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Ärzte schlagen Alarm Mangelware: Keine Herzschrittmacher für Kinder

Viele Medizinprodukte, aber auch Medikamente gibt es für Kinder nicht. Die Ärzte müssen auf Geräte oder Präparate für Erwachsene zurückgreifen. Heute findet ein erstes Treffen in Berlin statt, um an dieser Situation etwas zu ändern. Mit dabei ein Erlanger Professor für Kinderkardiologie, der dringend Herzschrittmacher für Kinder benötigt.

Von: Claudia Grimmer

Stand: 12.07.2018

Max Friedrich, Herzpatient aus der Nähe von Forchheim | Bild: BR

Den Ausschlag gab ein Brandbrief des Kompetenznetzes Angeborener Herzfehler und des Universitätsklinikums des Saarlandes. Der Kinderkardiologe Hashim Abdul-Haliq erklärte darin, dass er nun den letzten kleinsten Schrittmacher der Welt in ein sechs Monate altes Baby implantiert habe, da der Medizingerätehersteller die Produktion des Gerätes eingestellt habe.

Keine Herzschrittmacher für Kinder

Eine Ärztin der Uniklinik Erlangen hält einen Herzschrittmacher in ihrer Hand

Auch dieser kleinste Herzschrittmacher war nicht für Kinder entwickelt worden, sondern für Erwachsene. Rund 110.000 Pacemaker, wie sie in der medizinischen Fachsprache auch genannt werden, wurden 2017 bundesweit in Erwachsene implantiert. 5.000 Geräte gerade einmal in Kindern. Die Stückzahl ist so gering, dass es sich für die Medizingerätehersteller schlichtweg nicht rentiert, Herzschrittmacher speziell für Kinder zu entwickeln. Die Kosten wären zu hoch. Und das betrifft nicht nur dieses Produkt, sondern zum Beispiel auch Katheter oder Stents.

Prof. Dr. Sven Dittrich, Kinderkardiologe Uniklinikum Erlangen

"Es gibt keinen einzigen speziell für Kinder entwickelten Herzschrittmacher. Prinzipiell unterscheidet sich ja die Herzaktion in einem Neugeborenen gar nicht von dem eines alten Menschen, aber es gibt viele Spezifitäten. Das ist die Größe des Kindes, selbstverständlich, es ist aber auch die Frequenzsteigerung. Das heißt, ein aktives Kleinkind erreicht viel höhere Herzfrequenzen als ein Erwachsener zum Beispiel - bis an die 200 Schläge pro Minute.“        
Prof. Dr. Sven Dittrich, Kinderkardiologe Uniklinik Erlangen       
  

Berlin reagierte schnell

Das Bundesgesundheitsministerium reagierte auf den Brandbrief aus dem Saarland und lädt nun nach Berlin ein. Mit am Tisch sitzen Medizinproduktehersteller, das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfArM, sowie unter anderem Vertreter der betroffenen Facharztverbände. Auch Prof. Dr. Sven Dittrich von der Uniklinik Erlangen wird mit am Tisch sitzen. Die Erwartungen sind nicht allzu groß, doch dass so schnell ein runder Tisch gebildet wurde, ist auch für Prof. Dittrich ein erster Erfolg. Schon lange kämpfen betroffene Ärzte für eine bessere Versorgung von Kindern in diesem Bereich.

Max und seine Operation

Max kommt aus der Nähe von Forchheim

Max ist eineinviertel Jahre alt und bereits während der Schwangerschaft war klar, dass er so schnell wie möglich einen Herzschrittmacher benötigt. Sein Leben war in Gefahr. Vier Wochen vor dem Geburtstermin wurde er von den Ärzten geholt. Er war gerade einmal 47 Zentimeter lang. 14 Tage später wurde er operiert und erhielt einen Herzschrittmacher für Erwachsene durch Prof. Dittrich. Der wurde bei ihm im linken Bauchbereich implantiert, weil oberhalb des Herzens, wie bei großen Patienten, kein Platz ist. Der Pacemaker wird standardmäßig mit 50 Zentimeter Kabel geliefert. Die mussten auch bei Max im Körperinneren vernäht werden.

