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Zum Tod des Shakespeare-Übersetzers Frank Günther | BR24

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Seit den 1970er Jahren übersetzte Frank Günther das Gesamtwerk von William Shakespeare. 2011 wurde er dafür von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet.

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Zum Tod des Shakespeare-Übersetzers Frank Günther

Ein Leben für Shakespeare: Bis auf einen Teil der Sonette hat der Übersetzer Frank Günther das gesamte Werk von William Shakespeare ins Deutsche übertragen. Jetzt ist er im Alter von 73 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in Ulm gestorben.

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"Ich übersetze nicht nur vom Englischen ins Deutsche, sondern auch vom 17. Jahrhundert in die Gegenwart", sagte Frank Günther, der ein halbes Jahrhundert der Übertragung von Shakespeare-Texten widmete, bis auf einige Sonette übertrug er das gesamte Werk von William Shakespeare neu ins Deutsche. Insbesondere die Bühnenstücke hatten es ihm angetan – zu Beginn seiner Laufbahn war Frank Günther auch als Regisseur am Theater tätig gewesen. Günthers Übersetzungen seien die heute meistgespielten Fassungen auf deutschsprachigen Bühnen, hieß es von seinem Verlag Hartmann & Stauffacher Verlag in Köln. Der Verlag teilte heute mit, dass Frank Günther nach kurzer schwerer Krankheit in Ulm gestorben ist, im Alter von 73 Jahren. Seine Übersetzungen erschienen zunächst im fränkischen ars vivendi Verlag. Auch dort reagierte man bestürzt auf die Todesnachricht: "In seiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Giganten William Shakespeare ist Frank Günther selbst zum Giganten geworden. Was neben seinem Werk bleibt, sind die Erinnerungen an einen klugen, gewitzten, charismatischen und hochgelehrten Freund, der für uns immer so viel mehr sein wird als das, was wir heute in Worte fassen können."

Als Übersetzer wurde Frank Günther mehrfach ausgezeichnet, mit dem Übersetzerpreis der Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Stiftung und dem Christoph-Martin-Wieland-Preis. 2014 veröffentlichte er das Buch "Unser Shakespeare". Darüber hat Knut Cordsen mit Frank Günther gesprochen, als es vor sechs Jahren erschien.

Knut Cordsen: Die Zueignung ihres Buches "Unser Shakespeare" macht ja ganz bewusst Anleihen bei einem der berühmtesten Roman-Anfänge der Weltliteratur, bei dem Anfang von "Lolita" von Vladimir Nabokov. Nabokov hat immer wieder seine Liebe zur poetischen Wort-Struktur William Shakespeares erklärt, und Nabokov hat bereits 1941, also vor sehr langer Zeit, sich aufgeregt über die Verstümmelungen von Shakespeares Stücken auf der Theaterbühne. Er verfügte 1941, Shakespeare müsse in vollem Wortlaut ohne Weglassen einer einzigen Silbe aufgeführt werden, andernfalls lasse man es besser. Halten Sie es auch so? Leistet nur der korrekt Liebesdienst an Shakespeare, der ihn vollumfänglich aufführt?

Frank Günther: Ach, ich weiß nicht. Neulich gab es einen, wie ich hörte, vollumfänglich aufgeführten Hamlet am Burgtheater von Andrea Breth. Sechs Stunden plus. Ich weiß nicht, wie viele Leute ohnmächtig geworden sind dabei, aber sogar ein sehr textliebender Kritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war etwas erschöpft am Ende.

Das Stück, das wie kein anderes als Liebesstück Shakespeares wahrgenommen wird, ist "Romeo und Julia" natürlich. Eine "Lovestory mit Widerhaken" haben Sie dieses Stück einmal in einem Bericht aus Ihrer Übersetzer-Werkstatt genannt: "Was nämlich gerne übersehen wird, das sind die Verbal-Ferkeleien Shakespeares, die Doppeldeutigkeiten, die derben Wortspiele." Und bei deren Übersetzung haben Ihre Vorgänger, kann man vielleicht sagen, mitunter ziemlich versagt. Geben Sie uns aus "Romeo und Julia" vielleicht einige Beispiele?

