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Zum 100. Todestag: Max Weber - Der Denker und das Virus | BR24

© dpa

Max Weber

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Zum 100. Todestag: Max Weber - Der Denker und das Virus

Man kennt den Namen, nicht unbedingt sein Werk. Dabei hätte uns der Soziologe Max Weber jetzt einiges zu sagen - nicht nur, weil er vor 100 Jahren in München an einer Pandemie gestorben ist. Überlegungen zu Trambahnen, Vernunft und Dickbrettbohrern.

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Von
  • Michael Kubitza

Wenn man in diesen Tagen wieder mal einen Politiker seufzen hört, sein Beruf gleiche dem "Bohren dicker Bretter", muss es sich nicht um einen Hobby-Schreiner handeln. Es könnte auch einer sein, der Max Weber gelesen hat (oder jemanden kennt, der ihn kennt). Im Original lautet die Formulierung so:

"Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich."

Längst ist das erstmals 1919 in München gesprochene Wort ein geflügeltes, populärer als andere Gedanken seines Urhebers - auch in Bayern, wo der Soziologe seine unruhigen letzten Lebensjahre verbracht hat.

Daran ändert auch nichts, dass Biograf Jürgen Kaube in Weber den "nach Luther und Goethe vermutlich meisterforschten deutschen Intellektuellen" sieht. Dass sein Werk weltweit gelesen, sogar ins Chinesische übersetzt worden ist. Auch der Münchner Max-Weber-Platz befördert den Nachruhm im Volk nur bedingt: Der Trambahnknotenpunkt wurde 1905 nach einem Vorstadt-Gemeindeschreiber benannt und erinnert erst seit zwei Jahrzehnten hochoffiziell auch an den am 14. Juni 1920 mit 56 Jahren verstorbenen Gelehrten, der vier Tramstationen weiter im Krematorium auf dem Ostfriedhof eingeäschert wurde.

© SZ-Photo

Der Max Weber Platz: ein Straßenschild als Männer-Zweck-WG

Weltbürger und Wutbürger

Was also war das für einer, dieser bohrende Denker mit dem spitzen Bart? "Max Weber ist von allem etwas", sagt Rainer Lepsius, Mit-Herausgeber der 47-bändigen Weber-Gesamtausgabe: ein Soziologe, Politologe, Jurist, Ökonom und Geschichtsphilosoph. Außerdem (nacheinander oder gleichzeitig): Einserschüler, Burschenschaftler, Eigenbrötler; Bourgeois und "Wutbürger" (Kaube); Allesleser und charismatischer Redner; Weinliebhaber und Nervenleidender; politisch Demokrat, Nationalist, liberaler Sozialreformer, dazu loyaler Gatte der Frauenrechtlerin Marianne Weber.

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Max Weber (l.) 1917 im Disput mit Ernst Toller (Mitte)

Max Weber in München: Der Professor, die Revolution und das Virus

Nicht alles in Webers Biografie fügt sich bruchlos zusammen. Seine letzte große Lebensleistung: im Hochverratsprozess gegen die Akteure der Münchner Räterepublik bescheinigt der dezidierte Revolutionsgegner Weber dem Revolutionär Ernst Toller "absolute Lauterkeit" - was den Angeklagten wohl vor der Todesstrafe bewahrte. Diese Bruchstellen in Leben und Denken machen die Beschäftigung mit dem (neben Georg Simmel) ersten großen Soziologen des Landes spannend.

Und manche seiner Gedanken sind im 100. Jahr seines Todes aktueller denn je - nicht nur, weil Weber ein Semester nach seiner Berufung zum LMU-Professor der Nationalökonomie der Spanischen Grippe zum Opfer fiel, jener bis eben noch letzten weltweit wütenden Pandemie, an der nach Schätzungen der WHO damals 25 bis 50 Millionen Menschen starben.

© picture-alliance / akg

Trambahn in den USA, 1918

Merkel, Drosten ... Weber

Wen etwa die gewissen Gerüchte irritieren, die Republik würde durch eine Verschwörerbande regiert, zu der neben der Kanzlerin der Virologe Christian Drosten und die Bruderschaft des seligen Robert Koch gehören sollen, oder wer über das Verhältnis von Politik und Wissenschaft nachdenkt, der könnte als Begleitlektüre zwei Reden Webers lesen. Beide hat der Politikwissenschaftler in den Jahren vor seinem Tod gehalten: "Wissenschaft als Beruf" heißt die eine von 1917, die andere, 1919 an der LMU gehaltene: "Politik als Beruf".

