Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Zukunftsprognose: Kirche verliert Hälfte ihrer Mitglieder | BR24

© BR

Bei den zwei großen Kirchen in Deutschland schrillen die Alarmglocken: Laut einer neuen Studie der Universität Freiburg könnten sie bis zum Jahr 2060 rund die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Bildergalerie
  • Artikel mit Video-Inhalten

Zukunftsprognose: Kirche verliert Hälfte ihrer Mitglieder

Jahr für Jahr zählen die beiden großen Kirchen in Deutschland weniger Mitglieder. Eine Studie des Freiburger Forschungszentrums Generationenverträge zeigt nun: Bis zum Jahr 2060 wird sich die Zahl praktisch halbieren.

Per Mail sharen
Teilen

Von 44,8 Millionen im Jahr 2017 wird die Zahl der evangelischen und katholischen Kirchenmitglieder nach neuesten Schätzungen auf 22,7 Millionen im Jahr 2060 zurückgehen. Das "Forschungszentrum Generationenverträge" an der Universität Freiburg hat im Auftrag der beiden großen Kirchen diese Langfristprojektion erstellt. Schon 2035 wird mehr als ein Drittel der Mitglieder älter als 65 Jahre sein, so Projektleiter Bernd Raffelhüschen im BR-Gespräch. Der Alterungseffekt werde durch Austritte verstärkt.

"Zu diesem erheblichen Alterungseffekt kommt hinzu, dass die Austrittswahrscheinlichkeit von Erwerbspersonen nochmal diesen demografischen Effekt verstärkt, und dass die wenigen Wiedereintritte ebenfalls zu Buche schlagen. Und dann haben wir die Migration, die allerdings - wenn überhaupt - der katholischen Kirche hilft." Bernd Raffelhüschen, Forschungszentrum Generationenverträge

Zwar gilt: Jahr für Jahr treten etwa 57.000 Menschen deutschlandweit in die Kirchen ein, davon profitiert aber vor allem die evangelische Kirche. Unter christlichen Zuwanderern aus dem Ausland sind dagegen mehrheitlich Katholiken. Doch all das wiegt bei weitem nicht den Faktor auf, den Finanzwissenschaftler Raffelhüschen die "Austrittswahrscheinlichkeit" nennt.

Vor allem Menschen zwischen 20 und 35 Jahren treten aus

Im Lebensalter zwischen 20 und 35 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kirchenmitglieder austreten, am höchsten. Das ist für die Kirchen besonders schmerzhaft. Denn in diesem Alter werden Familien gegründet, Kinder zur Welt gebracht, die dann in der Regel nicht mehr mit der Kirche in Berührung kommen, nicht mehr getauft werden. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, will diesen Trend umkehren.

"Ich schau mit Zuversicht in die Zukunft, weil ich so viele Menschen erlebe, die aufbrechen, die sich Kraft geben lassen von dieser Botschaft und die deswegen auch für andere attraktiv sind und neugierig machen. Das ist jedenfalls meine Hoffnung, dass das in Zukunft unabhängig von der Zahl immer deutlicher werden wird, welche Kraft in dieser Botschaft steckt." Heinrich Bedford-Strohm, EKD-Ratsvorsitzender

Wenn sich die Zahlen der Kirchenmitglieder tatsächlich bis zum Jahr 2060 halbieren, dann hätte das natürlich auch finanzielle Folgen: Die Mittel, die den Kirchen zur Verfügung stehen, halbieren sich dann ebenfalls. Vor allem, wenn Menschen – so wie bisher – am Beginn ihrer Berufslaufbahn austreten. Deshalb empfehlen die Freiburger Forscher den Kirchen in Mitgliederbindung zu investieren.

Kirchensteuermittel halbieren sich bis 2060

Das düstere Zukunftsszenario, dass die Forscher rund um Bernd Raffelhüschen gezeichnet haben, macht den Kirchen deutlich, dass sie ihr Angebot in dieser Form nicht mehr leisten können: nicht mehr in jeder Kirchengemeinde wird es einen Gottesdienst geben, nicht mehr jedes Kirchengebäude kann erhalten werden.

"Wir werden die theologische Flächenversorgung diskutieren müssen, wir werden die Bauten diskutieren müssen. Aber das sind nur Tropfen auf den heißen Stein. Der wirklich entscheidende Faktor ist: Können wir als Kirche die Menschen weiterhin an uns binden oder nicht. Wenn wir das nicht tun, haben wir eine Hebelwirkung, die sehr ungesund wird." Bernd Raffelhüschen

Wie ungesund, das zeigt ein Blick in die Zukunft in Regionen, in denen die Kirchenbindung schon heute schwach ist. Im Osten Deutschlands werden, so die Projektion, 2060 nur noch 1,5 Millionen Christen leben. So gesehen liefert die Freiburger Studie den Bischöfinnen und Bischöfen vor allem eines: gute Argumente für die anstehende Reformdiskussion in ihren Kirchen.

Für weitere Themen rund um Religion, Kirche und Spiritualität, abonnieren Sie den Newsletter der Religion und Orientierung unter www.br.de/newsletter-religion.

© Quelle: privat Bernd Raffelhüschen

Leiter des Forschungsprojekts Bernd Raffelhüschen

© Forschungszentrum Generationenverträge

Mitgliederentwicklung beider Kirchen in Millionen bis zum Jahr 2060

© Forschungszentrum Generationenverträge

Austrittswahrscheinlichkeit von Frauen und Männern in verschiedenen Altersgruppen

© Forschungszentrum Generationenverträge

Kircheneintritte/-austritte (Anteil in Prozent der Mitglieder in den Jahren von 2001 bis 2017)

© Zentrum für Generationenforschung

Kirchenmitglieder evangelisch und katholisch 2017

© Zentrum für Generationenforschung

Kirchenmitglieder evangelisch und katholisch 2035

© Zentrum für Generationenforschung

Kirchenmitglieder evangelisch und katholisch 2060

Sendung

radioWelt

Autor
  • Tilmann Kleinjung
Schlagwörter