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"Tiroler Höhe" in Nürnberg Nazi-Partys und Anschlagspläne

Das NSU-Kerntrio traf sich mehrfach mit führenden Köpfen der Neonazi-Szene in Nürnberg. Das belegen gemeinsame Recherchen des Bayerischen Rundfunks und der Nürnberger Nachrichten. Die Szene befasste sich auch mit Anschlagsplänen.

Von: Martin Hähnlein

Stand: 19.04.2018

Gaststätte "Tiroler Höhe" in Nürnberg (Archivfoto) | Bild: Karlheinz Daut/Nürnberger Nachrichten

Drei der zehn Morde, die dem NSU zugeschrieben werden, wurden in Nürnberg verübt. Die genauen Gründe sind unklar, doch die Vermutung liegt nahe, dass es in Franken Mitwisser und Unterstützer gegeben haben muss, anders hätten die Opfer auch nicht ohne weiteres gefunden werden können, dafür waren die Morde zu akribisch geplant.

Bundesanwaltschaft sieht NSU als Trio

Ebenfalls noch ungeklärt ist die Frage, wer unmittelbar vor dem Auffliegen des NSU im November 2011 die Bekenner-DVD per Hand in den Briefkasten der Nürnberger Nachrichten geworfen hat. Nur gilt nach bisherigen Ermittlungen als sicher: Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des NSU-Kerntrios, kann es nicht gewesen sein. Obwohl sich der NSU in der Bekenner-DVD selbst als Netzwerk bezeichnet, geht die Bundesanwaltschaft weiterhin davon aus, dass es sich lediglich um ein Trio gehandelt hat. Das bestätigte die Behörde erneut auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks und der Nürnberger Nachrichten.

Militante Neonazis aus Mittelfranken

Dabei habe es bereits in den 1990er-Jahren etliche gewaltbereite Neonazis im Raum Nürnberg gegeben, bestätigt ein Aussteiger, den wir an einem geheimen Ort irgendwo in Deutschland treffen. Er war ein führender Kopf mit weitreichenden Kontakten. Heute lebt er außerhalb Bayerns. Der Ex-Neonazi erinnert sich noch gut an Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Schließlich seien die vor ihrem Abtauchen mehrfach in Nürnberg gewesen, berichtet er – oft in der "Tiroler Höhe", einer Gaststätte, die in den 1990er-Jahren schnell zum Treffpunkt für Neonazis aus ganz Deutschland wurde.

Eine Gaststätte wird zum Nazi-Treffpunkt

Auch die im NSU-Verfahren mitangeklagten Ralf Wohlleben und Holger G. seien des öfteren in die „Tiroler Höhe“ nach Nürnberg gekommen. Die Telefonnummer der "Tiroler Höhe" findet sich auch auf der sogenannten Garagenliste. 1998 entdeckten Ermittler in einer Garage in Jena neben Sprengstoff, mehreren Rohrbomben und Propagandamaterial auch eine Liste mit Kontakten von Gesinnungsgenossen. "Braune Seiten" für den Untergrund gewissermaßen.

Faschingsparty mit Folgen

Brisant: Auch bei einer berüchtigten Faschingsparty in der „Tiroler Höhe“ am 18. Februar 1995 war unserem Informanten zufolge auch das NSU-Kerntrio dabei. Als Antifa-Aktivisten sich vor der Kneipe versammelten, in der sich Polizeiangaben zufolge etwa 120 grölende Neonazis aufhielten, drohte die Lage zu eskalieren. Die Stimmung war derart aufgeheizt, dass die Polizei Unterstützung anforderte. Ein Großaufgebot der Polizei stürmte schließlich das Lokal und nahm etwa 60 Neonazis vorläufig fest.

