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Zwei Jahre nach #MeToo: Anne Wizorek über Weinstein, Wedel & Co | BR24

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Was hat sich gut zwei Jahre nach Beginn der MeToo-Debatte verändert?

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Zwei Jahre nach #MeToo: Anne Wizorek über Weinstein, Wedel & Co

Harvey Weinstein und #MeToo, diese Begriffe sind fest miteinander verknüpft. Morgen beginnt der Prozess gegen den Filmmogul, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden. Aber was hat sich zwei Jahre nach Beginn der MeToo-Debatte eigentlich verändert?

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In New York beginnt morgen ein Prozess, den die Weltöffentlichkeit aufmerksam verfolgen wird: Vor Gericht steht der Filmmogul Harvey Weinstein, gegen den über 80 Frauen aus der Filmbranche Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe vorgebracht haben. Verhandelt werden allerdings nur zwei Vorfälle aus den Jahren 2006 und 2013, bei denen sich die Anklage offensichtlich die besten Chancen auf eine Verurteilung Weinsteins erhofft. Mit dem Fall Weinstein kam vor gut zwei Jahren die MeToo-Debatte ins Rollen.

Prominente Fälle hierzulande: Fernseh-Regisseur Dieter Wedel sowie Siegfried Mauser, ehemaliger Präsident der Hochschule für Musik und Theater in München. Gegen Wedel ermittelt die Staatsanwaltschaft, Mauser wurde im vergangenen Herbst wegen sexueller Nötigung verurteilt.

Ein Gespräch mit Digitalexpertin Anne Wizorek, die bereits 2013 unter dem Hashtag #aufschrei Erfahrungen mit Sexismus und sexueller Gewalt gegenüber Frauen gesammelt und publiziert hat:

Christoph Leibold: Frau Wizorek, in der Causa Weinstein hatte man das Gefühl, da war die Blase zum Bersten voll, dann wurde endlich hineingestochen und danach gab es kein Halten mehr. Auch andernorts platzten überall solche Blasen. So unerfreulich das war, was da ans Tageslicht kam, war das auch ein Befreiungsmoment, der dem Thema endlich die überfällige Sichtbarkeit verschafft hat?

Anne Wizorek: Ja, absolut. Es geht hier um tiefgreifende gesellschaftliche Probleme, also Sexismus und das Symptom der sexualisierten Gewalt. Die sind einerseits omnipräsent, aber eben auch immer noch stark tabuisiert. Gerade bei Weinstein haben wir das gesehen. Er hat über Jahrzehnte ein System aufgebaut, das das gedeckt hat. Es geht ja nicht nur um ihn als Einzelperson, sondern auch dieses ganze System dahinter. Insofern ist es wichtig, dass das an die Öffentlichkeit gekommen ist. Das sind tiefgreifende gesellschaftliche Probleme, und diese können wir erst lösen, wenn wir darüber sprechen, wenn wir sie ans Tageslicht zerren.

© dpa

Anne Wizorek nach der Aufzeichnung der Talkshow "Hart aber fair" am 07.09.2015 in Berlin

Hat sich durch die breit geführte MeToo-Debatte konkret etwas verbessert in Ihren Augen?

Das ist schwierig zu beantworten, es ist ein Ja und ein Nein. Einerseits hat sich natürlich etwas verbessert: Ich arbeite eng zusammen mit dem Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, dem BFF, und die haben ein großes Projekt zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Die haben unfassbar viele Anfragen dazu. Immer mehr Organisationen und Betriebe kümmern sich darum und merken: "Hey, wir müssen uns weiterbilden, wir müssen uns sensibilisieren und diese Angebote in Anspruch nehmen." Das ist natürlich super, denn da verändert sich gerade viel im Hintergrund, was die breite Öffentlichkeit vielleicht erst mal nicht so zu sehen bekommt.

