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© Rafael Hernandez
Bildrechte: Rafael Hernandez

Ulrich Krieger – das Outfit lässt nicht darauf schließen, dass er aus Freiburg stammt.

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Zwischen Stille und Lärm – Ambient Jazz von Ulrich Krieger

Ulrich Krieger ist Saxophonist, Komponist, Musikprofessor in Kalifornien. Er hat mit Lou Reed in dessen Trio "Metal Machine" musiziert. Auf seinem neuen Album "236 Strings" widmet er sich einem Instrument, das er gar nicht spielt: dem Konzertflügel.

Von
Bernhard JugelBernhard Jugel

Wie entlockt man einem Flügel Töne und Klänge, ohne je die Tasten zu berühren? Bei dem Stück "Euphotic" führt Ulrich Krieger das vor: Zusammen mit einer Pianistin und einem Pianisten schlägt und zupft er die Saiten, streicht mit den Haaren eines Geigenbogens darüber oder mit einer Angelschnur an ihnen entlang oder er versetzt mit einem Ebow, einem eigentlich für E-Gitarren entwickelten Effektgerät, die Saiten elektromagnetisch in Schwingungen. Das Ergebnis ist eine geheimnisvoll wabernde, sich ständig verwandelnde Klangskulptur, die an Unterwasseraufnahmen denken lässt. Der Titel "Euphotic" verstärkt diese Assoziation noch, denn "euphotische Zone" nennt man die oberste, lichtdurchlässige Schicht eines Gewässers, in der noch Photosynthese möglich ist und Sauerstoff produziert wird.

Zwischen Neuer Musik und freiem Jazz

Auch in den Stücken seines Albums, in denen die bis zu 236 Saiten eines Konzertflügels ganz konventionell mit Hilfe der Klaviertasten angeschlagen werden, schafft es Ulrich Krieger, die Musik geheimnisvoll und mysteriös erscheinen zu lassen. Indem er den Fluss der Musik extrem verlangsamt, indem er Pausen zulässt, extremen Hall einsetzt oder in dem Stück "Hvergelmir" den Klang des von ihm selbst gespielten Altsaxophons so verfremdet, dass man sich nie sicher ist, ob das ferne Echo tatsächlich von einem Blasinstrument stammt oder nicht doch nur ein Nachklang der Klaviersaiten ist. Krieger wird auf diesem Album unterstützt von der Pianistin Vicki Ray, als Grenzgängerin zwischen Neuer Musik und freiem Jazz bekannt geworden, und von Danny Holt, von Kritikern gelegentlich als "musikalischer Extremsportler" bezeichnet, der hier bei einem Stück tatsächlich simultan und sehr virtuos den Flügel und diverse Perkussionsinstrumente spielt.

Ambient Jazz - Musik als klingende Landschaft

Ulrich Krieger hat für "236 Strings" Musik komponiert, die einerseits extrem entschleunigt ist und die geduldiges Zuhören verlangt, andererseits die Zeit, die man ihr widmet nimmt, mit einer einzigartigen Klangästhetik belohnt. Natürlich kann man sich fragen: Ist das noch Jazz? Und wo bleibt der Swing? Der Swing ist bei diesem Album hörbar auf Zeitlupentempo verlangsamt – aber wenn eines der wichtigsten Kriterien des Jazz ist, dass er sich immer wieder neue Spielweisen und Klangräume erobert, dann gehört dieses Album auf jeden Fall noch in den Bereich des Jazz. Analog zu dem von Brian Eno geprägten Begriff der "Ambient Music" könnte man die Musik auf Ulrich Kriegers neuem Album vielleicht als "Ambient Jazz" bezeichnen. "Ambient" ist bekanntlich all das, was einen umgibt und in den Titeln seiner Kompositionen bezieht sich Krieger häufig auf Naturerfahrungen - "Ambient Jazz" wäre also eine Art von Jazz, der die Zuhörenden umgibt wie eine klingende Landschaft.

"236 Strings" von Ulrich Krieger ist bei L’ST Records / Broken Silence erschienen.

© L’ST Records

Albumcover von "236 Strings"

© Marc Holley

Vicky Ray ist eine Grenzgängerin zwischen Neuer Musik und Jazz

© Scott Groller

Danny Holt spielt neben dem Klavier auch verschiedene Perkussioninstrumente.

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