"Es wäre eine ganz einfache Lösung: Natürlich brauchen Kinder, denen von außen ein Kabel auf das Herz genäht wird und der Schrittmacher nur fünf Zentimeter da drunter liegt, keine 50 Zentimeter lange Kabel. Es gibt aber nur 50-Zentimeter-Kabel.“        
Prof. Dr. Sven Dittrich, Kinderkardiologe Uniklinik Erlangen              

Off-Label-Medikamente

Dass es keine medizinischen Geräte für Kinder gibt, ist nur ein Beispiel. Bei den Frühgeborenen sind die Ärzte ebenfalls darauf angewiesen, so genannte Off-Label-Medikamente zu verabreichen. Das heißt, sie sind auch hier gezwungen den Frühchen Tabletten für Erwachsene zu geben. Dabei müssen sie sich einzig auf ihre Erfahrung bei der Dosierung verlassen. Auf Intensiv- und Neugeborenenstationen erhalten mehr als 90 Prozent der kleinen Patienten nicht für Kinder zugelassene Medikamente, in den Kliniken sind es 70 Prozent.

Patrick Morhardt, Neonatologie Uniklinikum Erlangen

"Off-Label bedeutet, dass dieses Medikament für die Patientengruppe formal nicht zugelassen ist. Das heißt, vom Hersteller gibt es keine Dosierungsempfehlungen und es gibt auch im Endeffekt keine Empfehlung dieses Medikament bei den Patienten einzusetzen.“
Patrick Morhardt, Neonatologie Uniklinikum Erlangen

Seit 2007 neues Gesetz

Zwar hat die EU versucht durch ein Gesetz Pharmahersteller dazu zu bringen neue Medikamente auch für Kinder zu testen. Dafür erhalten sie einen verlängerten Patentschutz für ihr Produkt. Das hat zwar bewirkt, dass neuere Medikamente auch Zulassungen für Kinder haben, doch meist werden die älteren Präparate verwendet, da die Ärzte damit ausreichend Erfahrung haben.

Uniklinik Erlangen übernimmt Vorreiterrolle in Deutschland

Erlangen baut nun die erste und einzige Dosierungsbank in Deutschland auf. Darin werden auch Erfahrungen der Ärzte über die Verabreichung von Erwachsenen-Medikamenten an Kindern gesammelt, aber vor allem soll die Datenbank auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Dann sollen Dosierungsempfehlungen für verschiedene Altersgruppen erstellt werden.

Stefan Wimmer, Uniklinikum Erlangen

"Wir versuchen Publikationen zu durchsuchen nach Informationen, im Idealfall natürlich auch kleine klinische Studien durchzuführen. Wir wollen versuchen wegzukommen von der reinen Erfahrung und eine auf Daten basierende Therapieempfehlung zu entwickeln.“
Stefan Wimmer, Uniklinikum Erlangen

Da das Problem in ganz Europa herrscht, arbeitet die Uniklinik mit Kollegen aus den Niederlanden zusammen, um in ein paar Jahren Empfehlungen für 850 Wirkstoffe veröffentlichen zu können.


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Kommentare

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Dr. mett. Wurscht, Donnerstag, 12.Juli, 14:03 Uhr

2. Geiz is' halt geil...

...auch im Gesundheitswesen, das fängt bei Ibuprofen an und hört bei Herzschrittmachern für Kinder noch lange nicht auf...
Sehe ich in meiner hausärschlichen Praxis jeden Tag: Valsartan aus China verunreinigt, Ibuprofen aus den USA nicht lieferbar (kann man offensichtlich beides nicht in Deutschland oder Europa herstellen), Standardimpfstoffe und -medikamente nicht lieferbar, usw. usw. Und warum? Weil die Sparwut der Krankenkassen auf die Profitgier der Aktionäre der Medizin- und Pharmariesen trifft. Aber wir schaffen jetzt erstmal 8000 neue Stellen in der Pflege: Hurra!!! Und weil wir nicht genug Kolleginnen und Kollegen haben, die diese - oder ärztliche - Stellen besetzen können, werden die eben einfach aus dem Ausland geholt, weil: Im Ausland sind offensichtlich alle jung und gesund und brauchen keine pflegerische oder ärztliche Versorgung. Und, by the way: Leute, lernt schon mal albanisch, damit Ihr Eure Pfleger und Ärzte auch in Zukunft versteht!
Dicker Hals Ende!