"Wissenschaft als Beruf", oder: die Vergänglichkeit der Erkenntnis

Die erste Rede verrät uns - nach Einblicken in die "Amerikanisierung" und den Antisemitismus des deutschen Universitätsbetriebs anno 1917 - Webers Definition, was die "Wertsphäre" Wissenschaft ausmacht: ein Zusammenspiel aus Hingabe an die Sache, Augenmaß, Arbeit - und dem Glücksfall des richtigen Einfalls: "Nur auf dem Boden ganz harter Arbeit bereitet sich normalerweise der Einfall vor. Gewiss: nicht immer."

Überraschend eindeutig verteidigt der Universalist Weber die zunehmende Arbeitsteilung der Wissenschaft, ihre Aufteilung in Disziplinen und Teildisziplinen. In einer immer komplexeren Welt scheint es ihm nur folgerichtig ...

"... dass die Wissenschaft in ein Stadium der Spezialisierung eingetreten ist, wie es früher unbekannt war, und dass dies in alle Zukunft so bleiben wird."

Lange vor der Erfindung von Talk Shows und Social Media ironisiert Weber die Eitelkeit von Kollegen, die "mehr als ein 'Fachmann' sein () wollen: wie mache ich es, dass ich, in der Form oder in der Sache, etwas sage, das so noch keiner gesagt hat wie ich?" Was ein wenig an Karl Valentins Ausspruch erinnert, es sei schon alles gesagt - nur noch nicht von allen.

Umso unmissverständlicher benennt - und begrüßt - Weber die ernüchternde Tatsache, dass jede wissenschaftliche Erkenntnis eine Art unsichtbares Verfallsdatum trägt.

"Die wissenschaftliche Arbeit ist eingespannt in den Ablauf des Fortschritts. (...) Jeder von uns in der Wissenschaft weiß, dass das, was er gearbeitet hat, in zehn, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft."

Was bis heute zutrifft; nur dass sich das Tempo beschleunigt hat, in dem etwa die Wirksamkeit von Atemschutzmasken erst bezweifelt, dann aber bestätigt wird.

"Politik als Beruf", oder: Bretter, die die Welt bedeuten

Dafür, die zersplitterten, widersprüchlichen und schnell überholten Erkenntnisse der Wissenschaft fruchtbar zur Anwendung zu bringen, sind in der arbeitsteiligen Gesellschaft vor allem die "Dickbrettbohrer"der Politik zuständig. Längst klassisch geworden ist Webers Unterscheidung in politische "Gesinnungsethiker" und "Verantwortungsethiker": Während erstere unbeirrbar ihrem Ideal folgen, schätzen letztere die Folgen ihres Tuns sorgfältig ab - was die Bohrzeit verlängern kann, in Webers Augen aber zielführender ist.

Die große Tram - und wie man drin fährt

Nicht ganz so geläufig ist - selbst auf dem Max-Weber-Platz - ein anderes Erklärbild Webers. Er vergleicht die moderne Gesellschaft mit einer Straßenbahn, deren Passagiere auch dann vorankommen, wenn sie nicht wissen, welche physikalischen Gesetze sie in Bewegung halten. Ähnlich verhalte es sich mit anderen Errungenschaften der Zivilisation - "Geld oder Gericht oder Militär oder Medizin": Selbst "der Wilde" wisse besser über seine Werkzeuge Bescheid. Ein "Zurück zur Natur", ein Plädoyer für Naturalientausch, Globuli oder Nordic-Walking-Stöcke lässt sich daraus freilich nicht ableiten. Schließlich, so Weber, könnte man die Wirkmechanismen ja herausfinden - wenn man wollte. Den Soziologen leitet ...

"... die Zuversicht darauf, dass sie [die Schöpfungen der Zivilisation] rational, d.h. nach bekannten Regeln, und nicht wie die Gewalten, die der Wilde durch seinen Zauber beeinflussen will, irrational funktionieren, dass man, im Prinzip wenigstens, mit ihnen 'rechnen' (...) könne."

Wie genau man hinschauen sollte, wer die Tram steuert, schreibt Weber nicht. Aber: Auch "radikalster Zweifel" - wenn er denn vernünftig begründet ist - sei legitim und erkenntnisfördernd. Danke, Weber!

© dpa

Max Webers Totenmaske

© BR

Leben und Werk des Sozialwissenschaftlers Max Weber.

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