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Zwischen Angst und Verdrängung - was in der Krise hilft | BR24

© picture alliance/Frank May

Eine Frau genießt die Sonne

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    Zwischen Angst und Verdrängung - was in der Krise hilft

    Die Anrufe beim Krisendienst Psychiatrie in Oberbayern haben sich in den letzten Wochen verdoppelt. Die Corona-Zeit geht an der Seele nicht spurlos vorbei. Was aber kann helfen, um die Seele gesund zu halten?

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    3096 Tage, acht Jahre, war sie in Gefangenschaft, viel Zeit davon eingesperrt in einem Fünf-Quadratmeter-Verlies im Keller ihres Entführers. Oft sperrte er sie im Dunkeln ein. Das letzte Mal in Freiheit war sie, als sie noch ein Schulkind war. Doch als Natascha Kampusch kurz nach ihrer Flucht im Fernsehen auftritt, entspricht diese 18-Jährige so gar nicht dem Bild eines gebrochenen Gewaltopfers. Zu sehen ist eine reflektierte junge Frau, der die jahrelange Isolation scheinbar kaum etwas ausmachte.

    Warum meistern manche Menschen Krisen besser als andere?

    "Ich werde einfach geächtet, ich bin für mein Leben geächtet. Ich hab einen Stempel auf der Stirn, wo drauf steht Gewaltopfer. Es wird mir nie oder selten jemand wertfrei begegnen können", sagt sie in einer Dokumentation über ihre Gefangenschaft und ihre wiedererlangte Freiheit. Die junge Frau wirkt so gefestigt, dass Experten streiten, ob das sein kann – nach so einem unermesslichen Leid.

    Wie kann es sein, dass manche Seelen an scheinbar deutlich kleineren Krisen zugrunde gehen, andere aber größte Katastrophen erstaunlich stabil überleben? Diese Fragen untersucht die Psychologin Donya Gilan am Leibniz-Resilienz-Zentrum in Mainz, unter anderem, um herauszufinden, was die Seele in Corona-Zeiten stark macht. Dazu zählt Donya Gilan etwa realistischen Optimismus: "Dass uns klar ist, dass diese Krise auch in eine andere Lage wieder einmünden wird, dass Krisen generell zeitlich begrenzt sind und Gesellschaften sich danach wieder neu konstituieren werden. Vielleicht auch mit neuen Errungenschaften."

    Resilienz ist teilweise genetisch bedingt - sie lässt sich aber auch entwickeln

    Außerdem sei es wichtig, die Situation (so wie sie jetzt ist) anzunehmen - aber darüber nicht in Verzweiflung und Hilfslosigkeit zu verfallen. Man solle sich dem zuzuwenden, was möglich ist – also nicht ärgern, dass Kinos, Restaurants und Fitnessstudio geschlossen sind und der Osterurlaub ins Wasser gefallen ist, sondern stattdessen das Joggen im Wald für sich entdecken oder die virtuellen Möglichkeiten, ein Familientreffen zu organisieren. Sich selbst als wirksam zu erleben, sei momentan nicht in der gewohnten Weise möglich. Wer mit solchen Unsicherheiten umgehen könne, tue sich momentan leichter, so die Psychologin:

    "Es gibt natürlich einen großen Teil, der genetisch bedingt ist, und die Genetik entwickelt sich auch durch Umwelteinflüsse. Man muss aber ganz klar herausstellen, dass der Umgang mit Krisen, wie wir sie jetzt haben, ganz besonders die Resilienz entwickeln. Weil man merkt, welche Ressourcen man hat, welche Schwächen man hat, in welchen Bereichen man sich Hilfe holen muss. Und man stößt sehr schnell an Grenzen innerhalb von Krisen und das setzt eben einen Prozess in Gang, der dazu führt, dass man auch neue Kompetenzen entwickelt."Donya Gilan, Psychologin

    Sich selbst etwas Gutes tun

    Zu erleben: Ich kann Home-Office und gleichzeitig Home-Schooling machen, auch wenn es anstrengend ist, diese Erfahrung kann die Seele stärken. Zu erleben, dass es zwar schade ist, dass Ostern anders gelaufen ist, als in den Jahren zuvor, aber dass es nicht der Weltuntergang war – auch so eine Erfahrung kann mich persönlich weiter bringen. Das Gefühl, eine Krise gemeistert zu haben, stärkt.