Hugo Trotz, Donnerstag, 12.Juli, 12:59 Uhr

1. Kann man so oder so sehen.

Früher, als viele Kinder pro Familie üblich waren, starben davon auch mal welche. Denn die Natur regelte das Überleben. Was nicht lebensfähig war, starb, egal, ob Mensch, Tier oder Pflanze. Aber heutzutage will der Mensch alles regeln, es werden bedauernswert missgebildete oder funktionseingeschränkte Neugeborene an Schläuche angeschlossen und mit technischem Aufwand "gerettet". Schwerstbehinderte Kinder sind die Folge, die nicht nur jetzige Betreuung um die Uhr erfordern, sondern auch später selbst niemals eine für den gesunden Menschen selbstverständliche Lebensqualität erreichen können. Die, Tacheles geschrieben, zum zukünftigen Siechtum verpflichtet sind. Übrigens gibt es dieses erzwungene Siechtum natürlich in jedem Alter, besonders häufig im hohen...

  • Antwort von g k, Donnerstag, 12.Juli, 13:37 Uhr

    Herr Trotz, ich gebe Ihnen in Sachen natürlicher Auslese vollkommen Recht. Die Natur versucht auf diesem Wege Verbesserungen Einzuführen. Das was Sie allerdings hier übersehen haben, sind die liebenden Eltern. Wer will sein Kind, egal ob gesund oder Krank, sterben sehen? Sie mit Sicherheit genauso wenig wie ich. Und da ist es für mich aber auch Selbstverständlich, daß ich alles für mein Kind versuche. Das macht mich als Mensch aus. In der Tier und Pflanzenwelt ist es ebenso. Aber hier fehlt der Verstand, andere Wege zu beschreiten. Es ist eine Gradwanderung. Aber jeder der seine Kinder liebt, wird sich für Leben entscheiden....

  • Antwort von Oliver M., Donnerstag, 12.Juli, 13:51 Uhr

    Ich kann Ihnen da nicht einmal widersprechen. Aber wenn man selber davon betroffen ist, dann denkt man anders.

    Im übrigen sind früher auch viel mehr Mütter bei der Geburt gestorben. Heute löst der Kaiserschnitt das Problem minimalinvasiv. Also warum nicht den Fortschritt nutzen?

    Problem bei diesem Thema hier ist, dass auch in der Medizin an diversen Orten der von Wachstum und Gewinn besessene Kapitalismus zuschlägt. Unter diesem Gesichtspunkt ist das hier beschriebene Vorgehen unmenschlich und zu verachten!

    Allerdings hoffe ich, dass ich im Alter gehen darf, bevor ich unter dem Deckmantel der Menschlichkeit mit Hilfe von Schläuchen und Maschinen am Leben gehalten werde. Da hat es jedes Tier besser. Da greift man zur Spritze, um es von seinem Leiden zu erlösen. Menschen aber lässt man bis zum letzten Atemzug unter dem Deckmantel der Menschlichkeit dahin siechen. Ein Leben lang wird man auf Eigenverantwortung und Selbstbestimmung verwiesen. Hier gilt das dann nicht mehr?

  • Antwort von Julia Friedrich, Donnerstag, 12.Juli, 21:15 Uhr

    Herr Trotz

    also hätte ich nach Ihrer Meinung meinen Max aufgeben sollen? Obwohl er durch den Schrittmacher ein fast völlig normales Leben führen kann?

    kann solche Kommentare null nachvollziehen. Jeder kämpft für sein Kind vorallem wenn eine Schwangerschaft zuvor fast ausgeschlossen war.

  • Antwort von D. Lenz, Freitag, 13.Juli, 09:45 Uhr

    Die „Früher-war-alles-besser“- Mentalität ist eine der beliebtesten Stammtischargumente bei absolutem Nichtwissen. Und dennoch steigen Sie in Ihr Auto, Surfen im Internet und bestellen bei Amazon. Auch das gab es früher alles nicht!
    Im Übrigen sind die Menschen früher auch deutlich jünger gestorben- ich hoffe, daran halten Sie sich dann auch.