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Kultur

Zwischen Call-Center und Rucola: "Brachland" in Eggenfelden | BR24

© Theater an der Rott

Rüdiger Bach als Mark Erhardt

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Zwischen Call-Center und Rucola: "Brachland" in Eggenfelden

Mit zwei Jobs schuftet sich Mark Erhardt durchs Leben: Als Telefon-Verkäufer und Garten-Helfer, aber die Rente wird nicht reichen. Brian Lausund schrieb den Monolog eines überraschend lesefreudigen Wutbürgers. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Es gibt zweifellos jede Menge Wut in Deutschland – schlimmstenfalls sogar mehr Wut als Bürger. Woher die kommt, diese ganze Wut, darüber hat sich der in Seattle geborene und derzeit am Bodensee lebende Autor und Kabarettist Brian Lausund in seinem Monolog-Stück „Brachland“ für das Eggenfeldener Theater an der Rott Gedanken gemacht. Inhalt: Der ostdeutsche Buchbinder Mark Erhardt, der auf behördlichen Rat zwischenzeitlich zur „Fachkraft für Dialog-Marketing“ umgeschult hat, also am Telefon überflüssige Dinge an hilflose, alte Leute verhökert, quatscht sich 70 Minuten seinen Frust vom Leib.

Biedermeier-Tisch für 200 Euro

Er schimpft auf Politiker und Manager, nörgelt an der modernen Kunst und am Regietheater herum, lobt den deutschen Schlager und fragt sich, wo das alles hinführen soll mit Gier, Egoismus und Ausländern. Die Rente, soviel ist sicher, wird nicht reichen, und in der Ein-Zimmer-Wohnung ist ein Biedermeier-Tisch im Wiederverkaufs-Wert von 200 Euro das einzige, was ihm geblieben ist – denn die Freundin verlangt für das gemeinsame Kind Roland „Ronny“ Unterhalt. Also hält sich Mark Erhardt mit zwei Jobs über Wasser, hängt fünf Tage in der Woche am Telefon und hilft am Wochenende in einer Gärtnerei „Rucola“-Salat setzen.

Video-Botschaft und Urschrei

Das alles ist in der Regie von Theaterchef Uwe Lohr eine turbulente Mischung aus Fastenpredigt, Video-Botschaft, Selbsterfahrungstherapie und Urschrei. Rüdiger Bach spielt das furios, mal unwirsch polternd, mal zögernd, mal ätzend, selten lautstark und aggressiv, keineswegs dröhnend, eher verletzlich, also nicht so, wie Rechtspopulisten aller Schattierungen gemeinhin auftreten. Insgesamt ist der Tonfall eher bekümmert, enttäuscht, frustriert. Dieser Mark Erhardt will wissen, was er falsch gemacht hat, und argwöhnt, dass er betrogen wurde – vom Westen, von der Politik, von der Elite. Denn sie alle denken offenbar nur an sich und stellen das Volk ruhig, genießen klimatisierte Büros, üppige Pensionen und setzen sich in die "Toskana" ab. Das will diesem Mark nicht unter seine beeindruckend borstige Vokuhila-Frisur gehen, das regt ihn auf, da droht er offen mit dem Faschismus.

Kennen Wutbürger "Macbeth"?

Das Problem daran: Diese Figur wird trotz Rüdiger Bachs authentischem, ja eruptivem Spiel nicht wirklich glaubwürdig, viel zu sehr ist das Ganze mit einer intellektuellen Attitüde geschrieben. Welcher ostdeutsche Wutbürger zitiert schon Walter Benjamin, predigt das „Biedermeier“, liest Bücher, preist ihre Fadenheftung und macht sich Gedanken über „Macbeth“-Inszenierungen? Klar, Lausund wollte Stereotypen vermeiden, nicht ins Klischee abdriften und keinen rabiaten Schreihals zeigen, sondern jemanden, der sich wirklich bemüht hat, alles „richtig“ zu machen, und sich dann beim Blick auf die Renten-Prognose doch nur „verarscht“ vorkommt.

Panik des Mittelstands

Doch um das glaubwürdig zu machen, hätte dieser Mark viel weniger allgemein und noch dazu akademisch schwadronieren und detailreicher aus seinem Leben erzählen müssen, von seinen Träumen, seinen Leidenschaften, seinen Kunden und Chefs. Es wäre auch passender gewesen, statt einen „zugezogenen Ostdeutschen“ einen niederbayerischen Wutbürger auf die Bühne zu bringen – schließlich kommt die AfD in dieser Gegend ja auch auf Rekordwerte. Und es ist ja auch ein Trugschluss zu meinen, nur die „Abgehängten“, die sich mit Minijobs durchbeißen müssen, würden auf Populisten hereinfallen. Im Gegenteil: In Panik verfallen ja Teile des Mittelstands, die sich um Zweitwohnung, Zweitwagen und Zweiturlaub sorgen.

Fernseh-Kampfarena als Bühnenbild

Dennoch eine Anstrengung, die jeden Respekt verdient, zumal das Theater nach jeder Aufführung Diskussionen anbietet. Zu befürchten ist allerdings, dass die Leute mit ihrer Wut nicht ins Theater gehen, sondern ins Internet. Schade: In der Fernseh-Kampfarena, die Ausstatter Gerrit von Mettingen für „Brachland“ entworfen hat, könnten sich alle Blogger und Influencer prima wohlfühlen.

Wieder am 5. und 6. Mai 2018.

© Theater an der Rott

Rüdiger Bach