Flucht durch die Hintertür

Darunter befanden sich viele polizeibekannte fränkische Rechtsextremisten, ihre Namen wanderten in den Polizeicomputer und wurden mit der Faschingsparty verknüpft. „Strukturermittlungen“ nennt die Polizei das. Die Methode soll den Ermittlern helfen, Kontakte einzelner Personen zueinander aufzuzeigen, die Reisetätigkeit und die besuchten Veranstaltungen zu dokumentieren. Die Namen einiger Teilnehmer aber fehlen, denn ihnen gelang die Flucht durch den Hinterausgang der "Tiroler Höhe", erinnert sich der Aussteiger. 

"Die Tiroler Höhe war auch ein Treffpunkt der NPD. Wir haben dadurch, dass da schon Kontakte bestanden, dort einen termin ausgemacht, an dem wir uns getroffen haben. Dazu sind kameraden aus Thüringen und dem gesamten Bundesgebiet zur Tiroler Höhe gekommen – auch Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe."

Neonazi-Aussteiger

Fürther Neonazi flieht vor Polizei

Aus Polizeiakten geht hervor, dass Uwe Mundlos nach der Stürmung durch die Polizei auf der Autobahn in eine Personenkontrolle geriet. Gegenüber dem Rechercheteam von Bayerischem Rundfunk und Nürnberger Nachrichten bestätigt der Informant, dass Mundlos bei der Faschingsparty war. Und damit nicht genug: Auch Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe haben seinen Angaben zufolge mitgefeiert und konnten sich rechtzeitig absetzen. Darüber hinaus nennt der frühere Neonazi einen weiteren Neonazi, der unerkannt entkommen konnte: Matthias Fischer aus Fürth. Sein Name steht ebenfalls auf der "Garagenliste". Recherchen von Bayerischem Rundfunk und Nürnberger Nachrichten zufolge befindet sich auf der Liste auch der Name von Fischers Schwägerin, auch sie wird der rechtsextremen Szene zugeordnet. Beide werden von der Bundesanwaltschaft nicht als Beschuldigte geführt.

Anschlag auf Justizzentrum geplant

Die Tatsache, dass einige Nazis Worten brutalste Morde folgen ließen und in den Untergrund abtauchten, überrascht Stefan K. nicht. In den 1990er-Jahren hätten sich bereits fränkische Neonazis mit dem Vorhaben befasst, ein Attentat auf das Nürnberger Justizgebäude auszuüben. Ein Anschlag auf jenen geschichtsträchtigen Ort, wo nach dem Zweiten Weltkrieg die Nazi-Kriegsverbrecher verurteilt worden sind – symbolbeladener kann eine von Antisemitismus getriebene Tat kaum sein.

"Taschenlampen-Bombe" als Test

Zwar blieb es in diesem Fall nur bei Worten, doch im Frühsommer 1999 explodierte in einer Kneipe in der Nürnberger Scheurlstraße eine taschenlampenähnliche Bombe und verletzte den türkischstämmigen Putzmann.

"Um zu wissen, dass dort Menschen mit türkischen Wurzeln arbeiten, muss man diesen Tatort ausspioniert haben. In Nürnberg gibt es eine hochaktive und gewaltbereite Naziszene und es liegt daher natürlich mehr als nahe, dass dieser Tatort – wie die anderen Tatorte auch – von Helfershelfern bekannt gemacht und so ausspioniert wurden."

Sebastian Scharmer, Rechtsanwalt und Nebenklagevertreter im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München

Inzwischen ist bekannt, dass die Tat als eine Art "Test" für die NSU-Mordserie galt. Interessant ist die Wahl des Tatorts: Die Scheurlstraße liegt nur etwa zwei Kilometer von der „Tiroler Höhe“ entfernt. Auch etliche der führenden Neonazis Frankens haben damals dort in der Nähe gewohnt. Die Ermittler wollen nicht an einen Zusammenhang glauben und konzentrieren sich stattdessen auf das Verfahren Gegen Zschäpe, Wohlleben und die anderen. Der Prozess wird voraussichtlich bis nächstes Jahr dauern. Die Theorie, der NSU habe nur aus drei Personen bestanden, scheint mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr haltbar zu sein.


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