Gleichzeitig ist das immer noch nicht genug. Wir haben immer noch das Problem, dass generell, wenn es um Gewalt gegen Frauen und geschlechtsspezifische Gewalt geht, nicht genug Gelder da sind und freigegeben werden, um solche wichtigen Arbeiten zu machen. Und es braucht eben auch noch viel mehr Aufklärungsarbeit und Präventionsarbeit vorher. Also wir reden vor allem über die Taten, wenn sie passiert sind. Aber wir reden noch viel zu wenig darüber, wie wir eigentlich dafür sorgen können, dass es erst gar nicht diesen Nährboden dafür gibt. Und da sind wir noch nicht weit genug.

Sie haben ja auch viel über den alltäglichen Sexismus publiziert. Solche monströsen Fälle wie bei Weinstein: Verstellen die vielleicht auch den Blick dafür, worum es auch noch geht? Weil manche argumentieren: So eine anzügliche Bemerkung am Arbeitsplatz, das ist ja ein Kavaliersdelikt und total harmlos im Vergleich zu dem, was Weinstein getan hat.

Ja, das eine ist das Extrem, das Monster schlechthin, und alles andere wird verharmlost. Da wird nicht geschaut, dass das auch schon dazugehört zu diesem besagten Nährboden. Von daher müssen wir auch aufpassen, dass wir diese Taten und Übergriffe nicht erst schlimm finden, wenn es so extrem ist wie bei Weinstein. Oder auch zum Beispiel im Fall von Dieter Wedel, wobei mit ihm letztendlich anders umgegangen wurde in Deutschland.

Inwiefern?

Aktuell ist darüber zum Beispiel nicht mehr viel zu hören. Und im letzten Jahr hat Jany Tempel, eine der Frauen, die als erste publik gegangen ist, einen Blogpost geschrieben. Darin war sie extrem frustriert darüber, dass es einen Punkt der Aufmerksamkeit gab, der danach abgeebbt ist. Und ihr wurde dann von Journalisten gesagt, der "MeToo- Trend" sei vorbei. Aber hier geht’s ja wirklich nicht um einen Trend. Hier geht es um unsere gesellschaftlichen Zustände. Und da müssen wir ganz anders mit umgehen.

Sehen Sie auf der anderen Seite auch eine Gefahr, dass die MeToo-Debatte übers Ziel hinausschießt? Denn es ist auch oft so: Vorwürfe, die in der Welt sind, selbst wenn sie sich dann doch nicht erhärten, können Karrieren und Leben zerstören.

Aber was ist mit den Karrieren und Leben der betroffenen Frauen? Über die wird kaum noch nachgedacht. Es geht immer direkt darum: Was bedeutet das für die Männer? Im Grunde ist man schon diesen Schritt weiter – wie können wir ihnen am besten vergeben? Und so kraftvoll #aufschrei oder auch #metoo waren und sind: Gerade in den USA haben wir immer noch einen Donald Trump als Präsidenten, dem auch ganz klar sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, mehrfach. Und kurz danach wurde Brett Kavanaugh in den Supreme Court gewählt. Ihm wurde sogar eine Vergewaltigung vorgeworfen.

Ich weiß immer nicht, was mit diesem "übers Ziel hinausschießen" gemeint sein soll, wenn immer noch absolut extreme Zustände herrschen. Wenn Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben und damit an die Öffentlichkeit gehen, immer noch dafür angegriffen werden – und gleichzeitig noch nicht mal zwingend die Chance haben, auch eine Form von Gerechtigkeit zu erfahren. Wir haben es in Deutschland auch gesehen: Siegfried Mauser ist ein verurteilter Sexualstraftäter, er muss ins Gefängnis. Und trotzdem hat er noch zum Geburtstag eine Festschrift bekommen von Kolleginnen und Kollegen, die ihn gefeiert haben und total verharmlost haben, was er gemacht hat. Also müssen wir auch mal schauen, was hängt noch alles als gesellschaftliches System mit dran, um diese Männer letztendlich doch wieder zu stärken und zu schützen und zu verharmlosen, was da passiert ist.

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