Ja, Sie erinnern sich an die Szene, als Romeo sich beim Fest der Capulets in Julia unsterblich verliebt hat. Sie ist sein reiner Engel, eine keusche Frau, eine Unberührbare, schwebt über allem, flieht von seinen derben Freunden weg ins Gebüsch. Er will allein sein mit seiner Geliebten und seine Freunde suchen und finden ihn nicht. Dann sagt der eine: "Now will he sit under a medlar tree And wish his mistress were that kind of fruit As maids call medlars when they laugh alone. O Romeo, that she were! Oh, that she were An open arse, and thou a poperin pear." Das versteht heute auch kaum ein Engländer mehr ohne weitere Erklärung. Hierin verstecken sich also sehr viele sehr schöne Wortspiele. Es geht eigentlich um die Mispel. Die Mispel war aber in elisabethanischer Zeit ein Slang-Synonym für das weibliche Genitale. Ein Ausdruck für etwas Derbes, Deftiges. Nun ist aber die Mispel nicht gerade etwas, wozu einem als Übersetzer im Deutschen etwas sehr Schweinisches einfällt. Ich habe lange drüber nachgedacht, aber es ist mir nichts eingefallen. Und so muss der Übersetzer etwas ausgreifen. Ich habe das dann so übersetzt: "Nun sitzt er unter einem Pflaumenbaum und träumt von seinem liebsten Früchtchen und von dem, was Mädchen kichernd Pflaume nennen. Ach Romeo, wär sie ein Vögelbeerbaum doch und du ihr Specht und hacktest froh dein Loch!"

© picture alliance / Bildagentur-online/Abecasis

William Shakespeare (1564-1616), Ausschnitt aus einem Stich aus dem 19. Jahrhundert,

Gehört der Wortwitz, das Wortspiel für Shakespeare zur Liebe?

Der Wortwitz gehört bei Shakespeare eigentlich zu fast allem. Von der ernstesten bis zur komischsten, von der feinsinnigen Gesprächssituation oder Sprachhöhe bis zum derbsten Gossengeferkel ist die Doppeldeutigkeit und das Wortspiel geradezu Handwerkszeug: das Mittel, um Wahrheit deutlich zu machen. In der Vieldeutigkeit der Sprache liegt für den Sprachkünstler Shakespeare – der einer der größten Sprachskeptiker überhaupt war, der der Sprache grundlegend misstraut hat – immer das Potenzial, im Dazwischen etwas zu entdecken von der Welt.

Sie nennen Übersetzungen ganz allgemein "Rückeroberungen verloren gehenden Sinnes". Fallen uns diese Rückeroberungen von Shakespeare mit Zunahme der Jahre, die zwischen ihm und uns liegen, immer schwerer?

Man muss sagen, die Schlegelsche Übersetzung, die Shakespeare ja kanonisiert hat in der deutschen Literaturgeschichte, die ihn zum ‚deutschen‘ Dichter gemacht hat, ist ja für viele Schüler zum Beispiel heute schon gar nicht mehr verständlich. Man kann auch beispielsweise, wie ich mir habe sagen lassen, kein "Käthchen von Heilbronn" oder keinen "Zerbrochenen Krug" von Kleist in der Schule mehr lesen, ohne gleichzeitig Wort-Listen mitzuliefern, damit die Schüler das Deutsch des Herrn Kleist verstehen. Ähnlich ist es natürlich mit der Sprache von Herrn Schlegel, wenn da die Rosalinde zu ihrer Cousine Celia sagt: "Ei, du mein liebes Mühmchen". Da dürften die meisten unter Zwanzigjährigen den Unterkiefer fallenlassen und fragen: Was hat sie gesagt? Kein Mensch versteht es mehr. Diese Schlegelsche Sprache ist antiquiert. Sie hat auch bereits den Staub der Zeit auf sich gelagert. Die Rückeroberung in einer neuen Übersetzung hat natürlich immer den Vorteil, dass man etwas, was man sonst gar nicht verstehen würde, in der Annäherung vielleicht wiedergewinnen kann. Was Schlegel oder vor ihm Wieland ja tunlichst vermieden haben, waren alle Doppeldeutigkeiten im erotischen Sinne. Alles, was derb war, das galt als Beiwerk des groben und primitiven Mittelalters – um 'den Pöbel der Londoner Proleten lachen zu machen' oder so ähnlich hat Wieland es ausgedrückt. Das kann man in einer modernen Übersetzung heute natürlich versuchen, wiederzugewinnen. Und die Engländer stehen inzwischen vor exakt dem gleichen Problem oder einem noch schlimmeren: Sie können ihren Shakespeare ja eigentlich nicht übersetzen, den größten Sprachkünstler ihrer Literaturgeschichte. Aber Shakespeares Sprache wird für Engländer ersichtlich immer unverständlicher.

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