Das Stalking-Opfer Isabelle überlegt seit dem letzten Vorfall genau, wen sie in ihre Wohnung hereinlässt. Erst dank der Arbeit eines IT-Experten hat die Stalkerin keinen Zugriff auf ihr E-Mail-Konto. Doch die Spuren, die das Ganze hinterlassen haben, sind tief: "Jedes Mal, wenn mein Handy klingelt, zucke ich zusammen." Sie spielt mit den Gedanken, ihre Stalkerin in den USA anzuzeigen. "Aber ich muss mich juristisch und taktisch erst einmal aufstellen." Dafür lässt sich Isabelle zurzeit online beraten.

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