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Zum Tod von Ernst Augustin: Baumeister fantastischer Welten | BR24

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Er wollte die Welt sehen, nach der Flucht aus der DDR - und nahm auch seine Leser mit in ferne Länder und innere Welten. Der Schriftsteller Ernst Augustin kombinierte meisterhaft Tiefsinn mit Heiterkeit. Nun ist er in München gestorben.

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Zum Tod von Ernst Augustin: Baumeister fantastischer Welten

Er wollte die Welt sehen, nach der Flucht aus der DDR – und nahm auch seine Leser mit in ferne Länder und innere Welten. Der Schriftsteller Ernst Augustin kombinierte meisterhaft Tiefsinn mit Heiterkeit. Nun ist er in München gestorben. Ein Nachruf.

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Ursprünglich stammte Ernst Augustin aus Schlesien – und seine Heimat, die habe ihn geprägt, fand der Schriftsteller: "Das Riesengebirge, wo die ganzen Spinner, die ganzen Erzähler und die Rübezahle herkommen. Das ist eine Tatsache, das ist im Blut wahrscheinlich."

Fürs Erwachsenwerden sei es längst zu spät, sagte Ernst Augustin zu seinem 80. Geburtstag. Ein Wort- und Lebenskünstler mit Charme, Schalk und Understatement. Mit 90 lebte er dann unter Senioren, zurückgezogen, erblindet, doch heiter im Dunkel seiner Welt, und tat, was er immer gemacht hatte: Er ersann Fantasiewelten, Erlebnisräume, Seelenlandschaften. Ob in Romanen oder in seiner Münchner Stadtvilla.

Der Magier aus dem Riesengebirge

Wer von Ernst Augustin sprach, sprach von diesem Haus, dieser Wunderkammer mit klassizistischen Giebeln, barockem Stuck und Florida-Disco, mit Tropen-Paradies, toskanischen Landschaften und balinesischen Göttern, die ganze Welt in den eigenen vier Wänden – alles in Heimarbeit, versteht sich! Jeder Hausbesuch war ein Abenteuer mit Ernst Augustin, dem Erzähler, Arzt, Baumeister und Reisenden. "Ich wollte die Welt sehen", sagte Ernst Augustin über sich, "ich kam ja aus der DDR, wir waren ja praktisch eingesperrt, und vorher waren wir bei den Nazis eingesperrt, das war alles so eng. Ich wollte raus, ich wollte das alles sehen."

Er war ein Magier aus dem Riesengebirge: Groß, kühne blaue Augen, Grandezza, Goethe-Kopf; das schlohweiße Haar im Alter vorn etwas weniger, dafür hinten etwas länger. Ein Illusionist und Solitär des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Kaum einer hatte so einen Weitblick wie er, der in Rostock und Berlin studierte, als Arzt in Afghanistan arbeitete, Indien bereiste, in Costa Rica lebte, Häuser in London und New Orleans umbaute und als Psychiater in Berlin und München Stoff für sein spätes Schreiben fand, elegant, aber unprätentiös, fein ziseliert, mit Bleistift, labyrinthisch. Einer, der Menschen wie Häuser sah und umgekehrt, der Architektur lebte.

„Der Kopf“ hieß sein Debüt 1962 – mit 35 immerhin, ein Labyrinth wie alles Folgende – Donnerwetter. "Also, ein Kopf ist eigentlich nur ein Gefäß, das zur Verfügung steht, um etwas darin ablaufen zu lassen", sagte Ernst Augustin. "Und deshalb habe ich immer diesen Vergleich mit dem Haus. Es ist nicht der Körper, es ist der Kopf, das ist ein Haus und darin gibt es diese ganzen Möglichkeiten." Dunkle Kammern? "Ja, dunkle Kammern, natürlich – und wie!" Geheimnisvolle Gänge? "Ja, und geheimnisvolle Verbindungen – alles, die ganze Welt ist darin enthalten, man befindet sich ja eigentlich im eigenen Kopf."

Unterwegs in fernen Ländern und inneren Welten

Schizophrene, Hochstapler, Doppelgänger bevölkern seine zwölf filmreifen Romane, alle immer unterwegs, uns Leser im Schlepptau, in ferne Länder und innere Welten, über Traumpfade, durch Illusionslandschaften, in die vierte Dimension, ins Unterbewusste. Wie in „Raumlicht. Der Fall Evelyne B.“, der Orpheusgeschichte von einem Arzt und seiner einzigen Patientin. Augustin war schließlich Psychiater, jeder seiner Roman ist ein Angriff auf das bloß Sichtbare:

„Mahmud der Bastard“ erzählt – sehr frei – von einer historischen Figur, einem illegitimen Dorffürstensohn aus Afghanistan, der im Jahr 1000 Indien erobern will. „Die Schule der Nackten“ führt mitten ins Münchner FKK-Gelände und – unbedingt lesen – „Der amerikanische Traum“ ins Deutschland von 1944. Ein Junge flieht im Bombenhagel der Amerikaner und erfindet sich in seinen letzten Sekunden – so darf er ja nicht sterben – unterm seidenblauen Himmel Mecklenburgs, ein Leben als Detektiv in Chicagos Straßenschluchten. „Donnerwetter“! Im „Amerikanischen Traum“ kommt dieses „Donnerwetter“ dutzendfach.

"Also für mich ist Fantasie ein Werkzeug. Ich bin sehr glücklich, dass ich ein großes Werkzeug da zur Verfügung habe. Ich versuche, mir die Welt herzustellen, die Welt, in der ich lebe", sagte Augustin.

Tiefsinn und Heiterkeit

Ernst Augustin. Der Name ist Programm für den irrwitzigen Tiefsinn seiner heiteren Bücher, die existentielle Fragen von Leben und Tod wundersam leicht verhandeln, ganz ohne deutsche Erdenschwere. „Robinsons blaues Haus“ etwa, sein letzter, großer „Roman eines Lebens“, schildert, wie ein Mann mit einem schwierigen Erbe auf der Flucht ist. Ein Verwandlungskünstler. Der Tod erscheint diesem Robinson als freundlicher älterer Herr, als Freitag einer fernen Insel. Es geht um Liebe und Tod, das Leben und das große Geld in dieser modernen Robinsonade, worin der Held – wie sein Erfinder vielleicht – vorne in Grevesmühlen oder München ins Haus geht und hinten auf die Südsee schaut. Wie, das bleibt Ernst Augustins Geheimnis.

"Wohnen ist für mich synonym mit Leben, nicht. Man macht sich praktisch wohnlich, das ist ja der Sinn des Lebens. Man kommt in diese teilweise nur kurze Zeit, nicht, und richtet sich so gut es geht ein, das ist Leben."

Am 3. November ist Ernst Augustin in München gestorben.

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