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"Zwingli" zeigt den Reformator als sinnenfreudigen Humanist | BR24

© Bayern 2

Vor 500 Jahren kam der Theologe ans Zürcher Großmünster und verhalf der Reformation auch in der Schweiz zum Durchbruch. Zum Reformationstag kommt ein Film über den Reformator in die Kinos: "Zwingli".

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"Zwingli" zeigt den Reformator als sinnenfreudigen Humanist

Vor 500 Jahren kam Ulrich Zwingli ans Zürcher Großmünster und verhalf der Reformation auch in der Schweiz zum Durchbruch. Zum Reformationstag kommt ein Film über den Reformator in die Kinos, der mit manchem Klischee über den Theologen aufräumt.

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Nein, wir sind nicht in Wittenberg, wir sind in Zürich. Ulrich Zwingli ist 35 Jahre alt und seit 1. Januar 1519 neuer Priester am Zürcher Großmünster. Wenige Wochen zuvor hatte er zum ersten Mal von einem gewissen Martin Luther gehört, der mit seinen 95 Thesen Kirche und Lehre reformieren wollte, und damit den Kaiser und Rom gegen sich aufgebracht hatte. "Als er nach Zürich kam, muss er für sich entschieden haben: 'So und jetzt in Zürich, da beginne ich jetzt, Deutsch zu predigen.' Und da beginne ich jetzt, das Matthäus Evangelium ganz von Beginn weg, durch jeden Sonntag ein weiteres Stück daraus zu erzählen'", sagt Regisseur Stefan Haupt. Für ihn ist diese Szene der Startpunkt der Reformation des Ulrich Zwingli. Sozusagen der Zürcher Thesenanschlag.

Finsterstes Mittelalter gegen aufgeklärte Reformation

Genauso wenig wie Martin Luther wollte Ulrich Zwingli die Kirche spalten. Er wollte eine Kirche und eine Gesellschaft reformieren, die im Mittelalter stecken geblieben waren. Ablasshandel und Aberglauben florierten auch in Zürich. Und das aus zahlreichen Reformationsfilmen bekannte Schema wird auch in der Schweizer Variante bemüht: Finsterstes Mittelalter gegen aufgeklärte Reformation.

In seinem Film lässt Stefan Haupt die Bigotterie und Ungerechtigkeit der spätmittelalterlichen Ständegesellschaft wieder auferstehen. Die Kleriker prozessieren in pelzbesetzten Roben durch die Stadt, und ihre Lakaien halten das bettelnde und hungernde Volk auf Distanz. Dass all das mit der Bibel nicht zu vereinbaren ist, muss Zwingli schon früh aufgefallen sein. Er hat sich Griechisch selbst beigebracht, um das Neue Testament im Original zu lesen.

© Copyright W-Film / C-Films

"Zwingli": Maximilian Simonischek spielt den Schweizer Reformator.

Humanist mit Bodenhaftung

"Der ist in 20 Tagesmärschen, mit 15 Jahren nach Wien zu Fuß gegangen, um dort zu studieren, war in Basel bei Erasmus. Er war begeisterter Anhänger des Humanismus, aber auch der alten Griechen. Der war für mein Gefühl schon ein sehr urbaner, moderner Typ. Dennoch mit Bodenhaftung, weil er ja aus einem Bauerndorf stammte", sagt Stefan Haupt. Stichwort Bodenhaftung. Max Simonischek spielt einen ziemlich sympathischen Zwingli. Die Nachwelt hat den Theologen als eher verkniffenen Menschen in Erinnerung. Das ist eines der Klischees, mit dem Haupt aufräumen wollte: Der lust- und sinnenfeindliche Reformator war er nicht, sagen auch die Forscher. Zwingli hat komponiert, mehrere Instrumente gespielt und war ganz ein Mann dieser Welt. "Und insofern haben wir einfach die Dinge gezeigt, die uns wichtig waren an Zwingli, ohne einfach ein schönfärberisches Bild zu zeigen. Wie er sich verliebt, wie er auch mit seiner Frau zusammen Kinder hat und ein Leben führen will, wie er es sich vorstellt, dass es eigentlich in der Bibel gemeint ist."

Der Film wendet das negative Zwingli-Bild

Frühjahr 1522, es ist Fastenzeit. Und trotzdem gibt es im Haus des Buchdruckers Christoph Froschauer Wurst. Mit Zwinglis Segen und Unterstützung. Seine Flugschrift "Von der Freiheit der Speisen" rechtfertigt den Tabubruch. Doch im kollektiven Gedächtnis der Schweiz hat sich ein anderes Zwingli-Bild erhalten: ernst, sittenstreng, kämpferisch (er starb bei einer Schlacht!). Der Film "Zwingli" zeigt die andere, und uns heute deutlich sympathischere Seite dieses Mannes, findet Niklaus Peter, Pfarrer in Zürich: "Ich würde zu behaupten wagen, dass dieser Film auf gute Weise das negative Zwingli-Bild gewendet hat. Und da bin ich echt dankbar. Denn bis in die Schichten unserer eigenen Kirche, unserer Professionals hinein war ein negatives Zwingli-Bild in unseren Köpfen, bei vielen Leuten."

Der Film über Ulrich Zwingli wurde im Jubiläumsjahr der Zürcher Reformation – zur Überraschung aller Beteiligten – zum Kassenschlager in den Schweizer Kinos. Dem deutschen Publikum bietet er mal einen anderen Blick auf die Reformation. In epischer Länge, mit einem gewissen Hang zur Vollständigkeit. Aber in jedem Fall sehenswert.

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