    Auch die Konzentration auf das Wesentliche hilft. Dazu gehört auch, gut für sich zu sorgen, sich etwas Gutes zu tun, wie Karl-Heinz Möhrmann aus eigener Erfahrung weiß. Seine Frau leidet an einer bipolaren Störung. Er selbst vertritt die Interessen Angehöriger psychisch Kranker in Bayern. In der aktuellen Ausnahmesituation könnten aber auch psychisch stabile Menschen von therapeutischen Empfehlungen lernen, meint er: "Meine Regel ist, es ist wichtig, sich selber jeden Tag etwas Gutes zu tun. Und das kann man auch regelrecht planen, man kann einen Zettel nehmen und draufschreiben: 'Mit was kann ich mir morgen eine Freude machen?' Es wird ja irgendeine Kleinigkeit geben, ob man jetzt ein Buch liest, ein Glas Wein trinkt, eine CD hört oder mit einem Freund, einer Freundin telefoniert."

    Den Tag strukturieren

    Wichtig seien auch Corona-freie Zeiten, betont Barbara Holzmann. Sie betreut beim Sozialpsychiatrischen Dienst der Diakonie in Immenstadt Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen. Was sie ihnen rät, könnte auch für den Rest der Bevölkerung empfehlenswert sein, meint sie: "Da ist von unserer Seite in unserer Beratung eher, dass man ihnen den Nachrichtenkonsum deutlich zu reduzieren, wirklich nur einmal am Tag Nachrichten anschauen und mit ihnen auch schauen, dass sie am Tag in einer Struktur bleiben: Geh ins Bad, wasch dich, zieh dich an. Geh zum Frühstücken, geh danach an die frische Luft."

    Die ganze Welt im Ausnahmezustand - das gab es noch nie

    Denn was man bislang aus Forschungen zur Quarantäne weiß: Menschen in Quarantäne leiden unter erhöhtem psychischem Stress, vermehrt unter Ängsten, auch das Risiko, eine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, sei erhöht. Allerdings haben all diese Studien einen methodischen Haken: Die Ergebnisse sind nicht wirklich übertragbar auf die jetzige Situation. Dass sich eine ganze Bevölkerung, fast die ganze Welt, derzeit in einem Ausnahmezustand wiederfindet, habe es noch nie gegeben. Am Mainzer Leibniz-Institut für Resilienzforschung gibt es daher aktuell eine umfangreiche Befragung. Bislang wurden dafür 1.000 Personen in drei Wellen untersucht.

    Was helfen könnte: eine bessere Kommunikation der Bundesregierung

    Donya Gilan sagt zu der Studie: "Zum aktuellen Zeitpunkt kann man sagen, dass die deutsche Bevölkerung sich sehr gut an die Schutzmaßnahmen hält – unabhängig davon, wie ängstlich, wie niedergeschlagen und eben auch wie resilient Menschen sind. Menschen passen sich sehr gut den proklamierten Schutzmaßnahmen an. Zum anderen hat man festgestellt, dass resilientere Menschen besser mit der neuen Tagesstruktur, mit dem Setzen von neuen Routinen zurecht kommen, sie empfinden weniger Langeweile und sie sind eben viel flexibler im Denken und Handeln, was die Anpassung der täglichen Routine an diese veränderte Situation betrifft. Und dadurch kommen sie eben auch in positivere Stimmung."

    Umgekehrt sei die Situation für Menschen mit psychischen Vorerkrankungen wie Angst oder Depressionen deutlich schwieriger. Helfen könnte ihnen, aber auch der Bevölkerung ganz allgemein eine bessere Krisenkommunikation der Bundesregierung. Die sei derzeit ausbaufähig, so Donya Gilan: "In der Bevölkerung gibt es viele Menschen, die sich mit Zahlen, Statistiken, mit Daten, mit Zahlen, mit wissenschaftlichen Zusammenhängen nicht so gut auskennen. Und da wäre es angezeigt, Informationen herunterzubrechen."

    Psychologin Donya Gilan: Sich nur aufs Positive zu konzentrieren ist auch nicht angebracht

    Die Menschen hätten Angst und das müsse auch wahrgenommen werden – und zwar nicht allein mit nüchternen, sachlichen Reden. Schon häufigere Ansprachen könnten helfen. In Südafrika, das deutlich mehr mit der Krise zu kämpfen habe, würde der Präsident täglich zum Volk sprechen. Das könne Zusammenhalt stärken. Und der sei wichtig: Das Gefühl, nicht allein gelassen zu sein. Dennoch betont die Forscherin: Blindes Verdrängen und reines sich auf die positiven Seiten zu konzentrieren, sei auch nicht angebracht. Immerhin handle es sich derzeit um massive Grundrechtseinschränkungen. Realistischer Optimismus bedeutet: die Balance finden zwischen kritischem Denken und Zuversicht.