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Bildrechte: Hasan Esen/Picture Alliance

Schlagzeilen um Diana: Die britischen Zeitungen sind aufgebracht

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    "Zutiefst beschämt": Schwere Krise der BBC wegen Diana-Interview

    Es geht um Erpressung und Betrug: Kultur- und Justizminister sind alarmiert, die Presse tobt, Dianas Bruder verlangt Aufklärung und die britische Medienaufsicht Ofcom will sich einschalten: Nach schockierenden Enthüllungen steht die BBC am Pranger.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Die Sache ist ernst - so ernst, dass der frühere BBC-Chef Lord Tony Hall am Samstag sogar seinen ehrenamtlichen Vorsitz im Aufsichtsrat der britischen National Gallery niederlegte, Begründung: Er wolle Schaden von der Institution abwenden, die wegen ihm ansonsten Negativschlagzeilen riskiere. Hall war Nachrichten-Direktor der BBC, als 1995 Prinzessin Diana ausführlich interviewt wurde - wie sich jetzt herausstellte, unter höchst zweifelhaften Umständen. "Die Vorfälle von vor 25 Jahren bedauere ich", so das geadelte Mitglied des Oberhauses, "und ich finde, Führungsstärke bedeutet, Verantwortung zu übernehmen." Hall, der sich seit seinem Einzug ins Oberhaus im März 2020 "Baron Hall of Birkenhead" nennen darf, war von 1990 bis 2001 für die aktuelle Berichterstattung der BBC verantwortlich, leitete von 2001 bis 2012 die Königliche Oper in London und danach bis vergangenen August die gesamte BBC.

    Journalisten forschten Diana hinterhältig aus

    Er wird mitverantwortlich dafür gemacht, dass Prinzessin Diana seinerzeit von BBC-Mitarbeitern offenbar systematisch unter Druck gesetzt, ja sogar erpresst wurde, um sie zu einem quotenstarken TV-Geständnis zu zwingen. Fast 23 Millionen Briten sahen am 20. November 1995 das Gespräch zwischen BBC-Reporter Martin Bashir und der damaligen Ehefrau von Prinz Charles. Es war ein Meilenstein des TV-Journalismus, denn so offen wie nie sprach Diana über ihre Ehekrise und ihre seelischen Befindlichkeiten. Doch jetzt stellte sich heraus, das die Begleitumstände, die zu der in der ungeschnittenen Version rund vierstündigen Begegnung geführt hatten, äußerst fragwürdig waren. Nach dem als "Dyson-Report" bezeichneten Untersuchungsbericht, der nach dem früheren Richter Lord John Anthony Dyson am britischen Supreme Court benannt wurde, wurde Diana hinterhältig ausgeforscht und mit Falschinformationen gefüttert, um sie dazu zu bringen, vor die Kamera zu treten.

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    Bildrechte: David Parry/Picture Alliance

    Sir Tony Hall, Baron of Birkenhead

    So soll ihr der Reporter Bashir gefälschte Banküberweisungen gezeigt haben, die von einem Grafikdesigner der BBC angefertigt worden sein sollen und angeblich Zahlungen an Presseleute belegen sollten, die sie ausspionieren sollten. Die BBC steht inzwischen unter höchstem Rechtfertigungsdruck, zumal sie Bashir, der den Sender 1999 verlassen hatte, 2016 wieder einstellte, diesmal als Kirchenredakteur. Kurz vor der Veröffentlichung des Dyson-Reports kündigte Bashir erneut. Julian Knight, der Vorsitzende des Unterhaus-Ausschusses für Medien und Digitales, verlangt von der BBC nun kategorisch Aufklärung darüber.

    Angst, Verfolgungswahn, Einsamkeit

    Premierminister Boris Johnson zeigte sich am Freitag "äußerst betroffen" über die Enthüllungen und sagte, er könne sich nur ansatzweise in die Gefühle der königlichen Familie hineinversetzen und hoffe inständig, dass die BBC alles unternehme, um die Wiederholung eines solchen Vorfalls unmöglich zu machen. Die Prinzen Harry und William hatten sich entsetzt gezeigt über die zu Tage getretenen Fehlleistungen der BBC und den Sender für den Tod ihrer Mutter mitverantwortlich gemacht, indem Journalisten "ihre Angst, ihren Verfolgungswahn und ihre Einsamkeit" befördert hätten.

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    Bildrechte: BBC Screenshot/Picture Alliance

    Diana beim Interview

    Kulturminister Oliver Dowden lässt rechtliche Änderungen untersuchen, um die BBC vor abermaligen derartigen Fehltritten zu bewahren. Justizminister Robert Buckland versicherte, die britische Regierung werde die Ergebnisse des Dyson-Reports "sorgfältig und umfassend" prüfen. Im nächsten Jahr soll das Gebaren der BBC turnusgemäß ohnehin auf den Prüfstand kommen, im Rahmen eines Zehn-Jahres-Programms zur Unternehmensführung. Im Unterhaus steht die BBC ohnehin rundfunkpolitisch unter enormem Druck, weil Abgeordnete dem Sender vorwerfen, er kümmere sich nicht ausreichend um sein Publikum und sei zu lethargisch, was zum Beispiel die Konkurrenz von Netflix betreffe.

    Die britische Medienaufsicht Ofcom kündigte Schritte an, die "Transparenz und Verlässlichkeit" der BBC eingehend zu untersuchen. Der frühere BBC-Mitarbeiter Tim Suter, der 1996 mit der mangelhaften Aufklärung der Umstände des Diana-Interviews befasst gewesen war, trat "in gegenseitigem Einvernehmen und mit sofortiger Wirkung" aus dem Vorstand der Ofcom zurück. Die Londoner Polizei hatte zwar zunächst entschieden, sich nicht mit den Resultaten der Studie zu befassen, inzwischen wandte sich jedoch Dianas Bruder Earl Spencer an Polizeichefin Cressida Dick und drängte auf Ermittlungen wegen Erpressung und Betrug. Jetzt will die Polizei sichergehen, dass es "wirklich keine neuen Erkenntnisse" im Dyson-Report gibt.

    Gefährdet "Enthüllungs-Wahnsinn" die BBC?

    Das frühere Gremienmitglied der BBC, Sir Michael Lyons warnte davor, es bestehe die Gefahr, dass im Zuge der ausufernden Debatte und des "Enthüllungs-Wahnsinns" etwas zerstört werde, das "unmöglich zu reparieren" sei. Die BBC sei nicht mehr die Institution, die sie vor 25 Jahren gewesen sei, und das müssten alle Kritiker akzeptieren: "Es mögen Lehren daraus zu ziehen sein, aber die BBC bleibt für die Lebensqualität in Großbritannien wichtig und alle Veränderungen sollten sorgfältig abgewogen werden." Der "Guardian" spekuliert in der Tat darüber, dass die Politik die massive Krise der BBC nutzen könnte, um die Unabhängigkeit und den Umfang der Rundfunkanstalt zu beschneiden. Michael Grade, früherer Aufsichtsratschef der BBC, warnte davor, die Affäre sei "Wasser auf die Mühlen aller Gegner der BBC". Er schlug vor, einen Herausgeberrat der BBC aus unabhängigen Journalisten einzuberufen.

    BBC-Chef Tim Davie schrieb an die Mitarbeiter, viele Kollegen seien "zutiefst beschämt": "Ich weiß, dass wir heutzutage deutlich stärkere Verfahren und Strukturen haben, damit sich sowas nicht wiederholt. Gleichwohl müssen wir unsere Lektionen lernen und besser werden."

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