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Zuschauer-Tumult um Castorfs "Macht des Schicksals" in Berlin | BR24

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Minutenlang ging es hoch her in der Deutschen Oper Berlin: Zuschauer protestierten lautstark gegen Frank Castorfs Verdi-Inszenierung. Grund für die Aufregung: Sprechtexte von Curzio Malaparte und Heiner Müller. Der Regisseur gab sich gewohnt lässig.

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Zuschauer-Tumult um Castorfs "Macht des Schicksals" in Berlin

Minutenlang ging es hoch her in der Deutschen Oper Berlin: Zuschauer protestierten lautstark gegen Frank Castorfs Verdi-Inszenierung. Grund für die Aufregung: Sprechtexte von Curzio Malaparte und Heiner Müller. Der Regisseur gab sich gewohnt lässig.

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Immerhin, nach ungefähr drei Stunden waren alle wieder wach. Zuvor hatte Regisseur Frank Castorf mit seiner Interpretation von Verdis "Macht des Schicksals" an der Deutschen Oper Berlin so sehr gelangweilt, dass so mancher Zuschauer weggenickt war. Doch dann der Eklat: Als Sprechtexte von Heiner Müller und Curzio Malaparte aufgesagt wurden, rasteten Teile des Publikum aus, wohl weil sie fürchteten, dass sich der ohnehin sehr gedehnte und leider auch fade Abend durch die Einschübe unnötig weiter in die Länge zog.

Trillerpfeifen und wütendes Geschimpfe

Es kam zu einer minutenlangen Unterbrechung, Fans und Gegner von Castorf versuchten, sich gegenseitig niederzuschreien, beschimpften sich mit Kraftausdrücken. Trillerpfeifen kamen zum Einsatz, und auch beim Schlussapplaus musste sich Castorf so einiges anhören: Buhrufe und Beifall in wilder Mischung. Er selbst zeigte sich wie immer kampfbereit, wedelte mit den Händen, warf Küsschen in die Luft, quittierte die Proteste ironisch. Auf Krawall ist einer wie er seit Jahren nicht nur gefasst, sondern gespannt, wobei der 68-jährige es neuerdings etwas ruhiger angehen lässt und sich auch ständig wiederholt. In Bayreuth, wo er Wagners "Ring" auf die Bühne brachte, hatten die Zuschauer noch 15 Minuten pro und contra getobt.

© Thomas Aurin/Deutsche Oper Berlin

Am Armeelaster

Leider gab es diesmal überhaupt keinen Grund zur Aufregung. Castorf würzte Verdis etwas wirre Oper wie üblich mit ein paar Texten von Autoren, die aus den Eingeweiden des Faschismus die Zukunft herauslasen. Heiner Müller gehört dazu, in diesem Fall aber vor allem Curzio Malaparte, der deutsch-italienische Grenzgänger, der in seinem Roman "Die Haut" den Einmarsch der Amerikaner in Neapel 1943 beschrieb. Es geht um Opportunismus, Anpassung, Grausamkeiten, Lebenslügen und Leichenfledderei. Das wurde auch in den Bildern deutlich, die der zurecht immer wieder gefeierte Ausstatter Aleksandar Denic entworfen hatte.

Nervtötend fader Abend

Ob das Neapel sein sollte oder doch irgendeine spanische Stadt war einerlei: Mal prangte Franco auf einem Plakat, mal Mussolini. "Die Macht des Schicksals" traf also in jedem Fall Faschisten des 20. Jahrhunderts, und die lieben bekanntlich Uniformen und den Krieg, der in Verdis Oper tatsächlich eine herausragende Bedeutung hat. Nicht von ungefähr: Das damalige Italien war patriotisch aufgeheizt und bereitete sich darauf vor, seine Besatzer loszuwerden. Was den vierstündigen Abend so nervtötend fade machte, war Castorfs Hang zu den immer gleichen Anspielungen. In seinen oft sechs- bis siebenstündigen Schauspielproduktionen sind sie bei den Fans "Kult", in der Oper ganz offensichtlich noch nicht allgemein akzeptiert.

© Thomas Aurin/Deutsche Oper Berlin

Mussolini an der Kamera

Natürlich sind reichlich katholische Symbole zu sehen, wird mit Kreuzen hantiert, müssen die Mönche schwule Neigungen haben, muss ein brasilianischer Samba-Tänzer sein Pailletten-Höschen spazieren führen, eine Faschistin durch den Wald irren und die Video-Kameraleute sind einmal mehr ständig im Einsatz. Um das Grauen des Krieges zu illustrieren, spielen Statisten Lazarett, was ungefähr so absurd aussieht wie die Fernsehserie "M*A*S*H" aus den siebziger Jahren, wo bekanntlich super-coole und meist zugedröhnte Chirurgen in irgendeinem Militärhospital permanent Bauchschlagadern zusammenflicken. Ähnlich blutig ging es in Berlin zu. Doch das war weder komisch, noch makaber, sondern einfach nur platt.

© Thomas Aurin/Deutsche Oper Berlin

Diskussion unter Kerlen

Orchester als Klangtapete

So richtig Lust auf diese Oper hatte Castorf ganz offenbar nicht, was plausibel wäre, denn dieser Verdi ist langatmig und kompliziert. Wenn dann auch noch ein Dirigent wie der Spanier Jordi Benàcer jede Handschrift vermissen lässt und das Orchester streckenweise lediglich als konturenlose Klangtapete zu hören ist, wird das Gesamtergebnis ärgerlich. Die uruguayische Sopranistin Maria José Siri gab sich als Leonora in der Hauptrolle schauspielerisch redlich Mühe, doch Ausstrahlung hatte sie wenig, auch stimmlich. Dagegen trumpfte der amerikanische Tenor Russell Thomas als Don Alvaro mächtig auf - so lautstark, dass seine Emotionen nicht sonderlich vielschichtig waren. Da war der Bariton Markus Brück als Gegenspieler Carlo di Vargas weit klüger in der Einteilung seiner Kräfte und dadurch auch glaubwürdiger.

Einige Zuschauer, die wohl angereist waren, zeigten sich schwer beeindruckt über die Meinungsfreudigkeit des Berliner Opern-Publikums. Nun, so turbulent geht es selbst in der Hauptstadt selten zu. Wer alles richtig machen will, sollte sich die "Macht des Schicksals" in Frankfurt ansehen und daheim Curzio Malaparte und Heiner Müller lesen. Und Castorf? Der hat einem Interview dieser Tage versprochen, sich als Rentner die Welt anzusehen - und dabei fleißig zu inszenieren. Langweilig wird zumindest ihm also nicht.

Wieder am 14., 18. und 21. September an der Deutschen Oper Berlin, weitere Termine.

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