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Sie wurde 96 Jahre alt: Die Wiener Dichterin Friederike Mayröcker

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    Zwischen Schreiben und Schweigen: Zum Tod Friederike Mayröckers

    Friederike Mayröcker lebte eine poetische Existenz zwischen Gegenwart und Erinnerung. Ihre Texte sind Sprachgewebe, in die alles einfließen konnte. Mit 96 Jahren ist "Die Mayröcker" jetzt in Wien gestorben.

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    Von
    • Cornelia Zetzsche

    Ihre Zettel, Bücher, Briefe, Notizen, Poster, Bilder füllten zwei Wohnungen in der Wiener Zentagasse, Küche, Bad und Schuhregal inbegriffen. Und mittendrin, durch dieses Sammelsurium wie von einem Ariadnefaden geleitet, tastete sie sich vor: Friederike Mayröcker. Avantgardistin. Dichterin, Ikone, Mythos, eine Legende schon zu Lebzeiten; Büchner-Preisträgerin und Nobelpreiskandidatin, Wiener Fabelwesen.

    "Die Mayröcker". Im Alter eine fast huschende Erscheinung. Schwarze Gestalt, schwarze Kleidung, schwarzer Pagenkopf, tiefer Pony, kajalgeränderte Augen, fast bis zuletzt ein mädchenhaftes Gesicht. 1924 In Wien geboren, in Wien aufgewachsen, in Wien zu Hause. Der Vater: Lehrer, die Mutter: Puppenmacherin, beide: schweigsam.

    Buchstäblich überall barg die Wohnung Fragmente der Erinnerung, Ablagerungen der Jahre, Relikte der Lektüre, Zettel mit Zitaten, die das Schreiben anregten. Was anderen ein Chaos scheinen mochte, war ihre ganz natürliche Ordnung, ein Labyrinth, das sie zum Arbeiten und Erfinden ihrer "Proeme" brauchte, dieser Mischung aus Prosa und Poem – bis zuletzt. Ihr jüngstes, letztes Jahr erschienenes Buch "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" – ein Triptychon mit solchen Kurztexten – belegt das.

    Poetische Existenz oder: "Lebensverschriftlichung"

    "Ich lebe ich schreibe", notierte Friederike Mayröcker einmal, ohne Punkt und Komma. Und: "Ich fühle mich nur am Leben, wenn ich schreibe". Das beschrieb ein Leben im Kokon. Text gewordenes Leben, eine "Lebensverschriftlichung". Das Innere äußerlich sichtbar. Musik erklang beim Schreiben im Hintergrund. Musik als Stimulans, früher Bach, dann Schumann, später Liszt, ein ganzes Jahr lang. Und mittendrin stand die Lebensgefährtin, flach, vier Kilo leicht, sechs Zentimeter hoch, reisetauglich, strapazierfähig, Schweizer Wertarbeit: eine Hermes Baby, die Schreibmaschine eines Max Frisch, eines Ernest Hemingway und der Mayröcker.

    Seit ihr Mann Ernst Jandl gestorben war, lebte Friederike Mayröcker vor allem für ihre Texte. Aber eigentlich schrieb sie nicht nur, sie lebte eine poetische Existenz zwischen Gegenwart und Erinnerung, Literatur und Musik, Experiment und Alltagsrealität, im Dialog mit Schriftstellerkollegen. "Das Warten ist was Wichtiges beim Schreiben", sagte sie einmal, und die Einsamkeit. Sie begann frühmorgens und lebte in der Welt ihrer Dichtung, beschrieb das Schreiben als Rausch, entrückt von der Wirklichkeit und war dann doch wieder ganz präsent in jüngeren Jahren, im Café Sperl, im Café Museum, im Tirolerhof.

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    Friederike Mayröcker, 2020

    Wer von ihren Texten einen Plot, eine Geschichte mit Handlung erwartet, wartet vergeblich. Das Narrative war ihr einerlei. "Mir geht es immer nur um die Sprache", sagte Friederike Mayröcker und spendete ihr Jungmädchen-Lächeln beim Blick in die Schreibwerkstatt, ihre Zettelhöhle mit den Ingredienzien ihrer Textgewebe, Gedichte, Prosa, Hörspiele, Kinderbücher und "Bricolagen". Erinnerungen und Assoziationen sind aneinander "gebastelt" ("bricoler"). Motive entfalten sich, wiederholen sich, entwickeln einen Rhythmus und Sog. Gesprächsfetzen, Traumsequenzen, Begegnungen, Erlebnisse, Reisen, Kindheitsmuster alles amalgamiert zu einem Bewußtseinsstrom, einer "Mitschrift des Lebens", wie der Lyriker Nico Bleutge das einmal nannte.

    Textgewebe oder: "Mitschriften des Lebens"

    Seit "Larifari" 1956 und "Tod durch Musen", dem Durchbruch 1966, erschienen an die 100 Werke. Alle mit rätselhaft schönen Titeln wie "Und ich schüttelte einen Liebling", das Liebes- und Abschiedsbuch, oder "brütt oder Die seufzenden Gärten", ein später Roman. Nahezu alle in Verbindung zu anderen Autoren, mit Verweisen, Widmungen, Zitaten. Gespräche ohne Gegenüber, fiktive Dialoge mit Hölderlin alias Scardanelli, mit dem Dichter Francois Ponge oder dem Philosophen Jacques Derrida und all den anderen. Und immer wieder mit EJ., Ernst Jandl, der im Juni 2000 starb, ihrem "Hand- und Herzgefährten".

    Zwei sehr ungleiche Wesen, aber Jahrzehnte zusammen. Zwei Hälften eines berühmten Paares. "Er war ein Dichter, der vom Himmel gefallen ist. Und ich war ein schreibender Mensch, der sich das sehr mühsam erkämpfen mußte, die ersten Sachen", sagte sie. "Ich sitze nur grausam da", heißt es in ihrem "Requiem" für Ernst Jandl, ein Inbild der Trauer, ein Zwiegespräch. Mit "Paloma" schrieb sie eine Serie von Briefen an den "lieben Freund". "Vom Umhalsen der Sperlingswand oder ein Schumannwahnsinn" verbindet die Notate von Clara Schumann mit der eigenen Totenklage. Immer schien Jandl gegenwärtig, immer war ihre Gegenwart durchlässig für die Vergangenheit, die Erinnerung. Die Wirklichkeit der Friederike Mayröcker war eine andere.

    Vor über 40 Jahren sagte eine polnische Wahrsagerin Friederike Mayröcker ein "langes Leben und Einsamkeit" voraus. Gegen die Einsamkeit war ein dichtes Netzwerk aus Freunden, Bekannten, Kollegen, Bewunderern geknüpft. Das lange Leben ist nun in Erfüllung gegangen.

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